Wirtschaft : Von der Freiheit in die Krise

Viele Ex-Sowjetrepubliken können die hohen Wachstumsraten der ersten Jahre nicht mehr halten. Vor allem im Baltikum wachsen die Probleme

Juliane Schäuble

Berlin - Fast 20 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs tut sich der Großteil der ehemaligen Sowjetrepubliken wirtschaftlich immer noch schwer.

Die schwächelnden Tiger

Selbst der einstige Wirtschaftsmusterschüler Estland, lange mit satten Wachstumsraten, ist ins Straucheln geraten. In Folge der weltweiten Finanzmarktkrise und steigender Energie- und Lebensmittelpreise droht dem kleinen Staat im Baltikum nun eine Rezession.

Erstmals seit 1999 könnte die Wirtschaftsleistung in diesem Jahr schrumpfen, warnt der Internationale Währungsfonds (IWF). Das wäre ein dramatischer Einbruch. Denn im vergangenen Jahr hatte das Wirtschaftswachstums noch bei 7,1 Prozent gelegen. Noch im April hatte der IWF für dieses Jahr ein Plus von drei Prozent vorhergesagt (siehe Karte).

Der EU-Beitritt vor vier Jahren hatte Estland einen Boom beschert. Dass dieser sich irgendwann abschwächen musste, war für Experten abzusehen. Aber wie schnell die estnische Wirtschaft schlapp machen würde, überraschte nicht nur den IWF. „Wir wussten, dass eine Abkühlung bevorsteht. Aber dass es gleich so deutlich sein würde, hat uns schon erstaunt“, sagt Eric Berglöf, Chefvolkswirt bei der Osteuropabank in London. Die Inflation ist auf mehr als elf Prozent hochgeschnellt. Dazu kommen sinkende Bauinvestitionen und Immobilienpreise sowie eine geringere Binnennachfrage.

Das Baltikum gilt als Sonderfall unter den 15 ehemaligen Sowjetrepubliken. Estland, Litauen und Lettland waren – auch bedingt durch ihre Nähe zu Skandinavien – schon zu Sowjetzeiten reicher und industrialisierter als der Rest des Landes und fanden nach der frühen Unabhängigkeit 1991 schnell Anschluss an den Westen. Die „Baltischen Tiger“ öffneten ihre Ökonomien rasch und zogen Investoren in Scharen an. Wachstumsraten von zehn Prozent waren in den vergangenen Jahren fast selbstverständlich.

Abhängig von Russland

Der Grund für den rapiden Absturz sehen viele Experten gerade in der Offenheit der Ökonomien. Die weltweite Finanzkrise und die steigenden Energie- und Lebensmittelpreise treffen das Baltikum stärker als jene Ex-Sowjetrepubliken, die über erhebliche Mengen an Rohstoffen verfügen. „Der Staatssektor ist in Ländern wie Kasachstan oder Turkmenistan meist groß und die Integration in die europäische oder Weltwirtschaft schwach“, sagt Stefan Meister von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP). Sie litten eher darunter, wenn es Russland schlecht gehe. Und noch sei Russland von der Kreditmarktkrise verhältnismäßig schwach betroffen. „Der Finanzmarkt ist nicht so integriert“, erklärt Meister. Russische Banken sind nicht so verflochten mit anderen Banken auf der Welt, sie halten nur wenig wechselseitige Beteiligungen. Allerdings schade der aktuelle Konflikt mit Georgien der russischen Wirtschaft massiv, warnt der Osteuropaexperte: „Nimmt das Risiko in einem Land oder einer Region zu, wird dessen Kreditwürdigkeit heruntergestuft.“ Und dann werden Kredite teurer, die das Land dringend für Investitionen brauche. Daher müssten die russischen Wirtschaftseliten ein Interesse daran haben, dass der Konflikt bald vollständig beigelegt wird, meint Meister.

Russlands Regierungschef Wladimir Putin sieht das anders. Es gebe keine Auswirkungen der Kaukasus-Krise auf die ausländischen Investitionen in Russland, sagte er der französischen Zeitung „Le Figaro“. Russlands Wirtschaft entwickele sich „sehr schnell“ weiter und sei auch in den ersten Monaten 2008 stark gewachsen.

Inflation ist das größte Problem

So unterschiedlich die 15 ehemaligen Republiken sind: Alle versuchten sich seit dem Auseinanderfallen der Sowjetrepublik 1991 mehr oder weniger erfolgreich an liberalen Marktreformen, die meisten verbuchten nach einem drastischen Einbruch Anfang der 90er Jahre vergleichsweise hohe Wachstumsraten – allerdings ausgehend von einem geringen Niveau – und einen wahren Kreditboom. In den vergangenen Jahren haben sie sich alle verbessert, auch beim Lebensstandard der Bevölkerung. 2008 schwächen sich nun die Zuwachsraten offenbar bei allen ab – bedingt durch zunehmende Abhängigkeiten nicht nur von Russland, sondern auch von Europa und der Weltwirtschaft insgesamt. Das geht aus Daten und Prognosen der Osteuropabank hervor. Besorgt sind die Ökonomen vor allem über die hohen Inflationsraten in der gesamten Region – in der Ukraine etwa verteuern sich die Verbraucherpreise in diesem Jahr um mehr als 20 Prozent, in Aserbaidschan fast genauso stark. In den meisten Ländern bewegt sich die Teuerungsrate im zweistelligen Bereich. „Das ist das derzeit größte Problem dieser Länder“, sagt Eric Berglöf von der Osteuropabank.

Ansonsten aber sind die Unterschiede und Probleme so vielfältig wie die Völker, die in der Sowjetrepublik unter russischer Führung zwangsvereinigt waren. Klar unterscheiden lassen sich die baltischen Staaten von den noch lose über die „Gemeinschaft unabhängiger Staaten“ (GUS) mit Russland verbundenen Ex-Republiken. „Die baltischen Staaten sind nicht nur EU- und Nato-Mitglieder, sondern haben die wirtschaftliche Transformation viel schneller vollzogen, und der Lebensstandard der Bevölkerung ist viel höher“, sagt Meister.

Die Rohstoffreichen

Die GUS-Staaten lassen sich dagegen vor allem durch einen außergewöhnlichen Ressourcenreichtum charakterisieren, der von Öl und Gas über Kohle, Uran und Kupfer bis zu Baumwolle und Metallen reicht. Doch obwohl diese Rohstofffülle beim Übergang zur Marktwirtschaft helfen könnte, ist das Gegenteil oft der Fall.

So profitieren Turkmenistan und Kasachstan zwar von ihrem Rohstoffreichtum – der Lebensstandard ist vergleichsweise hoch. Auch kann etwa Kasachstan durch den derzeit hohen Ölpreis die Wachstumsdelle ganz gut auffangen. Experten der Deutschen Bank erwarten für Kasachstan auch keine Balten-Rezession. 2009 soll das Wachstum nach Prognosen des IWF wieder sieben Prozent betragen, nach fünf Prozent in diesem Jahr – und fast 19 Prozent im Jahr 2007.

„Aber Rohstoffe führen nicht unbedingt zu Wirtschaftsreformen“, sagt DGAP-Experte Meister. Im Gegenteil: Darüber lasse sich gut der Staatsanteil stärken. „Rohstoffe können ein Fluch sein: Sie fördern oft autoritäre Regime.“ Und als etwa Georgien versucht habe, eigene Wege zu gehen, habe das Land schmerzhaft russische Sanktionen zu spüren bekommen.

Anders als Kasachstan, das etwa über eine riesige Anzahl von Beamten immerhin viele Menschen beteiligt, profitieren vom Erdölreichtum in Aserbaidschan nur sehr wenige. Zwar gehört das Land mit jährlichen Wachstumsraten um die 20 Prozent zu den am schnellsten wachsenden Ländern der Welt. Aber fast die Hälfte der Bevölkerung lebt nach Berechnungen der Weltbank in Armut. Die hohe Inflation verstärkt das Problem noch.

Die Abgeschotteten

Eine andere Gruppe bilden Weißrussland, die Ukraine und Moldawien. Sie gelten als die abgeschottetsten Länder der ehemaligen Sowjetrepublik. „Das sind Staatswirtschaften, die die wenigsten Wirtschaftsreformen durchgeführt haben“, sagt DGAP-Experte Meister. Erst seitdem Russland Öl und Gas nicht mehr so stark subventioniere, lasse etwa die Regierung Weißrusslands mehr Privatisierungen zu. Bislang. kommt die Privatwirtschaft für weniger als ein Viertel der weißrussischen Wirtschaftsleistung auf.

Verlierer Tadschikistan

Ganz am Ende der Liste steht das Hochgebirgsland Tadschikistan, das ärmste Land unter den 15 Ex-Republiken. Die geografische Lage ist aus wirtschaftlicher Sicht sehr ungünstig: Fast die Hälfte des Staatsgebietes befindet sich auf einer Höhe von mindestens 3000 Metern. Die Hälfte der Bevölkerung lebt von weniger als einem Dollar am Tag. Landwirtschaft ist für viele Tadschiken immer noch Haupteinnahmequelle. In den letzten Jahren wuchs die Wirtschaft zwar, aber Korruption und Vetternwirtschaft sind immens.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben