Wirtschaft : Vorlesen lernen

Lesepate werden erfordert Zeit und Engagement. Es hilft nicht nur den Kindern sondern kann auch die Karriere fördern

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Es war einmal. Vielen Kindern wird nur in der Schule vorgelesen. Gerade deswegen ist das Engagement der Ehrenamtlichen so wertvoll. Und ihre Zuverlässigkeit so wichtig. Foto: ddp
Es war einmal. Vielen Kindern wird nur in der Schule vorgelesen. Gerade deswegen ist das Engagement der Ehrenamtlichen so...Foto: ddp

Einmal in der Woche macht sich Helga Grellmann aus Lankwitz auf den Weg nach Neukölln. Dort übt die 67-Jährige mit drei Schülern der Karlsgarten Grundschule für zwei Stunden Lesen. Die Kinder wählt die Deutsch-Lehrerin aus. „Die Kinder freuen sich, dass ihnen jemand zuhört und ich glaube, sie genießen auch die Ruhe außerhalb der Klasse“, sagt Helga Grellmann.

Sie ist eine von etwa 2000 Berliner Lesepaten, die an Grundschulen und Kindertagesstätten Kindern beim Lesenlernen helfen. Auch viele Berufstätige sind ehrenamtlich engagiert – sie profitieren nicht nur persönlich, sondern stärken auch berufliche Schlüsselqualifikationen. Während in den Kitas vor allem vorgelesen wird, hören die Ehrenamtlichen an den Grund- und Sekundarschulen den Kleinen beim Lesen zu und korrigieren sanft, wenn es nötig ist.

Erfahren hat Helga Grellmann vor vier Jahren durch einen Artikel im Tagesspiegel von den Lesepaten. „Ich bin selber eine Leseratte und finde es wichtig, dass auch Kinder aus Migrantenhaushalten an Bücher herangeführt werden“, sagt die die Sekretärin im Ruhestand. Ihr Verbündeter ist dabei ein Buch mit Kurzgeschichten über Einwandererkinder, das ihr eine Lehrerin empfohlen hat. „Davon schaffen wir jeweils eine bis zwei Geschichten pro Stunde“, sagt sie. „Das erste Kind darf die Geschichte aussuchen, das nächste beginnt mit dem ersten Absatz und dann wird reihum vorgelesen.“ Kommt ein Wort vor, das man genauer erklären muss, hakt Helga Grellmann ein und bespricht mit den Kindern, was man zum Beispiel unter einem Haarschopf oder einer Panflöte versteht.

Auf Kinderbuchklassiker wie „Pünktchen und Anton“ greift sie nicht zurück, auch wenn sie daraus ihrem Sohn früher gerne vorgelesen hat. Denn die Kinder, mit denen sie das Lesen übt, haben alle verschiedene Hintergründe – ihre Familien kommen größtenteils aus der Türkei oder Palästina. Ab und zu ist auch ein deutsches Kind dabei, dem das Lesen vor der Klasse schwerfällt.

Die Initiative zur Vermittlung von Lesepaten im großen Stil gibt es seit fünf Jahren. Sie ging vom Bürgernetzwerk Bildung des Vereins Berliner Kaufleute und Industrieller (VBKI) aus. Dort werden die meisten Lesepaten vermittelt. Daneben gibt es kleinere Initiativen, die sich zum Beispiel nur um wenige Schulen kümmern.

„Für angehende Lesepaten gibt es beim VBKI Informationsveranstaltungen und regelmäßige Weiterbildungsabende“, sagt Sybille Volkholz. Darin wird zum Beispiel besprochen, wie Kinder lesen lernen. Die Bildungsexpertin hat die Initiative ins Leben gerufen, um Schulen in einkommensschwachen Einzugsgebieten mit Schülern aus Einwandererfamilien für bürgerschaftliches Engagement zu öffnen. Da die Nachfrage von Seiten der Schulen wächst, werden zeitlich und räumlich sehr flexible Ehrenamtliche meist innerhalb einer Woche einer Schule zugeteilt. „Lesen ist eine Schlüsselkompetenz, die in allen Fächern benötigt wird“, sagt Sybille Volkholz, die als Schulsenatorin dem Berliner Senat angehörte. „Hier zeigt sich deutlich der Unterschied zwischen bürgerlichen Haushalten, wo Bücher, Lesen und Vorlesen zum Alltag gehört, und sogenannten bildungsfernen Schichten.“ Diese Lücke kann das Engagement der Lesepaten zwar nicht schließen, aber ein wenig ausgleichen. Besonders an Sekundarschulen werden die Lesehelfer zunehmend zu Lernpaten, die zum Beispiel auch mit den Schülern Englisch üben oder auch die Berufsorientierung fördern.

An der Freien Universität (FU) können sich Lesepaten regelmäßig weiterbilden. In kostenfreien Kursen bieten Psychologen und Pädagogen Veranstaltungen zu Themen wie Sprachdidaktik und Leseförderung an. Es geht darin beispielsweise um das unterschiedliche Leseverhalten von Mädchen und Jungs oder um den Einsatz von Bilderbüchern. „Da es außer in den Kitas nicht ums Vorlesen geht, sondern um das Vermitteln von Sprach- und Lesekompetenz, ist es für die Lesepaten hilfreich, ein wenig didaktisches Rüstzeug und Hintergrundwissen zu bekommen“, sagt Rolf Busch. Er ist Koordinator der Leseförderung des Weiterbildungszentrums der FU und organisiert das Programm zusammen mit dem VBKI.

Da die Teilnehmerzahl auf 20 beschränkt ist, sind die Kurse schnell ausgebucht. Auch Helga Grellmann hat an einigen Veranstaltungen teilgenommen. Wie sie haben die meisten Lesepaten einen bürgerlichen Hintergrund, sind im Ruhestand und weiblich. Ganz klar, dass in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen aus Migranten- oder Hartz IV-Familien Welten aufeinander prallen. Im Alltag würden sie sich wahrscheinlich nie kennenlernen. Zu Konflikten komme es trotzdem selten. „Die Kinder freuen sich über die Zuwendung und Anerkennung durch die Lesepaten“, sagt Rolf Busch. Umgekehrt bestätige es die Lesepaten in ihrer Arbeit, wenn sie Fortschritte bei den Kindern beobachten. Sollte es doch einmal Probleme mit der Disziplin geben, können die Lesepaten die Kinder zurück in die Klasse schicken, denn das Lesenüben erfolgt parallel zum Unterricht.

Sybille Volkholz beobachtet, dass auch immer mehr jüngere Menschen, die noch im Berufsleben stehen, Lesepaten werden wollen. „Die Arbeit mit einzelnen Kindern stimmt optimistisch und macht gute Laune“, sagt sie über die Motivation der Interessenten. „Sie stärkt das eigene Selbstbewusstsein und trainiert kommunikative und soziale Eigenschaften. Das ist auch im Job und im Alltag hilfreich.“

Zum Beispiel können Lehramtstudenten für den Grundschulbereich nicht nur wertvolle Erfahrungen als Lesepaten sammeln, sondern nach ihrem Abschluss auch die Wartezeit für das Referendariat um ein halbes Jahr verkürzen. Vorausgesetzt, sie waren im Bürgernetzwerk Bildung mindestens 100 Stunden im Jahr als Lesepaten tätig.

Helga Grellmann hätte am Anfang ihrer Tätigkeit nicht gedacht, dass sie so lange dabei bleiben würde. Aber heute möchte sie ihr Ehrenamt nicht mehr missen. „Ich denke, für die Kinder ist es auch interessant, zu erfahren, wie ich lebe. In unserer kleinen Runde unterhalten wir uns auch über private Dinge, zum Beispiel wie wir die letzten Ferien verbracht haben“, sagt sie. „So lernt man sich mit der Zeit richtig gut kennen.“

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