Wirtschaft : Vordringen an die Grenzen der Terra Incognita

VANESSA LIERTZ

Telefonieren ist kompliziert geworden, trotzdem suchen immer mehr Menschen ihr Glück in der unbekannten KonkurrenzlandschaftVON VANESSA LIERTZ DÜSSELDORF.Verheißungsvoll schien noch vor wenigen Wochen die Freiheit zu sein, die mit der Öffnung des Telefonmarktes winkte.Der Verbraucher träumte davon, nicht mehr an den Strippen des Monopolisten Telekom hängen zu müssen, sondern sich selbst eine möglichst preiswerte Telefonleitung aussuchen zu können.Damit ist er jetzt zumindest gut beschäftigt.Kein Wunder also, daß bei den Verbraucherzentralen in ganz Deutschland die Leitungen heißlaufen, während Zeitungen, Zeitschriften und Magazine Tabellen oder Spartips abdrucken, um ihren Lesern den Weg ins preiswerte Telefoneldorado leichter zu machen. Das aber "ist harte Arbeit", wie Bernd Ruschinzik von der Verbraucherzentrale Berlin betont, die inzwischen schon eine Hotline zum Thema Telefontarife eingerichtet hat.Der Ansturm ist enorm, und während sich der Verbraucher via Telefon über die neuen Möglichkeiten des Fernsprechens erkundigt, geht den Tarifexperten am anderen Ende der Leitung regelmäßig die Puste aus.Ruschinzik ist inzwischen beim Prinzip "Hilfe zur Selbsthilfe" angelangt.Auch er könne es niemandem ersparen, doch einmal einen Blick auf die Tariflisten zu werfen, betont er. Die Berliner Verbraucherzentrale hat jetzt eine 20seitige Broschüre über die wichtigsten Angebote der Telekom-Konkurrenten herausgegeben.Der Ansturm der Frager aber nehme nicht ab, so Ruschinzik.Freiheit ist anstrengend, stellten viele Verbraucher fest und erhoffen sich von ihm schnelle Hilfe: "Welcher Anbieter ist der billigste?", wollten die meisten wissen.Darauf aber gebe es nur differenzierte Antworten, je nachdem ob man mittags um zwölf für eine Minute nach Honolulu telefonieren wolle oder nachts um drei für eine Stunde in die Vereinigten Staaten, betont Ruschinzik, der sich mitunter auch über die "absurden Fragen" seiner Anrufer wundert: So wollten Leute erfahren, welcher Telefonanbieter in den USA die billigsten Anrufe nach Japan ermögliche.Wer Butter oder eine Stereoanlage kaufen will, weiß von den wechselnden Preisen und Produkten auf dem freien Markt, Otto-Normalverbraucher am Telefon aber erst jetzt.Darum muß Ruschinzik häufiger wiederholen, "daß es den niedrigsten Tarif auf Knopfdruck und für immer nicht gibt". Nach Angaben von Fachleuten winken inzwischen aber Ersparnisse bis zu 50 Prozent, deswegen wagen sich immer mehr Verbraucher an den Service der Telekom-Konkurrenten heran.Mannesmann Arcor und Mobilcom, die ihre Leitungen schon am 1.Januar freigeschaltet haben, melden erste Erfolgszahlen.Über 130 000 Anrufer tippen täglich den 01019-Code von Mobilcom."Das sind Ausmaße, mit denen wir nicht gerechnet haben", frohlockt Mobilcom-Pressesprecher Stefan Arlt.Schon heute sei das Unternehmen an die Grenzen seiner Kapazitäten gelangt und wünsche, möglichst bald 100 000 Anrufer pro Stunde bedienen zu können.Auch Mannesmann Arcor expandiert nach eigenen Angaben permanent: Inzwischen registriert das Unternehmen täglich 300 000 Gespräche unter der Netzvorwahl 01070.Freilich, knapp drei Wochen nach Öffnung des Telefonmarktes sind die Telekom-Konkurrenten immer noch Zwerge im Vergleich zum Ex-Monopolisten aus Bonn.Etwa 150 Mill.Menschen nehmen pro Stunde den Hörer von der Gabel, um via Telekom zu telefonieren, kein Ortsgespräch führt bisher an der Telekom vorbei. Dennoch: Langsam tasten die Deutschen sich vor in die Terra Incognita privater Telefonmarkt.Es sind nicht nur jene, die sich sowieso schon immer für Tarife interessiert haben: So werden die katholische und die evangelische Kirche in Deutschland heute einen Vertrag mit der Telefongesellschaft otelo abschließen.Andere wachsen an den Herausforderungen der neuen Telefonlandschaft.Die Hotels zum Beispiel.Noch vor einigen Tagen herrschte große Verwirrung in einigen Häusern, deren Gäste via privater Telefongesellschaften ein Gespräch geführt hatten.Die Kosten dafür konnten per Telekom-Zählimpuls nicht erfaßt werden.Inzwischen aber haben die Hotelketten Kempinski und das Hilton dieses Tarifproblem mit einem hausinternen Rechner gelöst. Vielleicht kann auch Otto-Normal-Verbraucher demnächst ein ähnliches Gerät in seine Wohnung stellen, um zu wissen, wieviel es kostet, wenn er einmal nicht über die Telekom mit seinen Freunden in der Ferne plauschen will.Dann müßte er zwar keine Tariftabelle, dafür aber eine neue Betriebsanleitung lesen.

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