Wirtschaft : Vom Musterschüler zum Sorgenkind

Die Konservativen hatten zunächst Erfolg – nun schwächelt die Wirtschaft, und auf die EU ist kein Verlass

Ralph Schulze[Madrid]

Nun beginnt auch Europas Musterschüler Spanien zu schwächeln. Der Lack des südlichen Aufsteigerlandes, das in den letzten Jahren durch überdurchschnittliche Wirtschaftsdaten glänzte, blättert allmählich ab. Spätestens nun, wo die Inflationsrate auf vier Prozent schnellt, doppelt so viel wie vorhergesagt, wird klar, dass auch Spaniens viel gerühmte Stabilität ins Wanken gerät.

Der Euro ist spätestens jetzt offiziell für die Spanier ein „Teuro“. Eine Erfahrung, die sich im Anstieg der Preise allein von September auf Oktober um ein Prozent spiegelt. Doch auch die vier Prozent Jahres-Teuerungsrate drückt nur die halbe Wahrheit aus, wurde doch ausgerechnet zur Euro-Einführung die Inflationsrate mit einem neuen Berechnungsverfahren geschönt. Das hatte die kuriose Folge, dass Spaniens Teuerung im ersten Euro-Monat Januar auf wundersame Weise sank.

Doch allein die Explosion der Preise für das wichtigste spanische Konsumgut, das Eigenheim, das heute zehn Prozent teurer ist als im Vorjahr, illustriert die gefährliche Spirale. Aber nicht nur die außer Kontrolle geratende Inflation verhagelt dem konservativen Regierungschef José Maria Aznar die Bilanz. Auch das Wachstum ist dabei, sich von vier Prozent auf unter zwei zu halbieren. Rechnet man noch die sieben Milliarden Euro Überweisung aus EU-Töpfen heraus, bleibt von der Wirtschaftskraft wenig übrig. Der Staatshaushalt kommt zwar derzeit ohne Neuverschuldung aus, aber auch das könnte sich bald ändern.

Zumal die größte Gefahr für das Land erst noch kommt: die EU-Osterweiterung. Spanien hat es, trotz vieler Fortschritte, auch nach 15 Jahren EU-Alimentierung nicht geschafft, an das europäische Niveau anzuschließen. Die Arbeitslosigkeit ist mit über elf Prozent immer noch die höchste der EU, die Produktivität eine der niedrigsten. Zu den Schlusslichtern gehört Spanien auch bei Investitionen in Bildung, Forschung und Sozialsysteme. Und das in einer Zeit, in der der EU-Geldregen zugunsten Osteuropas versiegen wird. Ralph Schulze, Madrid

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