Wirtschaft : "Vor uns haben Ihre Aktienhändler immer gewarnt"

VANESSA FUHRMANS

Einen gewissen jugendlichen Übermut kann sich Karl Matthäus Schmidt nicht verkneifen, wenn es darum geht, auf sein Unternehmen aufmerksam zu machen: Als die Consors Discount-Broker AG als erster europäischer Online-Broker an die Börse ging, machte sich der 30jährige Unternehmer über die gesetzte Welt der Frankfurter Finanzen lustig. Er ließ schwarze Flaggen halbmast hissen - aus Trauer um den Niedergang der deutschen Bankenbranche - und schickte Models in Bademode durch die Straßen, um den innerstädtischen Verkehr zu stören. "Wir sind die Leute, vor denen Ihre Aktienhändler Sie immer gewarnt haben", spottete das Unternehmen auf einem seiner Werbeplakate.Aber das Kunststück, das die meisten aufmerken ließ, kam ganz zum Schluss: Am Ende des ersten Handelstages hatten Anleger den Marktwert von Consors auf 3,4 Mrd. Euro verdreifacht. Damit machten sie den Emporkömmling zur fünftgrößten Bank Deutschlands in Bezug auf die Marktkapitalisierung. "Alles, was wir an diesem Tag wollten, war für ein bisschen Aufruhr in Frankfurt zu sorgen", sagt Schmidt grinsend.Das ist ihm gelungen, auch über die Grenzen der deutschen Finanzmetropole hinaus: Der größte und profitabelste Online-Broker Deutschlands bahnt sich seinen Weg so rasant wie E*Trade oder Ameritrade in den USA, im Internet schnellt sein Aktienkurs in die Höhe. Online-Broker wie Consors revolutionieren den Markt: Die Handelstage werden länger und immer mehr Verkäufe werden nicht mehr im direkten Kontakt abgeschlossen. In den USA erschüttert diese Revolution die abgeschirmte Welt der etablierten Broker und sogar die mächtige New Yorker Börse. Diesseits des Atlantiks ist das Hauptziel die ehrwürdige Institution der Universalbank.Während amerikanischen Retail Banken der Verkauf von Versicherungen oder das Anlagegeschäft für Kunden lange Zeit gesetzlich verboten war, erfüllten die Sparkassen in Europa ihren Kunden alle Finanzwünsche. Aber die Fusionswelle, die über die Branche gerollt ist, hat dieses Monopol zusammenbrechen lassen: Mit dem Wachstum der Banken sind kleinere, gewandtere Institute auf den Markt gekommen, die spezialisierte Finanzdienste billiger und schneller anbieten.Auch Consors ist im Vergleich zu den deutschen Bankriesen winzig - trotz seiner erfolgreichen Marktkapitalisierung. Aber im schnell wachsenden Sektor des Online-Broking liegt Consors an der Spitze. "Das ist nicht das Ende der Banken", sagt Richard Ramsden, Analyst bei Goldman Sachs. "Aber das Universalbankmodell, wie wir es kennen, ist in Gefahr. Und das hat viel mit Nischenunternehmen wie Consors zu tun."Die Kräfte hinter dem Erfolg des Durchstarters? Privatanleger und das Internet. Die anfangs kleine Online-Kommune in Europa ist inzwischen auf fünf Prozent der Bevölkerung gestiegen, in Deutschland sogar auf 8,5 Prozent. Und Analysten erwarten, dass der eigentliche Internet-Boom in Europa erst noch kommt. Eine Reihe von Online-Finanzdienstleistern aus den USA setzen deshalb schon jetzt auf Europa, ausserdem sind Unternehmen wie die deutsche net.IPO und die schwedische EPOS Capital entstanden, die sich auf Börseneinführung von Unternehmen spezialisieren.Unter den Newcomern ist Consors einer der wenigen, der bereits Gewinn macht. Auch wenn sein größter Konkurrent, die zur Commerzbank gehörende Comdirect, mehr Kunden hat: Consors erhält mehr Aufträge - etwa 1,4 Mill. im ersten Quartal oder 34 Prozent des Online-Handelsmarktes - und hält einen 30-prozentigen Anteil an den Transaktionen am Neuen Markt. Dem hohen Handelsvolumen entsprechen fette Gewinne: Im Schnitt erwirtschaftet Consors pro Handelsabschluss etwa 375 Dollar Gewinn vor Steuern. Dagegen sind es nach Angaben von Goldman Sachs bei E*Trade nur 181 Dollar und 218 Dollar bei Ameritrade. In diesem Jahr wird sich der Reingewinn bei Consors auf 18,3 Mill. Euro verdoppeln und im Jahr 2000 bereits 26 Mill. Euro erreichen, schätzt Goldman Sachs.Der enorme Erfolg von Consors habe viel mit dem unkonventionellen Vorgehen der Bank zu tun, sagen Analysten: Von Anfang an konnte Consors die Preise größerer Institute unterbieten, weil es keine teuren Geschäftszweige oder großen Unternehmensstrukturen hat. Consors war auch der erste Online-Broker, der die Möglichkeit von Optionen und Handel an einem Tag eingeführt hat, was seinen Anlegern erlaubt, sich schnell in und aus Positionen zu bewegen.Als Kunden visiert die junge Bank vor allem die 20- und knapp über 30-Jährigen an, die erst beginnen, sich mit Aktien zu beschäftigen und noch keine engen Verbindungen zu einer Bank geknüpft haben. Consors-Gründer Schmidt selbst trat mit 25 Jahren einem Anlageklub der Uni Nürnberg bei und begann, Aktien zu kaufen. "Aber wir verstanden nicht, warum wir der Bank derart hohe Gebühren zahlen mussten - vor allem, wenn ihre Informationen so spärlich waren", erinnert er sich. "Wir dachten: Wir können das besser." Um das Unternehmen gründen zu können, musste der Wirtschaftsstudent Schmidt sich dennoch an einen Banker alten Stils wenden - seinen Vater. Der selbsternannte Rebell der deutschen Finanzbranche ist Sprößling einer 170 Jahre alten Bankdynastie, die von der verschlafenen Stadt Hof in Bayern noch immer Deutschlands drittgrößte Privatbank, die Schmidtbank, leitet. Die Schmidtbank hält einen 70-prozentigen Anteil an Consors, Schmidts 63-Jähriger Vater Karl Gerhard Schmidt sitzt im Aufsichtsrat. In einem winzigen Raum einer Schmidtbank-Filiale begann der jüngere Schmidt mit fünf Kommilitonen seinen Aufstieg. Heute hat das Unternehmen 400 Angestellte - Durchschnittsalter 26. Mit 30 Jahren ist Schmidt Deutschlands jüngster Bankvorstand.Mittlerweile hat Consors die Auftragsbearbeitung für den Wertpapierhandel der Schmidtbank und zwei anderer Banken übernommen. Doch so reibungslos, wie es klingen mag, läuft auch bei Consors nicht alles: Das größte Problem ist das zu schnelle Wachstum. So werden häufg mehr Aufträge angenommen, als zu bewältigen sind. Und obwohl die Bank die Kapazität aufgestockt hat, versagt gelegentlich das EDV-System oder es kommt zum Online-Stau. Dann bleiben Anleger auf schlechten Werten sitzen oder verpassen eine günstige Gelegenheit. Da wird das elektronische Netz zum Stolperstein für den Online-Broker. Doch der erste Auftrag kam ohnehin nicht via Internet. Noch nicht einmal per Fax oder Telefon. Ein Fahrradkurier fragte vor fünf Jahren nach einem Auftragsformular für einen potentiellen Kunden in Berlin.Übersetzt und gekürzt von Karen Wientgen (Revolution, Consors und Europas Monopoly) und Svenja Rothley (Cheese-Steak).

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