Wirtschaft : Von der Deutschen Bahn bis Debis

So bereiten sich große Unternehmen auf den Euro vor Am 1.Januar 1999 fällt der Startschuß für den Euro.Dann beginnt - vorausgesetzt die Bundesrepublik erfüllt die Maastricht-Kriterien und kann teilnehmen - für die deutschen Unternehmen die heiße Phase.Sie müssen beispielsweise ihr Rechnungswesen umstellen, unter Umständen eine doppelte Preisauszeichnung vornehmen, und anderes mehr.Die Verbraucher hingegen können sich noch etwas Zeit lassen - das Bargeld wird erst zum 1.Januar 2002 umgestellt.Bis zum 30.Juni 2002 kann dann in Euro oder der Landeswährung bezahlt werden.Auch erst zum Januar 2002 will die öffentliche Verwaltung auf den Euro umstellen.Doch bei den Unternehmen ist die Skepsis groß.Gerade einmal ein Fünftel der mittelständischen Unternehmen stehen der Währungsunion positiv gegenüber.Neben größeren Veränderungen insbesondere im Zahlungverkehr, der EDV und im Rechnungswesen sehen sich die meisten von einem erwarteten Druck auf Verkaufspreise und Gewinnmargen betroffen.Die Umstellung der EDV wird vielfach als das schwierigste Problem bezeichnet, allerdings dürfte der "Jahrtausendsprung" für die Rechner noch schwieriger werden.Auch über die Kosten besteht noch weitgehend Unklarheit.Der Handel warnt, die doppelte Preisauzeichnung würde den Einzelhandelsbetrieben Zusatzkosten von knapp 30 Mill.DM einbrocken. Wir haben Berliner Untenehmen gefragt, wie sie sich auf die Währungsunion vorbereiten, welche Maßnahmen sie eingeleitet haben, wie weit sie damit sind und welche Risiken aber auch Chancen sie sehen?

Deutsche BahnAuf die Deutsche Bahn AG rollt mit der Umstellung auf den Euro eine Mammutaufgabe zu: Pünktlich zur Einführung des Euro-Bargeldumlaufs im Jahr 2002 müssen auch zahlreiche Fahrkartenautomaten, 30 000 Schließfächer oder etwa die Toiletten entsprechend gerüstet sein.Bei den elektronischen Fahrkartenautomaten sei das Problem gering, und ein weiterer Teil der insgesamt 12 000 Geräte werde bis dahin ohnedies erneuert, sagt Bahn-Sprecherin Christine Geißler-Schild.Die Kosten ließen sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abschätzen.Doch vielleicht erledigt sich das Problem von selbst - sollten die Fahrgäste bis dahin mit der Chipkarte zahlen.
SchindlerBei der Berliner Aufzugfabrik Schindler, eine Tochter der weltweit operierenden Gruppe mit Sitz in der Schweiz, will man sich durch den Euro nicht unter Zeitdruck setzen lassen.Klaus Kneisel, geschäftsführendes Vorstandsmitglied für Finanzen, Controlling und Information, vertraut auf die Erfahrungen, die Schindler schon mit dem Ecu gemacht hat.Die Umstellung bei der Fakturierung im Europa-Verbund auf die europäische Währung war ein voller Erfolg.Das hat vieles vereinfacht und Kosten gespart.Wird nun der Ecu durch den Euro ersetzt, befindet man sich auf gewohntem Terrain.Auch im EDV-Bereich ist Schindler auf Europakurs.Auf eine neue Software hat man sich bereits verständigt.Bis Mitte 1998 sollen die einzelnen Abteilungen umgerüstet sein.Das moderne System werde dann, so Kneisel, mit allen Problemen, die der Euro in Buchhaltung und Rechnungswesen aufwirft, spielend fertig.
Daimler-Benz InterServices (debis)Nahezu alle Berliner Unternehmen müssen sich auf den Euro vorbereiten, eines nicht: die Daimler-Tochter Debis.Das Dienstleistungsunternehmen hat sich vielmehr darauf spezialisiert, anderen Firmen die Umstellung von der D-Mark auf den Euro zu erleichtern."Die Folgen sind meist umfangreicher, als der Laie das erwartet", warnt Klaus Enger, Leiter der von Debis eingerichteten Denkschmiede Eurolab: "Insgesamt sind es 100 Einzelaspekte des betrieblichen Alltags, die von der Währungs-Umstellung betroffen werden", sagt er.Das Debis Systemhaus hat dazu die Methode "Eurosys" entwickelt, das die Zusammenhänge zwischen Geschäftprozessen, Funktionen, Produkten und Marktteilnehmern aufzeigt und die notwendigen Reorganisationsschritte darlegt.Für Produkt-Marketing, Rechnungswesen, Devisenmanagement, Einkauf und Controlling gehen die Euro-Spezialisten von Debis zudem auf die betrieblichen Besonderheiten ihres Kunden ein.Zum Angebot von Debis gehört auch die Mitarbeiterschulung, die Entwicklung neuer Logistik und die Regelung so trivialer Fragen, wie der, ob man auf kleinen Verpackungen in schmalen Regalleisten zwei Preise gleichzeitig unterbringen kann.Mit ihren Dienstleistungen rund um den Euro will Debis zwischen 1998 und 2002 rund 300 Mill.DM Umsatz machen.
ScheringDie Schering AG hat neun Arbeitsgruppen gebildet, die alle Änderungen in Bereichen wie Logistik, Devisenhandel, Controlling, und Personalwesen analysieren sollen."Eine gute Gelegenheit, gleichzeitig die Chance zu Modernisierungen zu nutzen", sagt Projektmanager Ulrich Bergmann.Weil Schering Tochterunternehmen in allen EU-Staaten hat, soll die Umstellung auf Euro bereits Anfang 1999 abgeschlossen sein."Wir wollen, daß die D-Mark so schnell wie möglich aus der Schering-Welt verschwindet." Für das Unternehmen ärgerlich: Bonn will Lohnsteuern und Sozialabgaben erst im Jahre 2002 umstellen.Bis dahin wird die D-Mark daher wohl auch bei Schering auf dem Lohnscheck stehen müssen.
BICC KWO KabelBei dem Kabelhersteller in Oberschöneweide bereitet man sich auf vielfältige Weise auf die Einführung des Euro vor.Beispielsweise wird in Zusammenarbeit mit der Deutschen Bank ein sogenanntes Euro-Planspiel veranstaltet.An ihm nehmen die Geschäftsführung sowie alle leitenden Mitarbeiter teil.Bei dem Spiel werden alle Abläufe im Unternehmen unter der Prämisse simuliert, daß es den Euro bereits gibt.Das betrifft die Kalkulation ebenso wie die Buchhaltung oder die EDV.Darüberhinaus nehmen, so Pressesprecher Detlef Antoni, alle in Frage kommenden Mitarbeiter an Schulungen, beispielsweise bei der Investitionsbank Berlin (IBB), teil.Schließlich hat man auch entschieden, die ­ schon beschlossene ­ Umstellung der EDV vorzuziehen.Die alte Datenverarbeitung könne mit dem Euro nicht umgehen, so Antoni.Verhandlungen mit potentiellen Lieferanten laufen bereits, aber konkrete Ergebnisse liegen noch nicht vor.Im Verhältnis zur britischen Mutter wird sich wohl nicht viel ändern.Mußte man bisher D-Mark gegen Pfund rechnen, wird es in Zukunft eben Euro gegen Pfund heißen.Auch auf die Exporte wird die Währungsumstellung wohl relativ wenig Einfluß haben.Die Hauptexportmärkte der BICC KWO Kabel sind der Nahe Osten und die skandinavischen Länder.Doch von den Nordeuropäern wollen bisher nur die Finnen umstellen.Schweden und Dänemark haben schon abgewunken.
Bankgesellschaft Berlin"Wir wollen am 1.Januar 1999 eurofähig sein", sagt Heinz Grimm, Volkswirt der Bankgesellschaft Berlin.Wenn der Startschuß zur Europäischen Währungsunion fällt, sollen die Kunden wählen können, ob sie ihre Konten in D-Mark oder in Euro führen wollen.Von der Euro-Einführung sind die Geldhäuser besonders betroffen.So müssen sie ihre EDV nicht nur wegen der neuen Kontenführung auf den Euro trimmen, auch die Kapitalmärkte werden schon im Jahr 1999 mit der europäischen Gemeinschaftswährung arbeiten.So sollen bereits dann die Anleihen des Bundes auf Euro umgestellt werden, und auch neue Papiere der Bankgesellschaft werden dann in der Europawährung emittiert und nicht mehr in D-Mark.Auch bei den Aktien wird sich einiges tun.Statt der bisherigen Nennwert-Papiere wollen die Bankgesellen künftig Stückaktien herausgeben.Spielt der Gesetzgeber mit, soll schon die Hauptversammlung im nächsten Jahr die Weichen für diese Änderung stellen. Die Umrüstung der Geldautomaten ist dagegen "jetzt noch kein Thema", so Grimm.Denn: Der Umtausch des Bargeldes beginnt erst nach dem 1.Januar 2002.Eines ist aber heute schon klar: Die Umstellungsphase für die eisernen Kassierer soll so kurz wie möglich gestaltet werden.Insgesamt stellt das Projekt Euro nicht nur hohe Anforderungen an die Logistik der Bankgesellen, es kostet auch eine Stange Geld.Auf 100 bis 200 Mill.DM schätzt Grimm die Kosten der Umstellung.
ReicheltBeim Berliner Lebensmittelfilialisten O.Reichelt AG laufen die Vorbereitungen auf den Euro schon auf Hochtouren.Denn vor allem mit der für den 1.1.2002 vorgesehenen Einführung der Euro-Banknoten und -Münzen werden auf den Handel "eine Menge Probleme" zukommen, schätzt Reichelt-Finanzchef Beister.Nach den ­ umstrittenen ­ Plänen der EU-Kommission sollen für eine Übergangszeit von sechs Monaten D-Mark und Euro parallel gelten.Dem Handel würde das aber viel Doppelarbeit bringen.Nicht nur an den Regalen müßten die Waren doppelt ausgezeichnet werden.Probleme sieht Beister vor allem bei den Kassen.Sie müßten auf zwei "Preise" programmiert werden, auch auf den Bons sollte jede Ware doppelt ausgezeichnet werden ­ wofür die bisherigen Streifen kaum Platz bieten ­, und an den Kassen müßten zwei Währungen "gehandelt" werden.Der Kunde soll schließlich die Wahl haben, ob er in D-Mark oder in Euro zahlen will."Das wird die Kassenabfertigung kaum beschleunigen", sagt Beister.Bei Reichelt kümmern sich nun zwei "Euro-Beauftragte" um die Details der Umstellung.Schließlich müssen schon jetzt die Weichen gestellt werden, etwa beim Kauf neuer Kassen.Befürchtungen, daß die Waren wegen der "krummen" Umrechnung teurer werden könnte, kann Beister hingegen nicht nachvollziehen.Die eine oder andere "Aufrundung" will er nicht ausschließen.Angesichts des harschen Wettbewerbs hegt er aber eher "die Sorge, daß die Preisbewegung in die andere Richtung geht".
WallFür die Firma Wall in Spandau, die sich vor allem durch ihre Wartehäuschen und City-Toiletten einen Namen gemacht hat, heißt die Devise: "Gelassen, aber wachen Auges".Größere Umstellungskosten werden nicht erwartet.Für den Münzeinwurf bei den Toiletten wird man sich an einen Stichtag halten, an dem das stille Örtchen dann nur noch mit Euro-Hilfe erreichbar ist.Technische Probleme sieht Pressesprecher Dirk Zeigert keine.Die Einrichtung ist bereits von Moskau bis New York erprobt und schon heute auf Dollar, D-Mark oder Rubel geeicht.Auch die Umstellung in der Buchhaltung soll bis Ende 1997 vorbereitet sein.
HerlitzDavon überzeugt, daß zu spätes Reagieren zusätzliche Kosten verursacht, laufen beim Büroartikelhersteller Herlitz die Vorbereitungen auf den Euro auf vollen Touren.Wie breit gefächert das Thema ist, macht Vorstandsmitglied Klaus Herlitz an rund 120 Punkten deutlich, die teilweise bereits gelöst sind oder noch auf der Tagesordnung stehen.Für den Termin 1.Januar 1999 liegt man voll im Plan und hat die Schularbeiten bereits zu 90 Prozent erledigt.Eine Gruppe aus sechs qualifizierten Managern der Schlüsselbereiche Finanzen, Controlling, Innendienst und Verkauf trifft sich regelmäßig alle drei Wochen, um die Probleme abzuarbeiten.Dabei ist für Klaus Herlitz heute schon klar, daß der Konzern für den Euro-Eintritt tief in die Tasche greifen muß.Die Kostenschätzungen bewegen sich zwischen einer Mill.DM und 3 Mill.DM.Größter Brocken ist der Handel.Bleibt es, wie geplant, bei einer sechsmonatigen Übergangsfrist von der D-Mark zum Euro, müßten für diese kurze Zeit rund 500 Kassen zusätzlich gekauft werden.Auch die dann notwendige doppelte Preisauszeichnung der 4000 Produkte hält Klaus Herlitz für unzumutbar und fordert, die Umstellung auf einen verbindlichen Stichtag festzulegen.Schließlich habe das bei Einführung der D-Mark im Osten ja auch geklappt.Kommt es hier zu keiner Einigung, die die Einführung des Euro von einem auf den anderen Tag möglich macht, wird es neben den wesentlich höheren Kosten bei Handel und Kunden ein Chaos geben, warnt der Herlitz-Manager.

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