Wirtschaft : Von Goldgräbern und Schlitzohren

1400 Versteigerer zählt der Verband der Auktionatoren in Deutschland. Sie haben einen sehr abwechslungsreichen Job.

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Unterm Hammer. 31,7 Milliarden Euro Umsatz im Jahr machen die Versteigerer hierzulande. Foto: dapd
Unterm Hammer. 31,7 Milliarden Euro Umsatz im Jahr machen die Versteigerer hierzulande. Foto: dapdFoto: dapd

Berlin - Die kleine Wohnung im 13. Stock einer Hochhaussiedlung im Berliner Norden sieht so aus, als wäre der Bewohner gerade nur kurz einkaufen gegangen. Auf dem runden Esstisch liegt noch eine aufgeschlagene Zeitung. Neben dem Aschenbecher wartet eine halbvolle Zigarettenschachtel auf ihren Besitzer. Doch alles in der Wohnung ist von einer dicken Staubschicht bedeckt und alle Pflanzen sind verdorrt. Vor einigen Monaten ist der Bewohner gestorben.

Auf den knapp 60 Quadratmetern drängen sich nun etwa 25 Menschen. Sie durchwühlen die Schränke, reißen alle Schubladen auf, blättern durch die Bücher und schauen sogar hinter die Bilder. „Wo sind wohl die Schätze versteckt?“, fragt ein Mann Ende 30 seine Frau. Sie blickt sich suchend in der kleinen Küche um. Vielleicht im Porzellan, das auf dem Regalbrett über der Tür steht. Nein, nichts. So wie das Paar suchen hier fast alle nach Wertvollem und überlegen, ob es sich lohnt, die Hinterlassenschaften des Verstorbenen zu kaufen.

Im Hausflur, etwas abseits vom Trubel, stehen Thomas Luedtke und seine Mitarbeiter. Der Mann mit der dicken, runden Brille ist öffentlich bestellter Auktionator und wird gleich den Inhalt der Wohnung an den Meistbietenden versteigern. Die Bedingungen sind einfach: Derjenige, der den Zuschlag erhält, ist der neue Eigentümer von allem, was sich in der Wohnung befindet. Auch Schätze, so es sie gibt, gehören ihm, vom versteckten Barvermögen bis hin zum teuren Schmuck. Im Gegenzug verpflichtet er sich, die Wohnung binnen einer Woche besenrein an den Vermieter zu übergeben.

Neben Goldgräbern sind auch Händler in die Wohnung gekommen, die neue Ware für ihre An- und Verkaufgeschäfte suchen. Die Auktion hat aber auch einige Neugierige angezogen. Interessant sei es hier, eine Art „Milieustudie“, sagt ein blonder Mann, der das Spektakel mit einer Mischung aus Unbehagen und Sensationslust verfolgt. Ein anderer Mann, wohl einer der Händler, stürmt schimpfend aus der überfüllten Wohnung in den Hausflur. „80 Prozent der Leute sind doch eh nur hier, um sich die Taschen voll zu machen. Die klauen doch alles, was nicht niet- und nagelfest ist.“

Luedtke beobachtet die Interessenten genau und überlegt, wie hoch der Erlös wohl werden könnte. Der Auktionator drängt sich in die Mitte des kleinen Wohnzimmers. Dann geht es los – und binnen einer Minute ist alles vorbei. Herr Ayla, Mitte 30, dunkelhäutig und mit einem modischen Hut auf dem Kopf, hat für 800 Euro den Zuschlag bekommen. Er betreibe einen An- und Verkauf, sagt er in gebrochenem Deutsch.

Weiter geht es zur nächsten Auktion. Diesmal ist es eine kleine und enge Erdgeschosswohnung direkt an einer vielbefahrenen Straße. Fast alle aus der anderen Wohnung sind mitgekommen. „Auf manche mag das hier pietätlos wirken“, sagt Auktionator Luedtke und deutet mit einem Kopfnicken auf die Menschen, die auch hier jede Ritze auf versteckte Wertsachen abklopfen. „Aus wirtschaftlicher Sicht ist es jedoch sehr sinnvoll.“ Gibt es keine Erben oder wird das Erbe ausgeschlagen, muss der Vermieter die Wohnung ohnehin räumen lassen. Wird bei einer klassischen Räumung eine Spedition von einem Gerichtsvollzieher beauftragt, kostet das den Vermieter oft einige tausend Euro. Durch eine Versteigerung habe er dagegen sogar die Möglichkeit, Geld zu verdienen, sagt Luedtke.

Findet sich keiner, der bereit ist, für die Habseligkeiten der Bewohner zu bezahlen, wird der Räumungsauftrag an den günstigsten Spediteur gegeben. So ist es auch hier: Die Wohnung ist spartanisch eingerichtet, kaum etwas ist von Wert. Schnell ist den Schatzsuchern klar, dass hier nichts zu holen ist. Übrig bleiben zwei Spediteure, die fast immer bei Luedtkes Versteigerungen dabei sind, weil sie auf Aufträge hoffen. Die Unternehmer geben ihre Gebote ab, unterbieten sich gegenseitig. Am Ende bekommt eine Firma den Zuschlag, die Räumung für 230 Euro durchzuführen – ein Spottpreis.

Insgesamt zählt der Verband Deutscher Auktionatoren rund 1400 Versteigerer in Deutschland. Nach Angaben von Verbandspräsident Heinrich Arens machte die Branche 2010 einen Umsatz von 31,7 Milliarden Euro. Nicht eingerechnet sind gerichtliche Auktionen wie Zwangsversteigerungen und Internetauktionen. Damit machen Auktionatoren hierzulande einen ähnlich hohen Umsatz wie der Online-Versandhandel mit rund 34 Milliarden Euro.

Auktionator kann im Prinzip jeder werden, sofern ein polizeiliches Führungszeugnis vorliegt und man schuldenfrei ist. Die Lizenzen werden von der Industrie- und Handelskammer vergeben. Nur für öffentliche Auktionen, wie die Pfandauktionen, die Thomas Luedtke betreibt, braucht man eine Vereidigung, um eine sogenannte öffentliche Bestellung zu erlangen. Hierfür muss der Auktionator große juristische Sachkenntnis nachweisen.

„Auktionatoren können die unterschiedlichsten Hintergründe haben. Es gibt sogar einige, die früher einmal Marktschreier auf dem Fischmarkt waren“, sagt Verbandspräsident Arens. Auch er ist ein Quereinsteiger. Vor 35 Jahren war der Ostfriese Juradozent, als einige seiner Studenten nach einem Zuverdienst suchten. Daraufhin gründete Arens eine GmbH und wurde zusammen mit seinen Studenten im Auktionsgewerbe aktiv. Mittlerweile hat der Jurist auch zahlreiche Bücher und Kommentare zum Auktionsrecht geschrieben.

Thomas Luedtke wiederum ist von Haus aus Gerichtsvollzieher und auch immer noch in diesem Beruf aktiv. Seine Versteigerungslizenz hat er seit 2001, 2003 gründete seine Familie die Luedtke Versteigerungen GmbH, die auf Pfandversteigerungen spezialisiert ist. Etwa 30 Auktionen organisiert Luedtke im Monat. Neben Wohnungsinventar kommen bei ihm an jedem dritten Samstag im Monat auch Autos unter den Hammer. Ausrangierte Polizeifahrzeuge und gepfändete Wagen finden auf seinem Firmengelände neue Eigentümer. Bei der aktuellen Auktion ist der Ansturm groß, denn neben den üblichen Fahrzeugen gibt es auch eine große Oldtimersammlung. 25 Fahrzeuge, teilweise sehr schlecht erhalten. Es gibt kaum Informationen über die Autos, bei vielen fehlen Papiere und Schlüssel, einem sogar der Motor.

Dennoch haben mehr als 300 Menschen hergefunden, der Versteigerungssaal ist brechend voll. Bert Schramm ist nervös. Der Mann mit dem langen Pferdeschwanz steht gleich in der ersten Reihe. Er ist hier, weil er sich für den 16 Jahre alten weißen Opel Combo interessiert, den die Polizei beschlagnahmt hat. Doch der Preis steigt immer weiter. Am Ende fällt der Hammer bei 650 Euro. Den Zuschlag bekommt der Autohändler, der an diesem Vormittag 19 der 55 Autos kaufen wird. Schramm schüttelt enttäuscht den Kopf: „Das ist mir eindeutig zu viel.“

Kurz vor Auktionsende überwältigt es Schramm dann aber doch: Der alte knalltürkise Mini soll es sein. Als die Gebote bei 200 Euro stehen, hebt er die Hand mit der Bieternummer. Und bekommt den Zuschlag bei 500 Euro. „Das ging so wahnsinnig schnell“, sagt er hinterher, während er ein wenig fassungslos sein neues Auto begutachtet. „Ich habe mich einfach hinreißen lassen."

Luedtke ist nach seiner Autoversteigerung mit dem Ergebnis nicht ganz zufrieden. Am Ende brachten die Fahrzeuge etwas mehr als 56 000 Euro. Verdient hat er an diesem Tag rund 8200 Euro, weniger als erwartet. Doch er sieht es gelassen: So sei das Geschäft nun einmal, die Preise seien vorher oft schwer vorhersehbar. „Wenn wir bei einer solch großen Menschenmenge keinen höheren Preis für ein Objekt erzielen, dann ist es den auch nicht wert.“ Denn nur in einer Auktion, sagt er, könne man den tatsächlichen Marktpreis ermitteln.

Versteigerungen dienen dazu, Informationsasymmetrien am Markt zu beheben. Ein Händler weiß nie, wie viel ein Interessent für eine Sache zu zahlen bereit ist. Setzt er den Preis zu hoch an, bleibt er auf der Ware sitzen. Bietet er die Ware aber zu günstig an, also unter der Zahlungsbereitschaft des Kunden, schöpft er das Potenzial nicht voll aus. In einer Auktion hingegen ist der Mechanismus zur Preisfindung flexibel. Im Idealfall findet der Versteigerer hier tatsächlich den aktuellen Marktpreis und erhält den maximal möglichen Betrag.

Doch natürlich hängt der erzielte Preis nicht ausschließlich von der Zahlungsbereitschaft der Kunden oder vom Wert eines Objektes ab. Auch das Geschick des Versteigerers kann ausschlaggebend sein. „Auktionatoren sind Schlitzohren“, fasst es Heinrich Arens zusammen. Bei dem 70-Jährigen ist schon so gut wie alles unter den Hammer gekommen: Schiffe, Maschinenwerke, Kunst und Schlösser. „Ein Auktionator liebt den Kampf mit der Masse. Auf einer großen Auktion gibt es manchmal mehrere tausend Bieter – und die muss ich im Griff behalten.“ Hinter jeder Auktion steckt zudem viel Strategie, denn die Taktik des Auktionators beeinflusst die Atmosphäre erheblich: Nach einem teuren Artikel kommt ein Schnäppchen. Manchmal muss es schnell gehen, dann wieder langsam.

„Eine Auktion ist ein Wettbewerb“, sagt Arens. Und diesen Wettbewerb unter den Bietern, den müsse der Auktionator riechen. Aber das Wichtigste für Arens: „Man darf keine Angst haben, weder vor der Masse noch vor der Preisbildung.“ Während einer Versteigerung gebe es nur ein Mantra: „Du bist der Beste. Du entscheidest. Und keiner kann dir reinreden.“

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