Wirtschaft : Vom Segelflug ins Zeitalter der Düsenjets

POLLY SCHMINCKE

BERLIN .So fragwürdig sein kaufmännisches Talent und seine moralische Rolle als Jagdflugzeugbauer der Nazis waren, so unumstritten bleiben seine produktive Phantasie und seine Erfolge als Ingenieur: Der Flugzeugkonstrukteur Willy Messerschmitt, der am Freitag 100 Jahre alt geworden wäre, personifiziert wie kaum ein anderer die Geschichte der deutschen Luftfahrt - vom Segelflug bis ins Jet-Zeitalter.

Am 26.Juni 1898 wurde er in Frankfurt (Main) als Sohn eines Weinhändlers geboren, am 15.September 1978 starb er in München.Sein Name aber verschwand erst im September 1992 aus der deutschen Industrie, als Messerschmitt-Bölkow-Blohm (MBB) mit der Daimler-Benz Aerospace AG (Dasa) in München verschmolz.Davor aber liegt ein bewegtes Unternehmerleben mit großen Pleiten und noch größeren Erfolgen.

Schon mit 15 Jahren begeisterte sich Messerschmitt für den Segelflug und baute bald eigene Flieger.Während seines Ingenieurstudiums in München konstruierte er weiter.1923 gründete er dann die Messerschmitt-Flugzeugbau-Gesellschaft in Bamberg, schloß sich 1927 mit den Bayerischen Flugzeugwerken zusammen und wurde dort Chefkonstrukteur.Seinen ersten großen Erfolg errang er 1929, als er mit seinem zweisitzigen Sportflugzeug bei dem internationalen Europarundflug Sieger wurde.

Anstelle der Sport- und Reiseflugzeuge entwickelte Messerschmitt seit den 30er Jahren Kriegsmaschinen und wurde zum Jagdflugzeugexperten des Drittes Reichs.Seine Me 109 wurde der Standard-Jäger der Luftwaffe und mit 35 000 produzierten Maschinen das meistgebaute Jagdflugzeug des Zweiten Weltkriegs.Er brach viele Rekorde: Die Me 262, das erste in Serie gebaute Düsenjagdflugzeug der Welt, leitete eine neue Epoche der Luftfahrt ein.Die Messerschmitt AG beschäftigte bis zu 45 000 Menschen - unter anderem in Augsburg und Regensburg.1945 war bereits der größte Teil der fünf Werke zerstört, der Rest wurde von den Alliierten demontiert.Messerschmitt selbst wurde vorübergehend interniert und später als Mitläufer und "Nutznießer wider Willen" eingestuft.

Mit dem Bau von Schnellbauhäusern, Nähmaschinen und dem Kabinenroller "Roadster" überbrückte Messerschmitt die Zeit des Flugzeugbauverbots - trotz umfangreicher staatlicher Kredite aber wenig erfolgreich.Einflußreiche Freunde im bayerischen Wirtschaftsministerium verhinderten seinen Konkurs."Das Ministerium wollte den Namen Messerschmitt nicht mit dem Odium des finanziellen Zusammenbruchs belasten, weil man in München und auch in Bonn der Meinung war, Messerschmitt wird sehr bald für den Aufbau der neuen Luftwaffe gebraucht" schrieb "Der Spiegel" 1956.Schon Anfang der 50er Jahre entwickelte er wieder Düsenjäger im Franco-Spanien und ein Überschall-Jagdflugzeug in Ägypten.

1956 entstand durch Fusion die Flugzeug-Union-Süd, seit 1957 baute Messerschmitt in Augsburg wieder Flugzeuge.Die Zeit der Pleiten war vorbei: Mit dem Düsenflugzeug "Me P 160" und dem Transporter "Me P 141" stellte er 1963 erstmals wieder auf internationalen Wettbewerben aus.1968 folgte die Fusion mit der Bölkow-Gruppe zur Messerschmitt-Bölkow-Blohm GmbH (MBB), deren Aufsichtsratsvorsitzender Messerschmitt bis 1973 war.Verheiratet war Messerschmitt mit Lilly, geborene Baroness von Michel-Raulino, hatte aber keine Kinder.

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