Wirtschaft : Vorsitz der EZB: Debatte um Nachfolge von Duisenberg lebt auf

Eric Bonse

Wim Duisenberg muss sich bei der heutigen Pressekonferenz zur Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) auf unangenehme Fragen gefasst machen. "Wie lange bleiben Sie noch im Amt, und wer wird ihr Nachfolger?", dürften neugierige Journalisten den EZB-Präsident fragen. Denn acht Monate vor Einführung der Euro-Zahlungsmittel ist die unendliche Debatte um die Duisenberg-Nachfolge neu entbrannt.

Erneut ist es ein Franzose, um den die Spekulationen seit Ende März kreisen: der Chef der Osteuropabank Jean Lemierre. Zwar wurden Berichte, wonach Lemierre den Chefposten in Frankfurt anstrebe, umgehend dementiert. "Das sind Spekulationen ohne jede Grundlage", heißt es im Pariser Finanzministerium. Frankreich halte an dem Kandidaten Jean-Claude Trichet, dem Gouverneur der Banque de France, fest.

Doch ein nicht näher benannter "französischer Verantwortlicher" erklärte, dass Lemierre eine "Option" für den Fall sei, dass Trichet nicht antreten könne, wie die französische Nachrichtenagentur AFP meldet. Am Dienstag legte der Pariser "Figaro" dann noch mit einem weiteren Namen nach: Auch Finanzminister Laurent Fabius komme als möglicher Nachfolger von Duisenberg in Frage. "Seit einigen Wochen halten sich Gerüchte, dass Fabius die EZB leiten könnte, falls Lionel Jospin in den Elysée-Palast einzieht", schreibt das konservative Blatt.

Auch dieser Bericht wurde scharf dementiert. Fest steht jedoch, dass man sich in Paris zunehmend Sorgen um den offiziellen Kandidaten Trichet macht. Denn die französische Justiz hat ein Ermittlungsverfahren wegen "Mittäterschaft bei der Vorlage inexakter Konten" in Zusammenhang mit dem Skandal um die ehemalige Staatsbank Crédit Lyonnais eingeleitet. Und es ist unklarer denn je, wann die pikante Affäre ein Ende nehmen könnte. Erst im Sommer dürfte Trichet wissen, ob er sich vor einem Strafgericht verantworten muss, oder ob das Verfahren sang- und klanglos eingestellt wird. Sollte es zur Anklage kommen, müsste sich Frankreich wohl nach einem neuen Kandidaten für die Duisenberg-Nachfolge umsehen. Lemierre wäre in diesem Fall eine Idealbesetzung. Vor seiner Ernennung zum Chef der Osteuropabank vor einem Jahr leitete der 50-jährige Franzose das Europäische Wirtschafts- und Finanzkomitee, das die Sitzungen des Ecofin-Rats und der Euro-Gruppe vorbereitet. Außerdem war er Direktor des französischen Schatzamtes.

Allerdings kommt die Personaldebatte aus französischer Sicht zur Unzeit. Sie schade nicht nur Trichet, klagen französische Finanzexperten, sondern könne auch den Euro schwächen. Über die Duisenberg-Nachfolge müsse man sich frühestens Anfang 2002 Gedanken machen.

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