Vom Pferd erzählt : Was Berlin-Brandenburg mit Ross und Reiter anfängt

Zu DDR-Zeiten stand der Reitsport in Brandenburg unter kapitalistischem Schnöselverdacht. Inzwischen ist das Pferd zum Wirtschaftsfaktor geworden. Ponyhöfe und Wanderreitstationen eröffnen in Serie.

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Mindestens 38.000 Pferde gibt es in Berlin und Brandenburg. Tendenz steigend.
Mindestens 38.000 Pferde gibt es in Berlin und Brandenburg. Tendenz steigend.Foto: imago/imagebroker

Pessimisten kalkulieren, dass ein Pferd seinen Besitzer im Schnitt pro Monat 1000 Euro kostet. Für Boxenmiete, Futter, Hufschmied, Tierarzt, Transporte, Versicherung, Ausrüstung, Förderung durch professionelle Reiter und das tägliche Leckerli obendrauf. Optimisten glauben, dass 600 Euro reichen. Und wenn die Wahrheit wie so oft auch hier in der Mitte liegen würde, ergäbe das für den Raum Berlin-Brandenburg allein für die 38.000 Pferde, die in 470 Pferdesportvereinen und 195 Pferdebetrieben registriert sind, einen jährlichen Umsatz von 364 Millionen Euro.

Das ist vielleicht zu hoch gegriffen, denn den Großteil der 1000- und 600-Euro-Rechnung macht die Boxenmiete aus und für die gilt: je berlinferner und je bescheidener der Stall, desto billiger. Andererseits sind längst nicht alle Pferde und Reiter registriert. Offiziell zählt die Region 24.000 Pferdebesitzer und 32.000 Sportreiter, was tausende Hobbyreiter nicht einschließt. Und auch die haben Wünsche – und zahlen für eine Reithose schon mal 150 Euro, für Stiefel um die 300 Euro, und der Reithandschuh-Bestseller der Firma Roeckl kostet auch um die 30 Euro.

22.000 Besucher kommen zur Reitsportmesse

Die alljährliche Reitsportmesse „Hippologica“, die in ihrer 23. Auflage kürzlich in den Messehallen am Funkturm lief, ist ein Versuch, diesen Markt zu bedienen. Projektleiterin Kerstin Ebel freute sich am Ende über leicht gestiegene Besucherzahlen (22.000), das bunte Show- und Informationsprogramm und „das ausgezeichnete Feedback seitens der Aussteller“. 185 seien es gewesen – die bekannteren Namen aus dem Berliner Einzelhandel waren nicht dabei.

Als einen Grund dafür nennt Karin Hoffschild vom gleichnamigen „Reitsportcenter Hoffschild“ am Hohenzollerndamm in Wilmersdorf, das fehlende Niveau: Die Messe biete viel „Ramsch“, namhafte Hersteller fänden sich kaum, die Stände seien lieblos hingezimmert. Von klassischem Reitsportflair keine Spur, am ehesten würden die Freunde der rustikaleren Freizeit- oder Westernreiterei etwas Interessantes finden.

Händler beklagen fehlende Qualität

Hoffschild, gegründet 1976, ist inzwischen das älteste Reitsportgeschäft in Berlin. Und mit 500 Quadratmetern Verkaufsfläche auf zwei Etagen im innerstädtischen Raum auch das größte. Man werde seit Jahren immer wieder von der Messeleitung angefragt, ob man einen Stand haben wolle, lehne aber ebenso regelmäßig ab, weil den alljährlichen Beteuerungen, künftig für mehr Qualität zu sorgen, keine Taten folgten, sagt Karin Hoffschild. Insgesamt fehlen der Region ihrer Meinung nach ein gewachsenes Züchterumfeld und ein hochwertiges Turnier. Ein immer wieder mal angepeiltes Hauptstadtturnier konnte sich bislang nicht etablieren.

Auch der Reitsportgroßhändler Krämer, der 2013 und 2014 je einen sogenannten „Megastore“ in den Westen (Kleinmachnow) und den Osten (Ahrensfelde) der Stadt klotzte, sieht keinen Grund, sich auf der Messe zu präsentieren. Das Unternehmen aus Baden-Württemberg, das mit seinen 600 Mitarbeitern hauptsächlich als Versandhändler tätig ist, habe das nur einmal zum Flagge zeigen vor der Kleinmachnower Eröffnung gemacht, darüberhinaus lohne sich das nicht, der Aufwand sei zu groß. Davon abgesehen ist Krämer-Geschäftsführer Frank Schmeckenbecher mit der Umsatzentwicklung in der Region zufrieden. Man habe hier rund 25.000 Kunden und sehe Luft nach oben. Schmeckenbecher nennt den Berliner Großraum in Sachen Reitsport zwar „nicht vergleichbar“ mit dem Westen, aber trotzdem: „ein aufstrebendes Gebiet“.

Zu DDR-Zeiten unter kapitalistischem Schnöselverdacht

Krämer wie Hoffschild haben mit der Wende erlebt, wie Brandenburg von den bis dahin in West-Berlin eingesperrten Pferdefreunden erobert wurde. Hoffschild vergrößerte sein Geschäft und gewann viele neue Kunden, weil ein Pferd mit den billigeren Unterstellmöglichkeiten auf dem Land plötzlich kein Superluxus mehr war. Und Krämer sah seine Kundenkartei im Osten förmlich explodieren. Kurz vor dem Mauerfall habe man gerade vier Adressen im Osten gehabt, an die man gelegentlich lieferte.

In Brandenburg, wo der Reitsport zu DDR-Zeiten wegen kapitalistischen Schnöselverdachts kaum gelitten war, hat sich die Reiterei seit Mauerfall besonders als touristisches Angebot etabliert. Ponyhöfe und Wanderreitstationen eröffnen in Serie, und daran, dass das auch so bleibt, arbeitet unter anderem der Verband zur Förderung des ländlichen Raums in Brandenburg „pro agro“. Mirjam Deponte, Leiterin des Projekts „Pferdeland Brandenburg“ von „pro agro“, schätzt die Zahl reittouristischer Betriebe auf 300, „Tendenz steigend“. „Wir haben in den vergangenen zehn Jahren einen Boom erlebt“, sagt sie. Die Branche sichere Studien zufolge inzwischen rund 12 000 Arbeitsplätze. Gerade das touristische Reiten profitiert laut Deponte von dem vergleichsweise liberalen brandenburgischen Reitwegegesetz, das Reiten überall da erlaubt, wo es nicht ausdrücklich verboten ist. Das Pferd schafft aber auch akademische Arbeit: Zum Wintersemester 2014/15 startete am Fachbereich Veterinärmedizin der Freien Universität der Studiengang Pferdewissenschaften, der sich in Bad Saarow ein hübsches Pferdezentrum eingerichtet hat.

Und auch in der Berliner Politik will man die Reiterei gefördert wissen. Tim-Christopher Zeelen, CDU-Mann im Sportausschuss des Abgeordnetenhauses, hat einen Antrag auf Förderung des Pferdesports eingebracht und nach eigenen Angaben „noch nie so viel Resonanz erhalten“ wie daraufhin. Und zwar positive. Von der Förderung der Kooperationen zwischen Reitställen und Schulen oder der Therapiereiterei bis zur Olympia-Bewerbung für 2024 reichen die Themen, sagt Zeelen, der selbst nichts weiter mit Reiten zu tun hat – aber das wird sich höchstwahrscheinlich perspektivisch ändern: Er ist seit diesem Jahr Vater einer Tochter.


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