Von Pierers Rücktritt : Der späten Einsicht gefolgt

Deutschlands einstiger Vorzeigemanager, Siemens-Aufsichtsrats-Chef Heinrich von Pierer, hat seinen Rücktritt angekündigt. Ein überfälliger Entschluss - für seinen Ruf und für eine saubere Zukunft von Siemens. Ein Kommentar von Markus Mechnich

Markus Mechnich

Der Schritt folgte spät, aber nicht zu spät. Heinrich von Pierer hat die Konsequenzen aus der nicht enden wollenden Reihe von Skandalen gezogen, die in seine Amtszeit als Vorstandsvorsitzender des Siemens-Konzerns von 1992 bis 2005 fielen. Der öffentliche Druck war zu groß geworden und innerhalb des Unternehmens sah man die Möglichkeit schwinden einen sauberen Schnitt zu machen, ohne den Hebel ganz oben anzusetzen.

Dass mit Gerhard Cromme der Vorsitzende des Prüfungsausschusses des Aufsichtsrats auf den Chefsessel folgt, ist ein wichtiges Signal aus dem Konzern. Nach Monaten des Aussitzens, Dementierens und Totschweigens ist man bereit, der verbalen Entrüstung auch Taten folgen zu lassen. Dass selbst die Börse diesen Schritt mit einem Kurssprung von 3,8 Prozent für Siemens-Aktien bejubelt spricht Bände.

Erosion der Glaubwürdigkeit

Wie konnte es bei einem der größten deutschen Industrieunternehmen überhaupt soweit kommen? Was hat den wirtschaftspolitischen Berater von Kanzlerin Merkel am Ende doch zum Sturz gebracht? Die Antwort liegt in der zunehmenden Erosion der Glaubwürdigkeit von Siemens und des ehemaligen Vorstandes. Wie soll ein Manager Vorgänge aufklären, die allesamt in seine Zeit als Chef des Unternehmens fielen und von denen er angeblich damals nichts gewusst haben will? Wie soll das ehemalige Vorzeigeunternehmen wieder sauber werden, wenn sich ein unglaublicher Skandal an den nächsten reiht?

Die massive Erhöhung der Vorstandsbezüge im September 2006 hätte man noch als Gedankenlosigkeit abtun können angesichts der zuvor angekündigten Stellenstreichungen und Lohnkürzungen. Es ist zwar unklar, warum in der deutschen Wirtschaft solche Entscheidungen oft in Phasen bekannt gegeben werden, in denen der Druck auf die Belegschaft groß ist und Menschen ihren Job verlieren. Eine geschickte Öffentlichkeitsarbeit sieht anders aus. Aber Heinrich von Pierer stellte sich vor den Vorstand und verteidigte damals den Entschluss als Aufsichtsrat. Man kann das als heldenhaft ansehen, aber ein klügerer Schritt wäre es gewesen, zumindest etwas Zeit verstreichen zu lassen oder in einer solchen Phase eben Maß zu halten.

Verschiebung von Managementfehlern

Auch der Versuch der Siemens-Spitze, das in die Krise geratene Handygeschäft über die Partnerschaft mit BenQ kostengünstig abzuwickeln, ist ein Vorgehen, welches zwar in der Bevölkerung großen Missmut hervorrief, aber aus Sicht der Unternehmensführung sinnvoll erschien. Dass BenQ tatsächlich auf brutale Weise das Licht bei BenQSiemens in Deutschland ausschaltet und die Marke als Gegenwert für die Investitionen mitnimmt, haben wahrscheinlich auch die Manager in München nicht wirklich für möglich gehalten.

Das System der schwarzen Kassen und Bestechungsgelder im Bereich des Kraftwerkstechnik hingegen war der erste richtig schwere Schlag für von Pierer selbst. Im größten Schmiergeldskandal der deutschen Wirtschaftsgeschichte erreichten die unsauberen Vorkommnisse mit dem früheren Siemens-Vorstand Ganswindt eine Ebene, bei der auch die Konzernleitung nicht mehr unbeschadet davon kommt. Selbst wenn der Vorstandsvorsitzende nichts von den dreistelligen Millionen-Beträgen und dem System der Korruption gewusst hätte, wäre dies schon für sich genommen eine unglaubliche Verfehlung und kaum entschuldbar. Ähnlich kann man die Absprachen bei Schaltanlagen für Stromnetze beurteilen, die eine Kartellstrafe von 419 Millionen Euro durch die EU nach sich zog.

Mit dem AUB-Skandal war das Maß voll

Der endgültige Offenbarungseid kam mit den Zahlungen an die Alternativ-Gewerkschaft AUB. Sich eine eigene Gewerkschaft aufzubauen und mit Millionenzahlungen an dubiose Firmen ohne Gegenleistung gefügig zu halten, ist ein schier unglaublicher Vorgang. Hätte Johannes Feldmayer bei der Nachfolge von von Pierer das Rennen gemacht, wäre der Chef eines großen deutschen Industriekonzerns hinter Gittern gelandet. Es wäre ein Vorfall ohne Gleichen in der deutschen Wirtschaftsgeschichte geworden. Aber auch so taugen die Vorgänge für einen Wirtschaftskrimi. Spätestens mit diesem Skandal war das Maß voll.

Heinrich von Pierer war an der Spitze des Aufsichsrats von Siemens nicht mehr haltbar. Jetzt ist er zurück getreten, gerade noch rechtzeitig bevor er seinen ehemals glänzenden Ruf vollständig ruinierte. Der Rückzug kann auch als Sieg für den amtierenden Vorstandsvorsitzenden Klaus Kleinfeld gewertet werden. Er kann nun, mit den glänzenden Geschäftszahlen, die er in Kürze vorlegen wird, endlich einen richtigen Neuanfang angehen. Es wird ein langer Weg für Siemens, die verlorene Glaubwürdigkeit wieder herzustellen. Für Heinrich von Pierer war es hingegen der Rettungsanker. Früher oder später wäre einer der zahlreichen Vorfälle doch zum Ex-Chef zurück zu führen gewesen. Das hätte seinen Ruf und seine Tragfähigkeit in anderen Gremien endgültig ruiniert. Ganz zu schweigen vom immensen Schaden für den gesamten Siemenskonzern.

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