Wirtschaft : Vom Schmuddelkind zum Strahlemann

Der Euro steigt und steigt. Das bringt den Unternehmen nicht nur Probleme – der starke Kurs hat auch sein Gutes

C. Brönstrup[U. Oberndorfer],H. Jahberg

Von C. Brönstrup,

U. Oberndorfer und H. Jahberg

Am vergangenen Freitagmorgen, kurz nachdem die Devisenhändler in Frankfurt (Main) und London von der zweiten Kaffeepause zurückgekehrt waren, wurde an den Finanzmärkten ein kleines bisschen Geschichte geschrieben. Europas Einheitswährung, vor wenigen Monaten noch als bedeutungslose Weich-Valuta verlacht, war plötzlich so viel wert wie seit vier Jahren nicht mehr. 1,1535 US-Dollar blinkte auf den Schirmen der Trader für ein paar Minuten auf – dann gab der Kurs wieder etwas nach. Doch nur für kurze Zeit, versichern Fachleute: „1,20 Dollar für einen Euro sind schon bald realistisch“, sagt Norbert Walter, Chefvolkswirt der Deutschen Bank. Das wäre ein neuer Rekord – der bisherige Höchststand des Euro lag bei 1,1888 Dollar im Januar 1999.

Je gewichtiger die Währung wird, desto lauter werden zugleich die Warnungen vor den wachstumsschädlichen Wirkungen. „Das tut weh“, klagt Anton F. Börner, Präsident des Bundesverbandes des Deutschen Groß- und Außenhandels (BGA). Tatsächlich legten die deutschen Ausfuhren im März nur noch um magere 2,8 Prozent zu. Doch Experten warnen zugleich davor, die Lage zu dramatisieren. Denn der Euro-Höhenflug bringe nicht nur Probleme mit sich, sondern verschaffe Unternehmen und Verbrauchern auch eine ganze Reihe von Vorteilen.

Gebremste Geschäfte melden vor allem die wichtigen, exportstarken Branchen in Deutschland – Auto, Chemie, High-Tech. Diese Firmen zahlen ihre Kosten in Euro, bekommen einen Großteil ihrer Erlöse aber in Dollar. „Wir haben fast alle die Schmerzgrenze erreicht“, sagt Audi-Vorstandschef Martin Winterkorn. Besonders den Mutterkonzern Volkswagen trifft es arg. Jeder Cent, den der Euro im Vergleich zum Dollar gewinnt, schmälert das Vorsteuerergebnis der Wolfsburger um 38 Millionen Euro, heißt es. Jetzt zittern die Fachleute vor einer weiteren Aufwertung. „Steigt der Kurs in diesem rasanten Tempo weiter und erreicht demnächst mehr als 1,20 Dollar, werden wir unsere Wachstumsprognose revidieren“, kündigt Ulrich Hombrecher an, der Chefökonom der West LB. Die liegt ohnehin nur noch bei 0,5 Prozent. Und gegen eine Senkung der Leitzinsen, die den Dollar wieder etwas erstarken lassen könnte, sperrt sich die Europäische Zentralbank (EZB) beständig.

Viele Manager haben sich indes besser gegen Turbulenzen gewappnet als VW. Die Exportwirtschaft habe 75 Prozent der Währungsrisiken mit Devisengeschäften gegen Schwankungen abgesichert, schätzt die Bundesbank. Dieses Hedging funktioniert durch Termingeschäfte auf den Dollar oder durch Devisenoptionen, bei denen die Finanzchefs das Recht auf den Kauf oder den Verkauf von Dollar zu einem festen Euro-Kurs erwerben.

Deshalb beobachten die Maschinenbauer das Geschehen entspannt. „Im Auslandsgeschäft halten wir uns trotz der konjunkturellen Schwäche noch relativ gut“, sagt Olaf Wortmann, Konjunkturexperte beim Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA). Bis sich die Dollarschwäche auf die Geschäfte auswirkt, dürfte es „ein bis anderthalb Jahre“ dauern, beruhigt er. Das weiß auch die EZB. „Die Euro-Stärke haben wir erwartet, und wir begrüßen sie“, lächelte Notenbank-Präsident Wim Duisenberg vergangenen Donnerstag.

Auch die zunehmende Globalisierung der deutschen Konzerne sorgt dafür, dass das Währungs-Risiko schrumpft. „Wir produzieren bereits in den USA und wollen unsere Präsenz dort ausbauen – auch wegen der Wechselkursbewegungen“, sagt Karl-Heinz Schwarz, Vorstand der Wittenstein AG, einem fränkischen Hersteller von Antriebssystemen. Das gilt auch für den Kosmetik-Giganten Beiersdorf. „In den meisten Ländern der Welt, in denen wir unsere Produkte verkaufen, stellen wir die Waren auch vor Ort her“, heißt es dort. Die Entwicklung der Wechselkurse lässt das Unternehmen daher kalt. Einige Firmen profitieren sogar von der Euro-Stärke – etwa der Turnschuh-Näher Adidas-Salomon. Die Süddeutschen kaufen einen Großteil ihrer Vorprodukte in Asien ein – und bezahlen sie günstig in Dollar.

Die Globalisierung nützt

Auch die Supermarktketten freuen sich über den schwachen Greenback. Man könne nun viel günstiger importieren, heißt es bei der Außenhandelsvereinigung des Deutschen Einzelhandels (AVE). Die Verkaufspreise an der Kasse würden vorerst allerdings nur „im Cent-Bereich“ korrigiert.

Trotzdem profitieren auch die deutschen Verbraucher vom günstigen Wechselkurs. Auf Reisen in die USA und den Dollar-Raum ist das Leben so günstig wie lange nicht – denn die Kaufkraft des Euro ist um ein gutes Viertel stärker als noch vor ein paar Monaten. Hinzu kommt, dass ein starker Euro für günstige Brennstoffpreise sorgt. Öl wird an den Weltmärkten in Dollar gehandelt – nun können es die europäischen Ölkonzerne preiswerter einkaufen. Als ihre Währung Ende 2001 deutlich unter der Parität pendelte, importierten sich die Europäer gleich ein Inflationsproblem – jetzt wirkt die Euro-Stärke hingegen stabilisierend.

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