Wirtschaft : Vorsicht bei Versicherungsvergleichen

HELMUT ZERMIN

Computerprogramme lassen sich vom Berater manipulierenVON HELMUT ZERMINSchon Bismarck und Altbundeskanzler Helmut Schmidt, der am 23.Dezember 1998 80 Jahre wird, wußten: "Es wird nie soviel gelogen wie vor der Wahl und nach der Jagd." Das gilt auch beim Abschluß einer privaten Krankenversicherung oder Lebensversicherung.Wer die Qual hat, hat die Wahl.Wer gut Geld verdient, kann sich hierzulande privat krankenversichern und dabei viel Geld sparen.Auch die gesetzliche Rente reicht hierzulande nicht mehr aus.Immer mehr Kunden überlegen sich, eine Kapital-Lebens- oder private Rentenpolice abzuschließen.Doch die Auswahl der Versicherungsunternehmen und ihre Produkte werden immer vielfältiger und unüberschaubarer.Deshalb setzen immer mehr Versicherungsmakler Computervergleichsprogramme bei der Beratung ein.Dabei ist jedoch äußerste Vorsicht angebracht.Ob dabei ein im Preis-Leistungsvergleich günstigster Versicherer rauskommt, hängt sowohl von der Beratungsperson als auch von der eingesetzten Software ab.Nach der Devise "Du bist nicht gescheit genug, mich zu durchschauen, und diese Dummheit nütze ich aus." Und das "Du bist es nicht wert, mich selbst dem Risiko der Aufrichtigkeit auszusetzen, und so solltest du mit dem Abfall meiner Lügen vorlieb nehmen", sind solche Computerprogramme mit Vorsicht zu genießen.Sie sind selten objektiv.Sie sollen dem Endverbraucher suggerieren, die besten Kranken- oder Lebensversicherer herauszufinden.Dabei heißt es aber aufgepaßt: Egal, ob Vergleich von Lebens-, privaten Renten-, Berufsunfähigkeits- oder privaten Krankenversicherung per Computer: Viele dieser Programme sind vom Berater manipulierbar.Ein Knopfdruck und bestimmte Gesellschaften, etwa günstige Direktversicherer (wie CosmosDirekt, Delfin Direkt, Europa, Hannoversche, und weitere) oder Gesellschaften, die nicht mit Maklern- oder Mehrfachagenten zusammenarbeiten, wie etwa die HUK-Coburg, werden von den Beratern einfach abgewählt, selbst wenn sie für Kunden die günstigste Lösung geboten hätten.Bei vielen Programmen kann der Berater nämlich, ohne daß es der Kunde merkt, durch bestimmte Einstellungen im Programm nur die von ihm gewünschten Gesellschaften, also Gesellschaften, die hohe Provisionen zahlen, in den Vergleich einbeziehen, das heißt Gesellschaften, zum Beispiel die Direktversicherer oder Versicherungsgesellschaften, die nicht mit Maklern oder Mehrfachagenten zusammenarbeiten, unterdrücken.Der Kunde merkt solche Maßnahmen unseriöser Vermittler bei vielen Programmen nicht.Nur bei einem Computerprogramm zum Vergleich von Lebens- und privaten Rentenversicherungen ist eine gezielte Abwahl (Unterdrückung) von Versicherungsgesellschaften nicht möglich.Lediglich die Abwahl der Gruppe Direktversicherer und/oder Versicherungsgesellschaften ohne Maklervertrieb können abgewählt werden.Allerdings ist bei diesem Programm gewährleistet, daß auf jedem Ausdruck beziehungsweise auf dem Bildschirm die Unterdrückung dieser Lebensversicherer-Gruppen angezeigt wird.Vorsicht ist besonders dann angebracht, wenn die Auswertung eines Vergleichs von privaten Krankenversicherungen Kunden in anonymisierter Form vorgelegt werden, also nicht erkannt werden kann, welcher Versicherer hinter dem jeweiligem Angebot steckt.Die Berater wollen mit solchen anonymisierten Vergleichen verhindern, daß sich Kunden direkt an die Gesellschaft wenden.Solche anonymisierten Preis-/Leistungsvergleiche von privaten Krankenversicherungen sind sogar unzulässig.Das hat das Landgericht Bielefeld in einem Rechtsstreit der HUK Coburg-Krankenversicherung gegen eine Gütersloher Versicherungs-Generalagentur entschieden (AZ: 10 O 156/96).Das Gericht stütze sich dabei auf eine Entscheidung des Bundesgerichtshofes aus dem Jahre 1996, wonach Vergleiche für den Verbraucher nachprüfbar sein müssen.Solche Vergleiche dürfen nicht lückenhaft und unwahr sein und müssen die Namen der Versicherer nennen.Vorsicht ist aber auch angebracht, wenn private Krankenversicherer vom Berater aufgrund eines Punkte-Schemas miteinander verglichen werden.Auf Antrag der HUK-Coburg hat das Landgericht Berlin dies mit einer einstweiligen Verfügung sogar einem Versicherungsmakler aus Brandenburg verboten und diesem untersagt, "private Krankenversicherungen aufgrund eines Punkte-Schemas miteinander zu vergleichen, bei dem jede Krankenversicherung für einzelne Leistungskriterien ein Punktwert zugeordnet wird und die Leistungskompetenz jeder Versicherung sich dabei aus der Summe aller Punkte ergibt" (LG Berlin, AZ: 15.O.91/97).Nach Auffassung des Gerichs spiegelt der Vergleich mittels eines Punktesystems eine Objektivität vor, die in Wahrheit nicht vorhanden ist.Sowohl die Gewichtung der Leistungen zueinander als auch die Punktevergabe innerhalb einer Kategorie folgten subjektiven Kriterien, die nicht offengelegt werden.Der Interessent kann auch nicht erkennen, wer die Punkte vergibt und die Bewertung vornimmt.Tatsächlich vergibt bei solchen Programmen zunächst der Hersteller der Computersoftware die Punktzahl nach seinem Belieben.Der Verwender kann diese aber ebenfalls nach seinem Gutdünken noch einmal abändern.Dies entspricht nach Auffassung der Gerichte nicht den an einem zulässigen Leistungsvergleich zu stellenden Anforderungen.Für den Kunden gilt aber weiterhin: Vergleiche von Lebens- und Krankenversicherung sind immer noch am objektivsten, wenn sie von unabhängigen und neutralen Institutionen, wie etwa der von Ludwig Erhard in den 60er Jahren einmal angeregten und von ihm als Bundeskanzler verwirklichten Stiftung Warentest, Berlin, erstellt werden.Softwarehersteller, die in der Hauptsache "Verkaufshilfen" für Mehrfachagenten und Makler anbieten und sich daraus finanzieren, stellen damit ihre Neutralität in Frage.

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