Wirtschaft : Von Literpreisen knapp unter zwei Mark lassen sich die meisten Autofahrer nicht stoppen

Rüdiger Frank

Auf den deutschen Autofahrer ist Verlass - zumindest für den Fiskus: Seit Jahresanfang stiegen die Benzinpreise um 27 Pfennig je Liter, der Absatz aber blieb konstant. Trotz der Rekordhöhe hält sich an den Zapfsäulen das Zähneknirschen der Autofahrer in Grenzen. Nach Einschätzung von Experten wird es auch dann kaum deutlicher ausfallen, wenn zum Anfang kommenden Jahres der Preis für Superkraftstoff mit der zweiten Ökosteuer-Anhebung um weitere sieben Pfennig ansteigt und möglicherweise die Zwei-Mark-Grenze überschreitet. "Manche tanken nur halb voll, in der Hoffnung, dass der Preis in den nächsten Tagen wieder etwas fällt", sagt die Geschäftsführerin des Bundesverbandes Freier Tankstellen, Sigrid Pook, in Minden. Sie habe mit "deutlich stärkeren Reaktionen" gerechnet.

Der Rohstoff-Experte des Hamburger Instituts für Wirtschaftsforschung, Hans-Joachim Timm, glaubt, dass Gewohnheiten nicht so schnell zu ändern sind. Voll besetzte Nahverkehrsmittel und Züge verleiteten auch nicht gerade zum Umsteigen. "Man fährt gar nicht so bequem, wie es in der Werbung gerne suggeriert wird." Timm erwartet auch dann keine Änderung im Verhalten der Autofahrer, wenn der Preis einmal bei 2,20 oder 2,30 Mark angekommen ist. Im Übrigen eröffneten sich den Autofahrern gerade in den vergangenen Monaten mit niedrigeren Strom- und Telefonpreisen Kompensationsmöglichkeiten.

Esso-Sprecher Alexander Geck ist überzeugt, dass der Erlebnishunger der Deutschen stärker ist als die vom Staat mit der Ökosteuer eingesetzte Verbrauchsbremse. Er erinnert an die Sonnenfinsternis, für die viele lange Fahrten in den Süden und verstopfte Autobahnen auf sich genommen hätten. Ein Regierungsberater verwies zuletzt darauf, eine echte Wirkung gebe es erst bei drei oder gar vier Mark je Liter.

Die derzeitigen Preise von gut 1,74 bis 1,87 Mark pro Liter Eurosuper werden durch drei verschiedene Faktoren bestimmt: Hauptgrund ist die unerwartete Förderdiszplin der Erdöl exportierenden Staaten (OPEC), die 60 Prozent der Ölvorkommen in der Welt kontrollieren. Sie hatten sich in den vergangenen Monaten erstmals seit Jahrzehnten an vereinbarte Förderbegrenzungen gehalten und damit die Angebotsmenge stabilisiert. Gleichzeitig stieg mit einer sich langsam wieder erholenden Weltkonjunktur der Energiebedarf. Der von der OPEC angestrebte Richtpreis von 21 Dollar pro Barrel (159 Liter) wurde dadurch noch um rund zwei Dollar übertroffen. Beim Nordsee-Öl (Brent) stieg der Preis von neun bis zehn Dollar pro Barrel zum Jahresbeginn auf 23 bis 24 Dollar im September.

Da einige Förderländer, unter anderem Saudi-Arabien, angesichts des hohen Rohölpreises negative Auswirkungen auf die Nachfrage und damit Einnahmeverluste fürchten, gehen Experten davon aus, dass die Förderer an einer weiteren Verteuerung des Rohöls nicht interessiert sind. Schließlich treibt auch der harte Dollar den Preis des "Schwarzen Goldes": Der Kurs stieg von 1,69 Mark zum Jahresanfang auf auf zuletzt gut 1,82 Mark.

In Deutschland will Vater Staat weiter lustvoll an der Preisschraube drehen. Mit der Ökosteuer-Reform soll bis 2003 eine jährliche Steuer-Anhebung kommen, die jeweils sieben Pfennig inklusive Mehrwertsteuer pro Liter kostet. Der Anteil der Mineralölsteuer und Mehrwertsteuer lag im September bei 72 Prozent des Benzinpreises.

Unter den deutschen Mineralölgesellschaft herrscht indes harte Konkurrenz: Ihr Anteil am Benzinpreis stieg nach Angaben des Mineralölwirtschaftsverbandes zwar um gut zwei auf 18,9 Pfennig pro Liter. Dies sei eine leichte Verbesserung im Vergleich zu den Vormonaten, in denen es nicht gelungen sei, die gestiegenen Kosten im Preis weiterzugeben. Gegenüber Jahresanfang sei es aber immer noch ein Minus von fast eineinhalb Pfennigen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben