Wirtschaft : Vorfreude in der Bilanz

Der Fiskus entlastet Kapitalgesellschaften ab 2008 – schon heute zahlt sich das für viele Dax-Konzerne aus

Alfons Frese,Corinna Visser

Berlin - Die Finanzpolitik der Bundesregierung begünstigt die Konzerne. Die Betrachtung der jüngsten Quartalszahlen legt jedenfalls diese Einschätzung nahe: Da wird bei der Münchener Rück ein Sondergewinn von gut 400 Millionen Euro ausgewiesen, bei der Deutschen Bank sind es 200 Millionen Euro und bei der Allianz 119 Millionen Euro. Die Begründung dafür ist überall dieselbe: Effekte der Unternehmensteuerreform.

Obwohl die große Koalition erst zum 1. Januar 2008 die Belastung von Kapitalgesellschaften von derzeit fast 40 auf knapp 30 Prozent reduziert, wirkt sich das bereits in den Geschäftsberichten für das dritte Quartal 2007 aus. Mal positiv, mal negativ. Bei den Finanzinstituten in der Regel positiv. Für künftige Steuerzahlungen – zum Beispiel, wenn Versicherungen oder andere Anlageprodukte fällig werden – haben die Banken und Versicherungen Vorsorge gebildet. Weil aber künftig weniger Steuern zu zahlen sind, muss für diese Steuern auch weniger Vorsorge getroffen werden. Also konnten jetzt entsprechende Positionen aufgelöst werden – was den Bilanzgewinn im dritten Quartal zum Teil deutlich erhöhte.

Anders gelagert ist zum Beispiel der Fall der Dresdner Bank. Wegen eines Verlustes im dritten Quartal hat die Bank einen negativen steuerlichen Effekt von 220 Millionen Euro ausgewiesen. Das hängt zusammen mit dem Wert von Verlustvorträgen, der sich auch im Zuge der Unternehmensteuerreform ändert.

Und zwar so: Fallen im vergangenen Jahr 100 Euro Verlust an, kann dieser später mit Gewinnen verrechnet werden. Es entsteht also ein Steuerguthaben im Jahr 2006, das in der Bilanz berücksichtigt wird. Bei einem Steuersatz von 40 Prozent macht das im Beispiel ein Steuerguthaben von 40 Euro aus. Nun erfolgt eine Steuersenkung von 40 auf 30 Prozent. Die tritt zwar erst zum 1. Januar 2008 in Kraft, doch vom Zeitpunkt der Bekanntgabe – das war im Sommer – müssen die Unternehmen das bilanziell berücksichtigen. Deshalb gibt es die Auswirkungen also bereits im dritten Quartal 2007, berichtet wird darüber in den entsprechenden Quartalsbilanzen der börsennotierten Unternehmen. Wegen der Steuersatzsenkung von 40 auf 30 Prozent ist das Steuerguthaben im Beispiel statt 40 nur noch 30 Euro wert. Und entsprechend weisen die meisten Unternehmen deshalb einen geringeren Gewinn aus.

Besonders gravierend, im negativen Sinne, wirkt sich die Änderung bei Unternehmen mit hohen Verlustvorträgen aus. Unter den Dax-Konzernen ist das vor allem die Telekom. Im Geschäftsbericht für 2006 weist die Telekom Verlustvorträge in Höhe von 17,1 Milliarden Euro aus. Auch weil die Steuerverlustvorträge nun weniger wert sind, fiel der ausgewiesene Konzernüberschuss im dritten Quartal um rund 700 Millionen Euro geringer aus.

Der Wiesbadener Steuerrechtler Lorenz Jarass veranschlagt die aktuelle Summe der Verlustvorträge bei den 30 Dax-Unternehmen auf insgesamt gut 80 Milliarden Euro. Alle Kapitalgesellschaften zusammen – bei Personengesellschaften gibt es das Instrument nicht – hatten Ende 2005 insgesamt rund 300 Milliarden Euro an Verlustvorträgen in den Bilanzen.

Jarass zufolge war das etwa zweieinhalb Mal so viel wie der gesamte Gewinn all dieser Unternehmen. Weil die Bilanztricks mit Verlustvorträgen immer größere Dimensionen angenommen hätten, ist für Jarass „einer der wenigen positiven Punkte der Unternehmensteuerreform, dass die Verlustvorträge künftig nicht weiterverkauft werden dürfen“.

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