Wirtschaft : Von 21 großen Rüstungsunternehmen sind nur fünf geblieben

WALTER PFAEFFLE

NEW YORK .Mit der Übernahme der Verteidigungssparte der britischen General Electric durch British Aerospace (BAe) beginnt in Europa die Konsolidierung der Rüstungsindustrie, die in den Vereinigten Staaten weitgehend beendet ist.Die Fusionswelle in den USA begann 1993 mit einem Abendessen, zu dem der damalige Verteidigungsminister William Perry geladen hatte.Anwesend waren die Chefs der führenden Luft- und Raumfahrtkonzerne.Perry sprach eindringlich über die Notwendigkeit der Konsolidierung.Die Kürzungen des Rüstungsetats nach Ende des kalten Krieges gefährde die Existenz von mindestens der Hälfte der Kampfflugzeughersteller, Raketenproduzenten, Satellitenbauer und anderer Zulieferer.Die Bosse nahmen Perry beim Wort.Es folgte die schnellste Umwandlung eines Industriezweiges, die Amerika jemals erlebt hat.Von 21 führenden Rüstungsunternehmen sind fünf übrig geblieben: Boeing, Ratheon, Litton Industries, Lockheed Martin und Northrop Grumman.Lockheed Martin ist selbst das Produkt von 17 verschiedenen Rüstungsfirmen oder Unternehmensbereichen, die Norman R.Augustine zusammengekauft hatte, darunter Martin Marietta.Das militärische Beschaffungsbudget ist seit seinem Höhepunkt 1985 um mehr als 60 Prozent geschrumpft; die Folge waren Massenentlassungen und Werksschließungen.Die mit Abstand größten Spieler der Branche sind Lockheed Martin und Boeing.Einer der beiden wird Hauptunternehmen für etwa 60 Prozent der Rüstungsaufträge sein, die das Pentagon in den nächsten 20 Jahren vergeben wird; das sind schätzungsweise 360 Mrd.Dollar von insgesamt 600 Mrd.Dollar.Branchenführer Boeing ist als letzter auf das Fusionskarussel aufgesprungen, als er 1996 Rockwell Internationals Rüstungs- und Raumfahrtaktivitäten kaufte und ein Jahr später McDonnell Douglas Corp.unter seine Fittiche brachte.Es entstand ein Koloß mit 200 000 Mitarbeitern und knapp 50 Mrd.Dollar Umsatz.Martin Marietta und Lockheed dagegen gehörten zu den ersten Akquisiteuren.Unter Augustines Führung begann Martin Marietta seinen "Raubzug" 1992 mit dem Kauf des Rüstungs-und Raumfahrtbereichs der US-General Electric und nahm auf dem Weg die Düsenjägerdivision von General Dynamics mit.1995 fusionierte Martin Marietta mit Lockheed.Das zusammengelegte Unternehmen erwarb 1996 die Rüstungsaktivitäten der Loral Corp.So entwickelte sich Martin Marietta zum zweitgrößten Rüstungselektronikunternehmen der Welt, eine der wenigen Wachstumsbereiche der Branche.

Mit den Zusammenschlüssen scheint es jetzt vorbei zu sein.Die Clinton Administration befürchtet zu viel Macht in zu wenig Händen.Vor ein paar Monaten blockierte das Pentagon den geplanten Zusammenschluss von Lockheed Martin und Northrop Grumman für 8,3 Mrd.Dollar.Im Kongreß werden außerdem die Subventionen von mehr als 800 Mill.Dollar angegriffen, die den Konzernen als Fusionshilfe zugeschoben werden.Mit dem Geld finanzieren die Unternehmen Umsiedlungskosten für Arbeiter, Fortbildungskurse, Abfindungen und Kosten im Zusammenhang mit Werksschliessungen.Die Einsparungen haben ihren Preis: die sieben verschmolzenen Rüstungsunternehmen, die zur Zeit Subventionen beziehen, haben etwa 20 000 Arbeitsplätze gestrichen.Hinzu kommen 48 000 Arbeitsplätze bei Boeing.Staatliche Buchprüfer sagen, es sei unmöglich festzustellen, ob durch die Zusammenschlüsse Steuergelder gespart werden wie versprochen.Das Rechnungsamt des Kongresses hat ausgerechnet, daß die sieben subventionierten Firmen die Kosten, die sie dem Pentagon in Rechnung stellen, um 4,1 Mrd.Dollar reduzieren werden.Doch Kritiker prophezeien höhere Preise für Rüstungsgüter als Folge des verminderten Wettbewerbs."Mir ist kein Waffensystem bekannt, das billiger geworden ist.Niemand hat jemals den Nachweis für Einsparungen erbracht", sagte Lawrence Korb, Rüstungsexperte beim Council on Foreign Relations.

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