Wirtschaft : Vom Reichtum sind nur noch Lumpen übrig

ERIK GUYOT

Als Hongkong noch zu Großbritannien gehörte, emigrierte David Li-Kwon aus Angst vor der chinesischen Machtübernahme.Er ließ sich in Kanada nieder und suchte sein Glück als Koch.Doch als der bevorstehende Regierungswechsel Mitte der neunziger Jahre in Hongkong einen wirtschaftlichen Aufschwung auslöste, revidierte er seine Befürchtungen und kehrte zurück, um am Immobiliengeschäft zu nippen.

Inzwischen sind seine schlimmsten Befürchtungen Realität geworden.Die gebeutelte Hongkonger Wirtschaft kostete ihn seine Ersparnisse und die Ehe.Lis politische Einstellung hat eine gewaltige Gratwanderung erfahren: Nun gilt seine Kritik der "nutzlosen" Hongkonger Regierung.Hätte er die Entwicklung geahnt, wäre er in Kanada geblieben, sagt er.Verdiente der 38jährige Kaufmann früher bis 100 000 Hongkong-Dollar monatlich, umgerechnet 12 900 US-Dollar, sind es heute oft nur 8000 HK-Dollar.Damit kann er gerade noch seine Miete zahlen.Das Schicksal von David Li-Kwon ist beispielhaft für viele.So wie er fühlen sich immer mehr Menschen, nachdem sie ihre Ängste vor der chinesischen Herrschaft überwunden hatten.Heute sehen sie sich von Armut und Arbeitslosigkeit bedroht.Viele sind der Ansicht, daß die Hongkonger Regierung mindestens eine Teilverantwortung an der Lage trägt und fordern, daß sie die Wirtschaft nun durch Finanzierungshilfen wiederbelebt.

Aus seinem stillen Büro blickt Li zurück in die Vergangenheit.Nachdem er 1992 Hongkong verlassen hatte, konnte er in Vancouver dank langjähriger Erfahrung mit der kantonesischen Kochkunst die Küchen der größten China-Restaurants leiten.Mit sechzehn hatte er elf Stunden am Stück schuften müssen - in Vancouver hingegen konnte er zum ersten Mal sein Leben genießen.

Irgendwann überzeugten Freunde ihn davon, daß das Ende der britischen Kolonialherrschaft auf große Gewinne hoffen ließ.Damals war der Chef noch mißtrauisch gegenüber einem China, "wo die Soldaten kein Gesetz kennen und Leute im Dienst Hausschuhe tragen".Doch es erschien ihm, als hätte China einen neuen Kurs eingeschlagen und neue politische Führer bekommen.

Als Li später im Jahr 1996 nach Hongkong zurückkehrte, fand er eine rasende und vom Eigentumswahn beherrschte Stadt vor.Er trat einer Immobilienfirma bei und arbeitete oft bis in die Morgenstunden.Zweimal in der Woche gesellte er sich zu seinen Geschäftskollegen beim Pferderennen.Auf diese Weise habe er gut und gern 100 000 HK-Dollar verwettet, schätzt er - doch damals sei ihm die Summe gleichgültig gewesen.Sein Sprung auf den rotglühenden Hongkonger Markt brachte sein persönliches Vermögen auf über eine Million Hongkong-Dollar, umgerechnet 130 000 US-Dollar.

Derweil stürzten die Aktienmärkte ab Oktober vergangenen Jahres in die Tiefe.Lis Bestand an Aktien und Garantien verloren schlagartig an Wert.Die Spannung belastete seine Ehe: Zu Weihnachten zog seine Frau aus.Heute ist Lis Vermögen auf knappe 50 000 HK-Dollar geschrumpft.Um damit auszukommen, mußte er im Januar seinen Toyota verkaufen und wird bis auf weiteres auf neue Kleidung verzichten."Der Immobilienmarkt bleibt mindestens noch zwei Jahre lang schwach", sagt er bekümmert.Eine vierköpfige Familie hält vor seinem Schaufenster.Li stürzt hinaus."Kann ich Ihnen behilflich sein? Suchen Sie eine Kauf- oder eine Mietgelegenheit?" fragt er.Die Familie entfernt sich."Jetzt müssen alle um ihren Arbeitsplatz bangen", erklärt Li resigniert.

Früher habe er gegenüber China eine Mischung aus Angst und Wut empfunden.In den Jahren vor seiner Auswanderung wohnte er den jährlichen Protesten gegen die Massaker von Tienanmen bei.Dieses Jahr ist er ferngeblieben - er sorgt sich um sein wirtschaftliches Überleben.Dazu kommt, daß sich seine Ansichten über China gemildert haben - seit dem Tode Deng Xiaopings seien die chinesischen Führer weniger an Streit mit Hongkong interessiert.

Indessen wandelte sich sein Vertrauen zur politischen Führung Hongkongs mit dem freien Fall des Immobilienmarkts in Bitterkeit.Anstatt die ehemalige Kolonie zum Wohlstand zu führen, hätten die Politiker tatenlos zugesehen, wie die Wirtschaft zusammenbrach, behauptet Li.Lange habe sich die Regierung einfach damit begnügt, die Zinssätze hochzuhalten, um Spekulationen gegen den Hongkong-Dollar abzuwehren.Dabei versicherte sie, alles unter Kontrolle zu haben.Neuerdings machte sie aber kehrt und leitete Hilfsmaßnahmen ein: Die Steuersätze wurden gesenkt und der Verkauf von staatlichem Grundbesitz eingefroren."Besser später als nie", kommentiert Li - doch er hält die Unterstützung weiterhin für "vollkommen unzulänglich".Offenbar sehen das auch die potentiellen Käufer von Eigentumswohnungen.In den Tagen nach der Verkündung des staatlichen Hilfspakets habe sich kein einziger Kunde bei ihm gemeldet."Wenn das alles nicht hilft, muß ich wohl zurück zur Küche", sagt er.

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