Wirtschaft : Von der Krise profitieren

Der Kauf von Anleihen der Schuldenstaaten ist riskant, kann sich aber lohnen.

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An den Euro glauben müssen Anleger, wenn sie hochverschuldeten Staaten ihr Geld leihen. Das Risiko bringt hohe Zinsen. Foto: dapd
An den Euro glauben müssen Anleger, wenn sie hochverschuldeten Staaten ihr Geld leihen. Das Risiko bringt hohe Zinsen. Foto: dapdFoto: dapd

Sei gierig, wenn die meisten ängstlich sind, sagen die einen. Andere halten es für hoch spekulativ bis verrückt, aktuell Anleihen von südeuropäischen Schuldenstaaten zu kaufen. Doch Italien und Spanien, die bisher keine ernsten Probleme haben, die Finanzmärkte anzuzapfen, bieten attraktive Zinsen: Mit zehnjährigen Schuldpapieren der Spanier können Investoren aktuell zwischen 5,8 und sechs Prozent Rendite pro Jahr erzielen.

PORTUGAL

Portugal steht unter der Ägide des EU-Rettungsschirms und wird vom Markt ähnlich riskant eingeschätzt wie etwa Air Berlin: Anleger erhalten Renditen von zehn bis zwölf Prozent bei längeren Laufzeiten. Bei kurzfristigen Papieren wagt sich das Land weiter an die Kapitalmärkte: Für einen sechsmonatigen Titel blätterte das Land am Mittwoch 2,9 Prozent hin, für einen einjährigen sogar 3,9 Prozent. Dank massiver Sparanstrengungen liege das Land aber im Plan und werde kein neues EU-Hilfspaket benötigen, versprach Finanzminister Vitor Gaspar vergangene Woche.

GRIECHENLAND

Bei Griechenland-Bonds wiederum sind nach dem Schuldenschnitt satte zwölf bis knapp 19 Prozent drin, je nach Laufzeit von zehn bis 30 Jahren. Solche Renditen kommen zustande, weil sich ein Zinskupon von anfänglich zwei Prozent (der im Lauf der Jahre ansteigt) mit extrem niedrigen Kursen paart: So notiert die Ende Februar 2025 fällige Anleihe (WKN A1G1UC) bei etwa 22 Prozent. Weil so hohe Renditen unweigerlich auf sehr hohe Risiken hindeuten, rangieren die Athen-Bonds logischerweise fern jeder InvestmentEmpfehlung. Zwar hat der Rater Fitch die helladischen Anleihen nach der erfolgreichen Umschuldung gleich um vier Stufen auf B+ heraufgestuft. Doch bedeutet dies nur, dass das Ausfall-Risiko etwas gesunken ist. Die griechischen Reformbemühungen und Sparmaßnahmen seien jedoch „anspruchsvoll“, so dass es Athen durchaus gelingen könnte, seine Schulden wie geplant bis 2020 auf 120 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu drücken, ließ der Rater wissen. Zu einer Kaufempfehlung lassen sich Bank-Analysten oder Vermögensverwalter aber selbst für sehr spekulativ orientierte Kunden nicht hinreißen. Georg Thilenius, Geschäftsführer der gleichnamigen Vermögensverwaltung, rät gar strikt von griechischen Anleihen ab. Zwar seien die Renditen verlockend, doch sei nicht ausgeschlossen, dass Griechenland die Euro-Zone noch verlasse. Dann würden aus Euro-Anleihen Bonds in abgewerteten Drachmen. Folker Hellmeyer, Chefanalyst der Bremer Landesbank, glaubt dagegen nicht an einen Austritt – vor allem, weil dem Land allein aus humanitären Gründen in jedem Fall geholfen werden müsse, als Eurozonen-Mitglied seien jedoch die Einfluss- und Kontrollmöglichkeiten größer.

SPANIEN

Doch nicht nur im Fall Griechenland gehen die Meinungen weit auseinander. Vor allem Spanien erregt die Gemüter: Das Land ist nach Griechenland und Irland drittgrößter Etat-Sünder in der Euro-Zone, ächzt unter Rezession und 24 Prozent Arbeitslosigkeit und musste kürzlich auch erneut den gesenkten Daumen eines Raters verkraften. Am 27. April stufte S&P die Kreditwürdigkeit Spaniens um zwei Stufen auf BBB+ ab, setzte den Ausblick zudem auf negativ. Allerdings: Nach einer Schrecksekunde reagierten die Märkte sogar eher positiv. Die Kurse spanischer Anleihen haben sich seither sogar leicht erholt. Überhaupt scheint das Interesse finanzstarker Anleger durchaus vorhanden zu sein: Auktionen spanischer oder italienischer Anleihen sind angesichts der attraktiven Zinsen regelmäßig doppelt bis mehrfach überzeichnet. Die Nachfrage übersteigt also das Angebot deutlich, wobei hier auch schon die Europäische Zentralbank unterstützend eingegriffen hat.

ITALIEN

Zu den Großanlegern, die bei italienischen Anleihen nicht Nein sagen, gehört die Fondstochter der Volks- und Raiffeisenbanken: Man habe italienische Anleihen aller Laufzeiten gekauft und liege weiter auf der Lauer, hieß es kürzlich bei Union Investment. Die Allianz und Axa Investment raten sogar klar zum Kauf römischer Bonds, deren Zinssätze sehr attraktiv seien. Während Kritiker von bedrohlichen Rekordzinsen für die ohnehin labilen Staatshaushalte der „lateineuropäischen“ Staaten sprechen, zeigt der Blick auf längerfristige Vergleichswerte, dass die Zinsen derzeit so enorm hoch gar nicht sind: Zum Start des Euro etwa rund um das Jahr 2000 blätterte Italien ähnlich hohe Zinsen hin, Mitte der neunziger Jahre waren es zeitweise sogar 15 Prozent für zehnjährige Bonds. Nicht vergessen dürfe man auch, heißt es bei der Commerzbank, dass Italiens Neuverschuldung bei vier und damit erheblich unter jener der USA und Großbritanniens mit zehn Prozent liege. Italiens Bürger verfügten zudem über Privatvermögen von 8000 Milliarden Euro, so dass auch schlicht eine Vermögenssteuer sehr viele Probleme lösen könnte.

Zu den Skeptikern gehört auch Tom Friess vom Schweizer VZ Vermögenszentrum: Der Vermögensberater glaubt nicht daran, dass sich südeuropäische Anleihen für normale deutsche Privatanleger eignen. Allerdings: Ein Anleger, der „versiert und risikobewusst ist, der auch bereit ist, das Investment regelmäßig zu überprüfen“, könne bei spanischen und italienischen Anleihen durchaus zugreifen. Es sei auch klar, dass der Markt „die enormen Reformanstrengungen“ in Südeuropa noch nicht richtig anerkenne und weiter ein sehr hohes Risiko einpreise. Andererseits könne „auf dem Weg zu einer korrekten Risikoeinschätzung auch noch viel Geld verloren gehen.“

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