Wirtschaft : Vorstandsmitglied Rausch kritisiert Hersteller Boeing und Airbus wegen "vorsintflutlicher" Produktion

kol

Die Deutsche Lufthansa sieht wenig Marktchancen für künftige Jets mit deutlich mehr als 400 Sitzen. Wie Lufthansa-Vorstand Karl-Friedrich Rausch am Montag sagte, sei es fragwürdig, ob sich die hohen Investitionskosten für ein ganz neues Flugzeug mit 600 Sitzen rechnen. "Ich sehe nicht die Chancen für einen Quantensprung, sondern eher für eine Evolution", sagte er am Rande der Auslieferung der fünfundzwanzigsten B 747-400 an Lufthansa in Seattle. Lufthansa war bisher als Erstkunde an der Entwicklung von zahlreichen Modellen von Airbus und Boeing beteiligt.

Die Worte Rauschs sind ein Dämpfer für den europäischen Flugzeughersteller Airbus, der ein ganz neues Großraumflugzeug mit mehr als 600 Sitzen, den A3XX, entwickelt. Die Kosten dafür werden auf insgesamt rund 12 Milliarden Euro geschätzt. Auch British Airways, die lange Zeit als potenzieller Erstkunde für den A3XX galt, hat vor kurzem erklärt, das Flugzeug spiele zurzeit in ihrer Flottenplanung keine Rolle.

Der amerikanische Airbus-Konkurrent Boeing dagegen arbeitet nicht an einer Neukonzeption sondern an einer Weiterentwicklung seiner B 747, die heute mit rund 420 Sitzplätzen das größte Passagierflugzeug der Welt ist. Dabei plant Boeing sowohl eine gestreckte Version, die diesen BoeingTyp auf 500 Sitze bringen soll, als auch eine Version mit erheblich größerer Reichweite.

Seine eher skeptische Einschätzung für die riesigen Flugzeuge mit bis zu 600 Sitzen begründet Lufthansa-Vorstand Rausch mit der Entwicklung in Asien, das als wichtigster Markt für diese Flugzeuge gesehen wird. "Ich erwarte, dass die Regulierung des Luftverkehrs in Asien in den nächsten Jahren eher gelockert wird", sagte Rausch. Damit aber könnten künftig viel mehr Flughäfen in Asien direkt angeflogen werden. Die Zahl der Flüge würde so steigen, doch die Zahl der Sitzplätze pro Flug sinken.

Bedarf für die großen Flugzeuge könne zwar entstehen, weil die Infrastruktur insbesondere in Europa zu knapp sei. Wenn der Aufbau weiterer Kapazitäten an den Flughäfen nicht mit der Entwicklung des Luftverkehrs Schritt halte, könnten größere Flugzeuge auch Entlastung bringen. Man müsse dabei aber bedenken, dass zahlreiche Zubringerflüge landen müssten, um eine Langstreckenmaschine mit 600 Plätzen zu füllen. Auch dadurch würden wieder Kapazitäten belegt, sagte Rausch, der im Lufthansa-Konzern als Vorsitzender des Bereichsvorstands Passage für die eigentliche Fluggesellschaft verantwortlich ist und damit auch maßgeblich an der Entscheidung über die Beschaffung neuer Flugzeuge beteiligt ist.

In der weltweiten Luftfahrtindustrie fordert Rausch eine deutliche Modernisierung der Produktionsmethoden. "Bei einer effizienteren Organisation der Abläufe ist eine Produktionssteigerung von 20 bis 30 Prozent zu erreichen", so Rausch. Die Fertigung bei den großen Herstellern bezeichnete er als in großen Teilen "vorindustriell". Für eine modernere Flugzeugproduktion seien die so genannten Plattformstrategien vorbildlich. Dabei werden unterschiedliche Modelle eines Herstellers auf einer standardisierten Basis entwickelt, um Kosten beim Einkauf und bei der Fertigung zu sparen. Insgesamt plädiert Rausch für viel mehr Standardisierung bei der Flugzeugproduktion. Die Hersteller sollten sich auf weniger Typen konzentrieren und diese in höherer Stückzahl produzieren. Dann könnten auch die Preise wieder sinken, die mittlerweile die Schmerzgrenze erreicht hätten.

Die Fertigungsmethoden von Boeing kritisierte Dietmar Kirchner, der als Leiter des Einkaufs im Lufthansa-Konzern für die Beschaffung von neuen Flugzeugen zuständig ist. "Bei Boeing wird im Grunde noch produziert wie in den vierziger Jahren." Deswegen müsse Lufthansa mit bis zu vier Mitarbeitern zwei Wochen lang vor der Auslieferung ein neues Flugzeug durchchecken.

0 Kommentare

Neuester Kommentar