Wirtschaft : Vom Strand ins Büro

Nach dem Urlaub kommt schnell der große Frust. Wie man es dennoch schafft, sich zu motivieren. Von Marion Koch

Foto: Seychelles Tourist Office/dpa/gmss
Foto: Seychelles Tourist Office/dpa/gmss

Es hat sie an die Ostsee, in den Schwarzwald oder nach Bayern verschlagen, nach Spanien oder Italien und gelegentlich auch in weitere Fernen. Sie haben ihre Füße im Meer gebadet, sich den frischen Wind um die Nase wehen lassen, mit ihren Kindern Sandburgen gebaut, Berge erklettert oder Städte erkundet. Zwei, drei Wochen, manchmal länger, war der Alltag weit weg.

Jetzt sind die Ferien um und die Chefs und Abteilungsleiter, die Forscher, Verwaltungsmitarbeiter und Lehrer, die Ingenieure, Krankenpfleger und Designer steigen morgens wieder in die U-Bahn, setzen sich aufs Rad oder ins Auto und drängen sich durch den Berliner Verkehr zur Arbeit. Alles so wie vor dem Urlaub?

Im besten Fall hängt das Gefühl von alle Fünfe mal gerade sein lassen noch in der Luft, die Vorhaben, die man gefasst hat, als man sich noch entspannt im Liegestuhl ausgemalt hat, wie man sich dieses Mal nicht wieder vom Joballtag kleinkriegen lassen wird.

Dann der erste Arbeitstag. Man kennt das von den vielen Sommern davor. Der volle Schreibtisch, der einen erwartet, dieselben nervenden Kollegen, sich im Kreis drehende Konferenzen, ungeplante Überstunden. Es dauert nur wenige Tage und man steckt wieder mitten drin im Jobdilemma. Und die große Unzufriedenheit ist wieder da.

Warum das so ist – und was man gegen den Alltagsfrust nach der freien Zeit unternehmen kann, erklärt der Psychologe, Coach und Autor Manuel Tusch aus Köln.

Herr Tusch, was macht den Wiedereinstieg in den Job so schwer?

Die so genannte Habituation, die lähmende Macht der Gewöhnung. Bereits eine kurze Auszeit von Alltag und Jobstress ist ausreichend, um uns in eine andere Sphäre zu „beamen“, aus der wir dann kaum noch herauskommen.

Und das trifft jeden?

Definitiv! Einerseits gewöhnen wir Menschen uns sehr rasch an etwas. Gleichzeitig sind wir keine Freunde von Veränderung: Konstanz suggeriert unserem Unterbewusstsein eine Art von Sicherheit. Bricht eine neue „Phase“ an, löst das eine Krise aus, auf die wir dann mit Frust reagieren, denn unser Organismus und unsere Psyche müssen sich erst einmal eingewöhnen. Wissenschaftliche Studien belegen, dass sich diese Phänomene durch alle Branchen, Hierarchieebenen, Altersstufen und durch die Geschlechter ziehen. Das bekommen wir nur nicht immer so mit, weil viele am Arbeitsplatz sehr vorsichtig mit ihren Äußerungen sind.

Wie macht sich dieses „Nachurlaubssyndrom“ bemerkbar?

Frust ist das eine. Meistens sind wir müde, abgeschlagen, antriebsarm, unausgeglichen, gereizt, aggressiv. Manche erleiden regelrechte kleine Depressionen. Es kommt zu einer Art Kontrollverlust.

Was kann man da machen?

Bereiten Sie ganz sanft den Ausstieg aus der Auszeit vor. Achten Sie darauf, dass Sie nach einer Reise noch ein paar Tage zu Hause haben, an denen Sie sich langsam wieder auf den Alltag einstimmen können. Damit nehmen Sie dem kritischen Wiedereinstiegsereignis den Schrecken.

Helfen Rituale?

Ja, bereiten Sie alles vor, packen Sie Ihre Sachen. Im Anschluss haben Sie den Kopf frei – den nutzen Sie am besten für eine schöne Abschluss-Maßnahme. Kreieren Sie ein Ritual für den Abschied von der Auszeit, unternehmen Sie ein letztes Mal etwas, gönnen Sie sich etwas Schönes. Und: Entwickeln Sie Dankbarkeit für das Zurückliegende. Vergegenwärtigen Sie sich, dass der Urlaub nur möglich war, weil Sie ihn sich vorher im wörtlichen Sinne „verdient“ hatten. Das eine geht nur mit dem anderen.

Wie schafft man es, langsam einzusteigen?

In dem man akzeptiert, dass man nicht von Anfang an seine volle Leistung bringt. Man sollte sich zunächst nicht zu viel Arbeit aufladen und nicht gleich alle Dinge erledigen wollen, die man tun muss, aber nicht gern tut. Belohnen Sie sich aber für das Erledigen schwerer Aufgaben. Und: Treffen Sie Entscheidungen, die Situationen verbessern. Das bringt sie voran, schafft ein positives Gefühl. Versuchen Sie dagegen nicht, lange bestehende Probleme zu lösen, indem sie voll durchgreifen. Das sorgt für Spannungen.

Ein langsamer Start ist für viele Beschäftigte sicher utopisch. Schließlich geben das Unternehmen und die Arbeit das Tempo vor. Und das ist oft ziemlich schnell.

Natürlich gibt das Unternehmen das Tempo vor, gleichzeitig hat aber jeder seine individuellen Freiräume und Nischen. Jeder ist seines Glückes Schmied! Viele unserer Klienten berichten auch, dass Sie den Wiedereinstieg in den Job nach Rücksprache mit dem Chef sanft anbahnen. Auch das Unternehmen hat etwas davon, wenn das „kritische Ereignis“ entzerrt wird: Weniger Stress bedeutet bessere Konzentrationsfähigkeit – bis hin zum geringeren Krankenstand.

Wie lange braucht man, bis man wieder „drin“ ist?

Das kann Tage dauern. Je länger die Auszeit vom Job, desto stärker der Effekt. Der Organismus schützt sich auf diese Weise vor Überforderung und Stress.

Was kann man beim nächsten Urlaub besser machen?

Am besten sind wir beraten, wenn wir sanfte Übergänge anbahnen. Bereiten Sie Ihren Urlaub von langer Hand vor. Last Minute zu buchen, ist da kaum der richtige Weg. Regeln Sie im Vorfeld alle Zuständigkeiten, so dass Sie im Anschluss in geordnete Verhältnisse zurückkehren! Am besten schließen Sie umfassende „Verträge“ mit Ihren Kollegen. Verteilen Sie gründlich alle Aufgaben. Das setzt natürlich voraus, dass Sie sich beizeiten dazu bereit erklären, Ihren Kollegen ebenfalls zur Hand zu gehen. So können Sie vermeiden, dass Ihr Schreibtisch in Ihrer Abwesenheit zum Schlachtfeld wird und den sanften Übergang umsetzen.

Wie erhält man sich die positive Urlaubsstimmung?

Stellen Sie sich ein Urlaubsfoto auf den Schreibtisch. Das erinnert Sie an einen schönen Augenblick. Pflegen sie Ihre Erinnerungen als etwas Wertvolles. Und planen Sie im Anschluss an Ihren zurückliegenden Urlaub direkt die nächste Auszeit. So haben Sie ein motivierendes Highlight, das Ihnen Kraft schenkt und das Sie sich im wahrsten Sinne des Wortes „verdienen“!

Manuel Tusch ist

Psychologe, Coach und Autor. Er betreibt eine Psychologische Praxis in Köln. Sein Tipp: „Planen Sie Ihren Urlaub so, dass Sie sanft hinein- und wieder hinausgleiten.“

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