Wirtschaft : Von Märkten und Ministern

ANDREAS HOFFMANN .Also doch.Helmut Kohl ist schuld.Mit seiner Wahl zum Bundeskanzler 1982 hat alles angefangen.Seitdem steigt die Börse.Das Börsenbarometer der wichtigsten hiesigen Unternehmen dümpelte lange vor sich hin, ehe es 1982 anzog und kletterte, kletterte und kletterte.Es mangelt nicht an Erklärungen.Die Bethmann-Bank wußte schon in ihrer Bilanz über das Aktienjahr 1983: "Die Entscheidung der Wähler für eine Regierung, die mehr als bisher die marktwirtschaftlichen Elemente hervorkehren würde, ließ die Kurse nach oben gehen." So einfach ist das also.Die Regierung wechselt, die Aktien boomen.Wenig verwunderlich, daß jetzt die Analysten vor Rückschlägen warnen, wenn erst Gerhard Schröder und Joschka Fischer regieren.Vermögensverwalter Hartmut Korn vom Bankhaus Hermann Lampe sagt: "Das Beste für die Börse wäre zweifelsohne eine stabile Mehrheit für die amtierende Regierung".Sitzt Rot-Grün an den Machthebeln könnte für ihn ein "Kursrückgang vielleicht deutlicher ausfallen und länger anhalten".Manche Analysten sehen bereits einzelne Titel abstürzen.Autoaktien könnten verlieren, weil höhere Mineralölsteuern Daimler und Co.zusetzten.RWE und Veba litten unter einem Ausstieg der Kernenergie sowie Bayer, BASF und Hoechst unter stärkeren Umweltstandards.

Nicht alle malen schwarz.Die Kölner Privatbank Sal.Oppenheim kam jüngst zu dem Ergebnis, daß eine rot-grüne Regierung für die Kapitalmärkte neutral sein könnte - vorausgesetzt Gerhard Schröder halte SPD-Linke und grüne Fundis im Zaum.Die Kölner sehen sogar Vorteile: "Wegen der schnellen Umsetzung von Reformen wären kurzfristig sogar positive Einflüsse möglich." Konsumaktien, wie Karstadt oder Metro, könnten zulegen, falls die neue Regierung den privaten Haushalten mehr Geld in der Kasse läßt.Ralf Bendheim von der Dresdner Bank Investmentgruppe erwartet von Rot-Grün, daß "deren Tendenz zum deficit spending beispielsweise Bauaktien zugute kommt".

Rauf oder runter - die Folgen der Bundestagswahl für die Börse scheinen widersprüchlich.Oder haben sie überhaupt etwas miteinander zu tun? Nicht allzu viel, meint Gero Olbertz von der Vereins- und Westbank.Rückblickend auf die vergangenen 25 Jahre stellte er kürzlich fest, daß Bundestagswahlen keinen neuen Trend an der Börse setzten: "Sie sind allenfalls ein kurzfristig trendverstärkender Faktor." Olbertz nennt gute Gründe.Es gibt einfach zuviele Faktoren, die die Börsen beeinflussen.Da sind zum Beispiel die Zinsen.Niedrige Zinsen wirken auf die Aktienmärkte wie Turbolader - gleichzeitig bei Unternehmen und Haushalten.Die Firmenchefs können sich günstiger verschulden und billiger in neue Anlagen investieren.Das läßt die Kosten sinken und die Gewinne steigen.Gleichzeitig verschönern niedrige Zinsen die Aktien.Festverzinsliche Wertpapiere sind dann wegen der geringen Rendite weniger attraktiv, also greifen die Anleger zu Aktien.

Die Börsianer bliêken aber auch über den Atlantik.Die Wall Street schlägt den Aktienmärkten rund um den Globus den Takt.Den Anstieg des Dax seit 1982 erklärt sich Olbertz daher mit dem Aufschwung der US-Börse im August 1982.Die deutschen Finanzmärkte seien diesem Trend nur gefolgt.Für ein Abkoppeln zwischen Börse und Bonn sprechen weitere Belege.Ende Mai 1993 stand der Dax bei 1630 Punkten, jetzt verweilt er an der 6000er Grenze - obwohl die Kohl-Regierung in den vergangenen fünf Jahren kaum größere Reformen umsetzte.Nach der Bundestagswahl im September 1994 sank der Dax sogar zeitweilig.Nicht wegen mangelndem Vertrauen der Börsianer in die Regierung, sondern weil der Dollar sich auf Talfahrt befand.Die Unternehmen konnten weniger exportieren, weil ihre Produkte sich im Ausland verteuerten.Entsprechend schlechter schätzten die Händler die Geschäfte der Firmen ein.

Noch weitere Faktoren bewegen die Kurse: die Konjunktur in den anderen Staaten, die Investitionen der Firmen, die Entwicklung der Geldmenge, das Verhalten der Notenbanken oder der Anstieg der Preise.All das beeinflußt die Finanzmärkte, weil dort die Börsianer die Zukunft vorweg nehmen wollen.Und die sieht zur Zeit eher rosig aus.Die Unternehmer verdienen gut.Sie haben ihre Firmen umstrukturiert und neue Produkte auf den Markt gebracht.Die Löhne sind maßvoll gestiegen, wie auch die Preise, und die Exporte florieren.Bislang hat die Asienkrise keine große Spuren hinterlassen; ein wenig wirkte sie sogar positiv, weil sie die US-Konjunktur leicht abkühlte.US-Notenbankchef Alan Greenspan brauchte so nicht die Zinsen zu erhöhen.Daneben setzte die Asienkrise viele Gelder frei.Die Anleger suchen nach einem sicheren Hafen und finden Europa.

Den Höhenflug der Aktien verursachte allerdings auch die Telekom.Der ehemalige Fernmelderiese ging an die Börse und plötzlich wollten die Deutschen Aktionär spielen.720 Mill.Papiere fanden neue Käufer, die Aktie wurde populär.Seitdem nehmen die Investmentclubs zu, junge Papiere sind heiß begehrt und Neu-Emissionen der Firmen oft hoffnungslos überzeichnet.Eine Börsensendung auf 3Sat am Freitagabend gilt als Kult, und in der Kneipe diskutiert man über Werte, wie Mensch und Maschine oder Mobilcom.4,1 Millionen Privatleute hatten 1997 durchschnittlich Geld in Aktien angelegt, 300 000 mehr als ein Jahr zuvor.Früher hat Kurt Tucholsky einmal über die Börse geschrieben, daß sie einer "Reihe aufgeregter Herren den Spielclub ersetzt".Hierzulande wird es in dem Spielclub langsam eng.Aber vielleicht nicht mehr lange.Börsenguru André Kostolany denkt bereits an das Ende."Die Aktienkurse steigen, wenn es mehr Dumme als Papiere gibt", sagte er einmal."Und sie fallen, wenn es mehr Papiere als Dumme gibt."

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