Wirtschaft : Von Schuldbewusstsein keine Spur

Jürgen Zurheide[Düsseldorf]

An dieser Stelle horchen die Schöffen auf. Joachim Funk, der frühere Vorstands- und spätere Aufsichtsratschef von Mannesmann, hatte gerade erst mit seinem Vortrag begonnen und noch einmal betont, dass er unschuldig sei, als er es für geboten hält, die Beisitzer des hohen Gerichtes direkt anzusprechen. „Ich will mich auf das Wesentliche beschränken", hebt der weißhaarige Mann an, „um Sie nicht mit Details zu verwirren.“ Weil er den Blick nicht von seinem Manuskript nimmt, bemerkt Funk nicht einmal, dass der eine oder andere auf der Richterbank diese Form der Herablassung unpassend findet. .

Überhaupt wirken die Angeklagten, die am Donnerstag im Mannesmann-Prozess ausführlich ihre Sicht der Dinge vorstellen durften, ganz und gar nicht schuldbewusst. Im Gegenteil: Funk stellt die großen Leistungen heraus, die er für Mannesmann vollbracht habe. Er zitiert Umsatzzahlen, Börsenkurse, und stets ist die Botschaft gleich. „Das war ein hoch erfolgreiches Unternehmen", sagt er immer wieder und versucht so, deutlich zu machen, dass es in Ordnung gewesen sei, dass auch er am Ende eine satte Prämie von sechs Millionen DM bekommen hat: „Es gab eine rechtliche Grundlage für die Zahlungen.“

Einen Schaden für Mannesmann habe es nicht gegeben, nur „riesige Gewinne für die Aktionäre“, sagt auch Ex-Mannesmann-Chef Klaus Esser zu Beginn seiner fünfstündigen Erklärung vor dem Landgericht Düsseldorf. Man habe den Vorwurf der Käuflichkeit und Verschwörung gegen ihn „erfunden“, glaubt Esser, der sich wegen Beihilfe verantworten muss. Die Bonuszahlungen in Höhe von 31 Millionen Euro, die er nach der Übernahme durch den britischen Mobilfunkanbieter Vodafone Anfang 2000 erhalten hatte, seien in ihrer Art und Höhe auch für Deutschland nicht ungewöhnlich gewesen. „Ungewöhnlich war nur die Transparenz, mit der sie kommuniziert wurden“, meint Esser.

Auch Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann sieht sich zu Unrecht vor Gericht. Ob er, wie stets beim Betreten und Verlassen des Gerichtes, auch während der Verhandlung unablässig gelächelt hat, konnten die Beobachter von hinten nicht sehen. Aber wie vor ihm Klaus Zwickel, der ehemalige Gewerkschaftschef, steht er auf, als er zu seinem gut einstündigen Vortrag anhebt. „Formal waren alle Entscheidungen korrekt", beteuert der Banker. Sein Verteidiger, Eberhard Kempf, hatte am Wochenende schon den Boden für diese Aussage bereitet und an die Hektik des Übernahmekampfes erinnert. Damals seien Entscheidungen im Minutentakt gefällt worden, man sei mit den Protokollen nicht immer rechtzeitig nachgekommen.

War nur die Hektik Schuld?

„Wenn in einer Sitzung um halb sechs Uhr abends etwas handschriftlich geändert wurde, und es ist keine Sekretärin da, und die Herren beherrschen den PC nicht – dann wird es eben am nächsten Tage abgeschrieben und zur Unterschrift vorgelegt.“ Wenn sein Mandant dann schon wieder unterwegs sei, unterschreibe er eben später. Damit versucht Ackermann, das formale Argument aus dem Weg zu räumen, das die Staatsanwälte an Hand der sichergestellten Unterlagen vorgetragen haben; demnach wurde bei den Protokollen so viel getrickst, dass sie in vielen Fällen nicht als Grundlage für die Auszahlung der 111 Millionen DM an Mannesmann-Manager reichen.

Damit hält sich Ackermann auch nicht allzu lange auf. Er rechnet dem Gericht lieber vor, wie klein doch der Anteil für Esser und andere Zahlungsempfänger verglichen mit deren Leistung sei. „Gemessen an der Wertsteigerung im Übernahmekampf betrug die Bonuszahlung gerade einmal 0,2 Prozent", kalkuliert Ackermann. Am Ende holt der Banker dann auch noch zum Generalangriff aus: „Es gibt eine weltweite Diskussion um Manager-Gehälter, nur in Deutschland wird sie vor Gericht ausgetragen.“ Zu einem Thema sagt Ackermann nichts: An keiner Stelle seines Vortrages ist Raum für Schuld oder Teilschuld. Noch am Wochenende hatte sein Verteidiger eingeräumt, dass Joachim Funk zumindest nicht über die eigene Prämie hätte abstimmen dürfen. Ackermann schweigt dazu.

In diesem Punkt steht er ganz dicht neben Klaus Zwickel, dem Ex-IG-Metall-Chef. „Alle Entscheidungen waren nach meiner Überzeugung aktienrechtlich korrekt", sagt Zwickel. Er fühlt sich zu Unrecht verfolgt. „Nach 50 Jahren Arbeit habe ich mir vieles vorstellen können, aber nicht, dass ich wegen Untreue vor Gericht stehe.“

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