Wirtschaft : Vor Silvester polieren Investmentfonds ihre Depots auf Hochglanz

11.12.2001 00:00 UhrVon qdt/fw/HB

Ordentliche Hausfrauen und -männer putzen vor Silvester die Fenster. Bei Fondsgesellschaften und Versicherungen gibt es Ähnliches: "Window-Dressing" ist ein altes Phänomen, das sich nach der Erfahrung von Rolf Stegemann-Kühnert jedes Jahr vor allem am letzten Handelstag wiederholt. "Manche denken, es kommt nicht, und dann kommt es doch", sagt der Aktienhändler der BHF-Bank. Die Gesellschaften platzieren in den dünnen Markt am Jahresende ein paar große Kaufaufträge, um die Kurse einzelner Aktien zum Bilanzstichtag nach oben zu treiben. Wie stark dieser Effekt den Markt bewegt, wagt der Händler allerdings nicht zu beziffern.

Dass Window-Dressing "einiges Kapital in den Markt pumpen wird", steht für Ben Funnell, Aktienstratege von Morgan Stanley, fest.

Der Dezember dürfte ein "starker Aktienmonat werden". Funnell bezieht sich dabei auf Kundenbefragungen, wonach der durchschnittliche Portfoliomanager noch nicht genügend gewinnträchtige Titel besitze, aber gerade solche zukaufen will - unter anderem Technologietitel, die stark schwanken und in guten Börsenzeiten hohe Renditen bringen. Manche institutionellen Anleger räumen ihr Depot auf andere Weise auf, wie Adig-Sprecher Josef Wild erklärt: "Wir machen kein Window-Dressing." Kurz vor Jahresschluss verkaufen sie Titel, die seit einiger Zeit für negative Schlagzeilen sorgen, um sich in anstehenden Halbjahresberichten nicht der Kritik der Anleger auszusetzen. Ob es Ende 2001 einen Aufschwung gebe, sei eine "zufällige Geschichte", in Zeiten mit hohen Kursschwankungen seien 15 Prozent schnell gewonnen - und zerronnen.

Der Aktienstratege Khuram Chaudhry von Merrill Lynch ist noch vorsichtiger. Er glaubt, dass alle bisherigen positiven Nachrichten schon in den Kursen enthalten sind.. Doch viele andere Analysten sind eher positiv gestimmt: So sieht Klaus Martini, Leiter Fondsmanagement europäische Aktien bei der DWS, gute Chancen für eine kleine Jahresendrally, "weil niemand derzeit zu viel Bargeld in der Bilanz stehen haben will". Kleine Lichtblicke gebe es auch von volkswirtschaftlicher Seite - der amerikanische Einkaufsmanager-Index zum Beispiel sei besser als erwartet ausgefallen. Rolf Elgeti von der Commerzbank Securities in London sieht noch weitere Gründe, warum die Aktienkurse in Europa - insbesondere in Deutschland - auf kurze Sicht steigen könnten: In Europa hätten viele institutionelle Investoren ihre Depots nach den Terrorattacken in den USA vom 11. September abgesichert. Ein Großteil dieser Hedge-Positionen dürfte in Kürze aufgelöst werden und Kaufdruck erzeugen.

Dass viele Marktteilnehmer in zu hohem Maße abgesichert seien, könne man an den hohen Preisen für Puts sehen, sagt Elgeti. In den USA sei dieses Phänomen nicht zu beobachten, deswegen gebe es dort - ebenso wie in Großbritannien - gegenwärtig wenig Aufwärtspotenzial.

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