Wirtschaft : Vom Trichter zur App

Vor 150 Jahren wurde das „Telephon“ erfunden

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Es rauscht und knackt im Handylautsprecher, mit der Verbindung in der U-Bahn steht es wieder mal nicht zum Besten. „Hallo? Hallo? Kannst du mich hören?“ – Tuut-Tuut-Tuut. Nein, offensichtlich nicht, also noch mal wählen. „Hallo? Kannst du mich jetzt hören?“

Seit genau 150 Jahren können sich Menschen unterhalten, ohne am selben Ort zu sein – zumindest, wenn sie nicht gerade durch ein Funkloch rauschen. Der Erfinder Philipp Reis taufte sein Gerät „Telephon“, es war ein großer Kasten mit einem Sprechtrichter. Reis hatte sich das Prinzip vom menschlichen Ohr abgeschaut: Eine mit Wursthaut bespannte Membran geriet in Schwingung, wenn Schallwellen sie trafen, ein Platinstreifen diente gleichsam als Gehörknochen.

Das erste Telefonbuch, das 1881 in Berlin erschien, hatte ganze 187 Einträge. Nur 20 Jahre später gab es bereits eine Million Anschlüsse in Deutschland. Die unförmige Box mit dem Sprechtrichter verschwand, Telefone bekamen eine Wählscheibe, einen Hörer und eine Ringelschnur, die irgendwie immer verknotet war.

Heute telefonieren wir mobil, in der U-Bahn und überall. Und das moderne „Telephon“ kann viel mehr, als Reis sich jemals hätte träumen lassen. Es weckt uns und erinnert uns an Geburtstage, verrät uns mit der richtigen App, wie das Lied heißt, das gerade im Radio läuft, es zeigt uns den Weg durch die Stadt und hilft in Liebesdingen: Mehr als drei Millionen Deutsche (darunter angeblich Boris Becker) haben schon per SMS Schluss gemacht. Einfacher geht es nicht.

Doch die Entwicklung geht weiter. Wir müssen nicht einmal mehr sprechen, um mithilfe des Handys zu kommunizieren. Und bald könnte uns das Telefon sogar Gespräche ganz ersparen. Eine App auf dem Smartphone übermittelt die eigenen Patientendaten direkt an den Arzt, und auf demselben Weg kommen Rezept und Krankschreibung zurück. Wer braucht schon noch das persönliche Gespräch mit seinem Doktor, wenn er ihm nach einer selbst auf dem Smartphone gegoogelten Diagnose die notwendigen Datenpakete rüberschicken kann? Da ist es fast widersinnig, dass angeblich mehr als ein Drittel aller Handy-Telefonate dazu dient, sich in der Offline-Welt zu verabreden. Wenn es klappt, es aber nichts zu sagen gibt, kann man sich wenigstens gemeinsam auf dem Smartphone Youtube-Videos anschauen.Inga Höltmann

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