Wirtschaft : Vom Kreidekreis zur roten Ledercouch

TITUS KRODER (HB)

LONDON .Im Saal bleibt es auch am Vormittag etwas dämmrig.Doch in der Mitte steht dieses riesige Ledersofa grellrot im Licht der Deckenfenster - wie hergerichtet für ein kultisches Ritual.Die gepolsterte Sitzbank, der "Ring", beschreibt einen vollen, an vier Stellen betretbaren Kreis.Das sperrige Rundmöbel mißt neun Meter im Durchmesser.Es steht in der Leadenhall Street Nummer 56, dem Sitz der Londoner Metallbörse.

An keiner anderen Stelle zeigt die City mehr Folklore.In Zeiten, da das elektronisch betriebene Wertpapiergeschäft Pressefotografen zunehmend auf das dröge Motiv "Bildschirm mit Händler" festlegt, taugt die Weltleitbörse für Basismetalle zum regelrechten Touristenmagneten.Diese malerische Seite zeigt die 122 Jahre alte Börse auch bereitwillig nach außen.

Kein anderer Markt der City ist andererseits so sehr damit beschäftigt, seinen professionellen Ruf verteidigen zu müssen.Von unlauterer Preisbeeinflussung, Interessenverquickung, mangelhafter Transparenz und dem Regiment der Großspekulanten war im Zusammenhang mit dem Londoner Metallhandel schon häufig die Rede.

Erst vor kurzem mußte die Börse wieder einmal eingreifen.Bei Blei war es zu verdächtig starken Preisanstiegen gekommen.Vorher schon gab es bei Aluminium ähnliche Probleme."Es ist auf Dauer nicht gut, daß die Börse so oft einschreiten muß", sorgt sich Christian Schirmeister von MG Limited, einem der drei größten Metallbroker in London, um den Ruf der Börse.

Noch heute wickelt ein vertrauter Kreis von nur 14 Händlern den Ringhandel ab.Zwar setzt London nur ein Viertel des weltweiten Marktvolumens um, der Rest wird außerbörslich im 24-Stunden-Handel abgewickelt.Doch ist der in der City ermittelte Preis der global gültige Tagesmaßstab.Pro Metallsorte dauert eine Sitzung im roten Lederring nur 360 Sekunden.In der knapp bemessenen Zeit müssen Angebot und Nachfrage aller Teilnehmer zur Deckung gebracht werden.Über Telefon gehen weltweite Gebote ein, die an die Broker im Ring weitergegeben werden.Der zuletzt gehörte Preis ist das Fixing, das sich über Agenturen blitzartig über den Globus verbreitet.

Metallhandel fand in der London Metal Exchange (LME) seit jeher im vertraulichen Kreis statt.Die Szene kannte sich gut und tut es noch.Früher wurden die Partien gleich ab Schiff verschachert.Die Händler trafen sich unten an der Themse in den Kaffeehäusern auf den Quais.Man malte einen Kreidekreis auf den Boden und gruppierte sich für den Handel außen herum - der Vorläufer der roten Börsencouch.

Die Schiffsreise von den chilenischen Kupferminen oder dem Nickel-Abbau auf den Inseln des Südpazifiks dauerte Monate und war mit allerlei Unwägbarkeiten behaftet.So fing man an, die Ware bereits zu einem festen Preis zu verkaufen, als diese noch gar nicht angekommen war.Preisschwankungen oder der Totalausfall waren damit abgesichert, das Risiko "gehedgt", wie es im Jargon heißt.Dieses, heute in allen Wertpapiersparten übliche Termingeschäft, hat im Metallhandel seinen Ursprung.Heute werden täglich Terminkontrakte im Wert von 7,5 Mrd.Dollar umgesetzt, 90 Prozent davon führen niemals zur Lieferung von physischem Metall.

Preissicherung und Spekulation seien nicht voneinander zu trennen, räumen Praktiker wie Christian Schirmeister ein.Heutzutage ist die Metallbörse eher ein Ort des täglichen Abgleichs von Terminwetten, die von Absicherungsgeschäften begleitet sein können.Das ist legitim, moderne Rohstoffterminmärkte funktionieren so.Dabei ist es gleichgültig, ob die "unterlegte Ware" Schweinebäuche, Orangensaft oder eben eine Tonne Blei ist.Das wichtigste aber ist, daß die Sache für alle Teilnehmer transparent abläuft, was bisher häufig nicht der Fall war.

Schürfvolumen und Verbrauch von Aluminium, Nickel, Zink, Zinn, Kupfer und Blei sind vergleichsweise gering.Der Preis beginnt schon angesichts kleiner Veränderungen in der Weltproduktion zu schwanken.Das fragile Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage fordert strategische Spielchen mit hohem Risiko und enormer Gewinnaussicht geradezu heraus.Die angestammte Klientel der Metallbörse, Minengesellschaften und Verarbeiter, wird zunehmend durch spekulative Fonds ergänzt."Mit 120 Mrd.Dollar im Rücken können die ein Gewicht in die Waagschale werfen, das früher nicht denkbar war.Man sollte bedenken, daß die Lagerbestände in London nur bei zwei Mrd.Dollar liegen", sagt David Humphreys, Chefökonom von Rio Tinto, dem weltgrößten Bergbaukonzern.

Andererseits sorgen gerade die Hasardeure auf dem Nischenmarkt für den nötigen Umsatz."Wenn man den Markt transparent macht, vertreibt das die Fonds.Der Markt wird weniger flüssig, und das führt zu noch mehr Volatilität", beschreibt ein Marktbeobachter das Dilemma.

Man kann in diesem Geschäft sehr anonym auftreten und doch ein großes Rad drehen."Wenn ein Marktteilnehmer über mehrere Banken an uns Broker herantritt, dann kann er, ohne daß es sofort nachvollziehbar ist, eine große Position aufbauen", sagt Broker Schirmeister.Im weitaus dämmerigeren Umfeld des außerbörslichen Handels hat so der Kupferhändler Yasuo Hamanaka des Handelshauses Sumitomo 1996 eine Terminposition über 10 Prozent der Weltkupfervorräte aufgebaut.Als der Markt sich gegen ihn drehte, gab es 2,6 Mrd.Dollar Verlust bei Sumitomo und eine Krise am Weltkupfermarkt.

Die Londoner Metallbörse war nach eigenen Angaben völlig arglos.Sumitomo sei kein Mitglied der Börse und damit nicht zu kontrollieren gewesen.Kritiker sagen, die Börse hätte als wichtigste Schaltstelle in diesem engen Markt wach werden und die Sache publik machen müssen.

"Es ist eine seidenweiche Angelegenheit, welche Preisbewegung sieht noch natürlich aus, welche ist manipuliert, das ist im Grunde nicht nachvollziehbar", sagt Schirmeister ganz offen.

Nach gut einem Jahrhundert Betrieb auf der bloßen Grundlage von Händlerwort und Börsenehre bricht der Metallhandel nun mit zaghaften Schritten und reichlich spät in die Glasnost-Ära auf.Handelsaufzeichnungen, Eingriffe in das Geschehen und Preislimitierungen - dies sind die ersten Reformen des "Clubs" wie Viktor Bielski, Chef des Rohstoffresearch der Deutschen Bank die Metallbörse noch vor gut einem Jahr bezeichnet hat.Doch selbst auf der Zuschauertribüne sind Ferngläser immer noch verboten.Information ist alles in diesem Markt, der beides sein möchte: durchsichtig und doch vertraulich.

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