Vor dem Diesel-Gipfel : Daimler und Co. rüsten Autos nach

Auch Audi und BMW wollen mit ihrer Aktion das "Emissionsverhalten" verbessern und ein Dieselverbot verhindern. Experten zweifeln an der Wirksamkeit.

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Die technische Nachrüstung älterer Diesel soll nach dem Willen der Hersteller möglichst preiswert sein.
Die technische Nachrüstung älterer Diesel soll nach dem Willen der Hersteller möglichst preiswert sein.Foto: picture alliance / Julian Strate

Autopräsident Matthias Wissmann warf einen Blick in den Berliner Himmel, als er beim Sommerfest des VDA am vergangenen Montag in Berlin sagte: „Bis zum 2. August sollte es gelingen, die Wolken beiseitezuschieben und eine vernünftige gemeinsame Lösung zu finden.“ Gemeint war der große Berliner Diesel-Gipfel am 2. August, auf dem der Bund und mehrere betroffene Bundesländer mit der Autobranche Nachrüstungen für Diesel der Abgasklassen Euro 5 und 6 vereinbaren wollen, um Schadstoffemissionen zu reduzieren.

Bis zum Ende der Woche beeilten sich die deutschen Autohersteller, die Wolken, die sich über der Branche zusammengezogen haben, zu verschieben und der Regierung entgegenzukommen. Am Freitag startete auch Audi eine freiwillige und für die Kunden kostenlose Rückrufaktion für 850 000 Fahrzeuge, bei denen über ein Software-Update das „Emissionsverhalten“ verbessert werden soll. Es geht um Sechs- und Achtzylinder-Dieselmotoren mit der Abgasnorm Euro 5 und Euro 6. Der Service gelte auch für Modelle der Marken Porsche und Volkswagen, die mit baugleichen Motoren ausgerüstet sind, teilte Audi mit.

Gemeinsames Ziel

Daimler hatte eine Software-Aktion am Dienstag für drei Millionen seiner Fahrzeuge angekündigt. Der Stuttgarter Konzern geht aber einen Schritt weiter als BMW und Audi, die sich gegenüber der bayerischen Landesregierung zur Nachrüstung etwa der Hälfte ihrer Euro-5-Dieselautos bereiterklärt hatten.

Die parallelen Aktivitäten der Hersteller haben ein gemeinsames Ziel: Sie sollen verhindern, dass es in Großstädten wie Stuttgart oder München zu gerichtlich verfügten Fahrverboten für ältere Diesel kommt. Der Druck auf die Unternehmen, kurzfristig etwas zu tun, ist gestiegen. Am Freitag kam ein „Spiegel“-Bericht hinzu, nach dem VW, Audi, Porsche, BMW und Daimler schon lange bei geheimen Treffen technische Standards unter anderem auch bei der Abgasreinigung kartellverdächtig absprechen.

EU-Kommission fordert härtere Gangart

Aber auch Bund und Länder stehen unter Zugzwang, denn die EU-Kommission fordert eine härtere Gangart im Dieselskandal. In einem Schreiben an alle Verkehrsminister der Mitgliedstaaten fordert EU-Industriekommissarin Elzbieta Bienkowska laut „Süddeutscher Zeitung“, manipulierte Fahrzeuge des VW- Konzerns radikal aus dem Verkehr zu ziehen, sollten sie bis Ende des Jahres nicht umgerüstet sein. Bienkowska warnte demnach zugleich vor dramatischen Folgen eines generellen Diesel-Fahrverbots. Politiker und Industrie könnten kein Interesse an einem „rasant kollabierenden Diesel-Markt infolge lokaler Fahrverbote“ haben: „Das würde der Industrie nur die Mittel entziehen, in emissionsfreie Autos zu investieren.“

Die nun von den Herstellern angekündigten Software-Updates sind die preiswerteste aller möglichen Umrüstungslösungen. Daimler etwa kalkuliert mit insgesamt 220 Millionen Euro für drei Millionen Fahrzeuge. Das wären rein rechnerisch Kosten von nur 73 Euro pro Auto. Müssten darüber hinaus auch Bauteile und Komponenten der Abgasreinigung erneuert werden, wären nach Branchenschätzungen rund 1500 Euro pro Auto fällig.

Gesamtkosten von zehn Milliarden Euro

Hochgerechnet auf etwa sechs Millionen Euro-5-Dieselfahrzeuge und einen Großteil der 2,6 Millionen Euro-6-Diesel auf deutschen Straßen ergäben sich Gesamtkosten von mindestens zehn Milliarden Euro. „Dies ist für die Hersteller verkraftbar“, sagte der Grünen-Verkehrspolitiker Oliver Krischer am Freitag, „Alleine 2016 fuhren die deutschen Autokonzerne mehr als 30 Milliarden Euro an Gewinn ein.“ Die Konzerne sehen das naturgemäß anders – und versprechen, auch mit einem günstigeren Software-Update die Emission schädlicher Stickoxide (NOx) zu senken.

Experten bezweifeln dies. „Nur mit einer neuen Software kann man nicht das Beste, was geht, aus einem Dieselmotor herausholen“, sagte Klaus Schreiner, Professor für Verbrennungsmotoren an der Universität für Wirtschaft, Technik und Gestaltung Konstanz, dem Tagesspiegel. Eine einzige Lösung für alle Motoren gebe es ohnehin nicht, vielmehr müssten viele verschiedene Updates für die Motorvarianten entwickelt werden.

Kosten könnten bei Kunden bleiben

Wirksam ließen sich NOx-Abgase nur mit der SCR-Technik reduzieren, bei der Stickoxide chemisch durch eine Harnstoff-Einspritzung (AdBlue) reduziert werden. Diese Technik lasse sich aber in viele ältere Euro-5-Fahrzeuge gar nicht oder nur sehr teuer und kompliziert einbauen. In jedem Fall müssten betroffene Diesel-Fahrer damit rechnen, dass ihre Fahrzeuge nach der Umrüstung mehr Sprit verbrauchten. Denn: Je höher der NOx-Ausstoß sei, desto niedriger sei zugleich der Spritverbrauch. „Wenn die Hersteller jetzt behaupten, die Kunden würden nach dem Update nichts davon merken, halte ich das für eine spannende Geschichte“, sagte Schreiner.

Sollte es nicht bei Software-Updates bleiben und die Umrüstung teurer werden, dürfte ein Teil der Kosten bei den Kunden hängen bleiben. In der großen Koalition wird deshalb nach Tagesspiegel-Informationen bereits über finanzielle Fördermöglichkeiten nachgedacht. „Da kommen wir hoffentlich am 2. August weiter“, sagte ein Verkehrspolitiker. Die Zustimmung des Finanzministers gebe es noch nicht. Sein Ressort sitzt auch noch nicht mit am Tisch des Diesel-Gipfels.

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