Wirtschaft : Vorsicht Forschung

Die USA haben den Sars-Erreger vielen Labors zur Verfügung gestellt – und den Überblick über potenzielle Infektionsherde verloren

Antonio Regaldo,Betsy McKay

Von Antonio Regaldo

und Betsy McKay

Seit der Erreger, der das Schwere Akute Atemwegssyndrom (Sars) verursacht, im vergangenen Jahr identifiziert wurde, hat die US-Regierung ihn nach Informationen, die dem Wall Street Journal vorliegen, mehr als 50 Laboren in den USA zu Forschungszwecken zur Verfügung gestellt. Dies wirft die Frage auf, ob der gefährliche Krankheitserreger zu weit verbreitet wurde.

In China bekämpfen die Gesundheitsbehörden den erneuten Ausbruch von Sars, der mit großer Wahrscheinlichkeit vom Forschungslabor des Nationalen Instituts für Virologie in Peking ausgeht, das seit längerer Zeit den Krankheitserreger erforscht. Dort sollen sich zwei Wissenschaftler infiziert und die Epidemie verbreitet haben. Dieser Laborunfall ist bereits der dritte, der seit August in Asien zu einem Ausbruch der gefährlichen Lungenkrankheit geführt hat. In den USA sind ähnliche Laborunfälle bislang nicht bekannt geworden. Doch Mitarbeiter des US-Centers for Disease Control and Prevention (CDC) in Atlanta geben zu, dass sie nicht genau wissen, wer mit dem Virus arbeitet. Sie überlegen deshalb, Sars auf die Liste der gefährlichsten Krankheitserreger – auf der sich unter anderen Ebola und Milzbrand befinden – zu setzen, was mit noch größeren Sicherheitsvorschriften einhergehen würde. „Ich denke, dass Sars sehr, sehr streng gehandhabt werden sollte“, sagt Ian Lipkin, Direktor des Northeastern Biodefense Center an der Columbia Universität in New York, der in einem Labor in Manhatten das Virus erforscht.

Bislang hat die US-Regierung den Erreger bereitwillig zur Verfügung gestellt. Nach Informationen des Wall Street Journal hat das CDC Muster des Virus an 56 Organisationen versandt, darunter an 19 Universitätslabore, 19 Unternehmen und 18 staatliche Einrichtungen. Das CDC gibt weder die Namen der Empfänger noch deren Sitz preis. Die Nachricht über die großzügige Vergabe des Sars-Virus kam für einige führende US-Wissenschaftler völlig überraschend. Sie hatten angenommen, nur eine sorgfältig ausgewählte Gruppe von Forschern züchte und erforsche den Erreger. In China waren nur fünf Zentren autorisiert, mit dem Virus zu arbeiten. „Ich bin sehr besorgt über diese Zahl“, sagt Ronald Atlas, der ehemalige Präsident der American Society for Microbiology und Professor an der Universität von Louisville in Kentucky. Auch dem CDC scheint die Sache nicht mehr geheuer zu sein. Vorletzte Woche erinnerte es per E-Mail alle Labore, denen es das Virus zur Verfügung gestellt hatte, an die Sicherheitsvorschriften und bat eindringlich, das Virus mit „größter Sorgfalt“ zu behandeln. Die Organisation hatte im vergangenen Frühjahr begonnen, Arzneimittelherstellern und anderen Unternehmen Muster des Virus zur Verfügung zu stellen. „Um die Forschung zu beschleunigen, beschloss die US-Regierung, Sars nicht in die Liste der 39 gefährlichsten Krankheitserreger aufzunehmen, die im Hinblick auf eine mögliche terroristische Bedrohung von der Regierung streng überwacht werden“, sagen Mitarbeiter des CDC. Daher müssen diejenigen, die im Besitz des Sars-Erregers sind, die Regierung nicht informieren und das CDC räumt ein, dass nicht bekannt ist, wie viele Labore in den USA mit dem Virus arbeiten.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Genf, die im letzten Jahr den Kampf gegen den Infektionsausbruch koordinierte, sagt, auch ihr fehle eine vollständige Liste mit den Laboren, die im Besitz des Krankheitserregers sind. „Wir haben keine Ahnung“, sagt WHO-Sprecher Dick Thompson. Das Risiko, das von den Laborviren ausgehe, werde von der WHO als groß eingestuft. Sars hat die Risikostufe „L 3“, so Thompson. Das bedeutet, dass die Forscher, die mit dem Virus arbeiten, Masken und Schutzkleidung tragen müssen und der Zugang zu den Laboren begrenzt ist. Lockerer sind die Sicherheitsvorschriften bei Erregern wie dem HIV-Virus, noch strengere gibt es für exotische Infektionen wie Ebola, die sich rapide verbreiten.

Die weit verstreute Forschung bei Sars bietet Anlass zur Sorge. Während andere Krankheitserreger in der Natur zirkulieren, könnten – so glaubt die WHO – für das Sars-Virus inzwischen die Labore den einzigen Lebensraum bilden. Ob tatsächlich wilde Tiere den Erreger beherbergen, bleibt umstritten. „Der einzige Ort, von dem wir sicher wissen, dass dort Sars existiert, sind die Labore und diese sind die einzige Infektionsquelle geworden“, sagt Bradford Kay, Koordinator des WHO-Programms zur biologischen Sicherheit in Lyon. „Wenn jetzt Sars ausbricht, richtet sich unser Blick zuerst auf die Labore.“

Die Forscher in den USA und Europa sind überzeugt, dass ihre Labore sicher sind. Sie räumen zwar ein, dass Unfälle überall passieren können, geben aber zu bedenken, dass die Risiken gegen den Nutzen und die Bedeutung der Forschung aufgewogen werden müssen. Auch das CDC verteidigt seine Entscheidung, das Virus vielen Einrichtungen zur Verfügung gestellt zu haben. „Wir glaubten damals, es sei wichtig, den Erreger zur Entwicklung von Impfstoffen und Medikamenten der wissenschaftlichen Forschung zugänglich zu machen“, sagt Larry Anderson, der die Arbeitsgruppe Sars beim CDC leitet. Mark Hemphill, der beim CDC für die gefährlichsten Krankheitserreger zuständig ist, sagt, die jüngsten Laborinfektionen in China hätten innerhalb der Einrichtung die Diskussion entfacht, ob Sars in die Gefahrenliste aufgenommen werden soll. Hemphill sagt, man werde die Angelegenheit überdenken.

Übersetzt und gekürzt von Christian Frobenius (Frankreich), Matthias Petermann (EU), Tina Specht (Aids), Svenja Weidenfeld (Sars), und Karen Wientgen (Großbritannien).

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