Wirtschaft : "Von Deutschland ist nicht viel zu erwarten"

Schering-Finanzvorstand Pohle: Das Wachstum kommt aus dem Ausland / Deutliche Dividendenerhöhung sicher

BERLIN (mo).Nach einem sehr verhaltenen Start im laufenden Jahr hat der Schering-Vorstand nun zum dritten Mal seine Ertragserwartungen für 1997 nach oben revidiert.Nach den ersten neun Monaten verzeichnet der Berliner Pharmakonzern bereits einen Zuwachs im Konzernergebnis um 23 Prozent nach Steuern auf 350 Mill.DM, womit das Vorjahresresultat von 362 Mill.DM nahezu schon erreicht wurde.Nach früheren Aussagen soll auch die Dividende entsprechend der Ergebnisverbesserung erhöht werden.Für 1996 zahlte Schering seinen Aktionären 2 DM pro 5-DM-Aktie.Finanzvorstand Klaus Pohle warnte im Rahmen der Herbstpressekonferenz am Mittwoch aber auch vor überzogenen Erwartungen.Die deutlichen Steigerungsraten - teilweise durch Akquisitionen bedingt - ließen sich nicht so ohne weiteres fortschreiben.An der Börse fanden seine Warnungen offenbar mehr Beachtung als die guten Unternehmensdaten.Die Titel verloren fast acht DM und schlossen mit 163 DM. Schwarze Wolken sieht Pohle vor allem am deutschen Markt aufziehen: "Aus Deutschland kommt kein Wachstum mehr", stellte der Finanzvorstand klar.In einem Land, in dem Ärzten Prämien bezahlt würden, damit sie weniger Arzeneimittel verschreiben, müsse man sich sehr anstrengen, um das Geschäft überhaupt zu halten.Ertragswirksame Synergieeffekte verspricht sich der Vorstand im übrigen denn auch von einer besseren Koordination der Deutschland-Aktivitäten.In diesem Sinne will Vorstandsvorsitzender Giuseppe Vita die geplante Ausgliederung des Geschäftsbereichs Deutschland aus der Schering AG zum 1.Januar 1998 verstanden wissen, der dann in eine selbständige Tochter überführt werden soll.Von den weltweit über 21 000 Mitarbeitern sind gut 8100 Personen in Deutschland für Schering tätig, allein in Berlin arbeiten knapp 6300.Vornehmlich die Akquisition von Jenapharm hat den Umsatz im Inland im bisherigen Geschäftsverlauf optisch so deutlich - um über 33 Prozent - nach oben gehievt.Demgegenüber nimmt sich das Plus im Auslandsgeschäft von 19 Prozent zunächst bescheiden aus, aber tatsächlich kommen auch für Schering die entscheidenden Wachstumsimpulse aus dem Ausland.Betrachtet man den in den ersten neun Monaten um insgesamt 21 Prozent auf 4,7 Mrd.DM erhöhten Konzernumsatz genauer, fallen die eindrucksvollen Raten in Kanada (plus 48 Prozent), Mexiko (40 Prozent), in Australien (36 Prozent) und Brasilien (35 Prozent) auf.Demgegenüber wirkt das Wachstum in Deutschland schon heute mit nur drei Prozent recht bescheiden.Für 1998 wird aber sogar mit Nullwachstum gerechnet.Die schwächere D-Mark hat dem stark vom Ausland abhängigen Konzern sowohl in der Umsatz- als auch in der Ertragsentwicklung geholfen.Das kursbedingte Umsatzplus betrug sechs Prozent; beim Betriebsergebnis machte der Wechselkursgewinn sogar rund ein Drittel des Zuwachses um 37 Prozent oder rund 180 Mill.DM aus. Umsatzstützen bleiben aber weiterhin die Produkte der Fertilitätskontrolle und Hormontherapie sowie die Therapeutika.Preisrückgänge beeinträchtigen hingegen die Entwicklung bei den Diagnostika.Unter den Top-Ten des Konzerns rangiert das Multiple-Sklerose-Mittel Betaferon mit einem für 1997 erwarteten Umsatz von 640 Mill.DM trotz zusätzlicher Konkurrenten nach wie vor an erster Stelle.Trotz der letzten Übernahmen - auch durch die Tochter Agrevo - verfügt Schering nach 2,1 Mrd.DM im Vorjahr noch über 1,6 Mrd.DM liquide Mittel.Derzeit verhandelt der Konzern mit neun Firmen, davon arbeiten allein acht in der Biotechnologie.Mit zwei Abschlüssen darf, so Finanzchef Pohle, gerechnet werden.

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