Wirtschaft : VW-Betriebsrat beharrt auf Kündigungsschutz

IG Metall reagiert verwundert auf Sanierungskonzept – Branchenexperten: VW muss sich von Komponentenwerken trennen

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Berlin - Die IG Metall hat mit Verwunderung auf das angekündigte Restrukturierungsprogramm bei Volkswagen reagiert. „Völlig unklar bleibt bisher, an welchen Stellen und zu welchen Themen das Unternehmen Gesprächsbedarf sieht“, sagte der niedersächsische IG-Metall- Chef Hartmut Meine. Der VW-Betriebsratsvorsitzende Bernd Osterloh bezeichnete Spekulationen über die Schließung oder den Verkauf von Komponentenwerken als „unsäglich“. Wie auch die IG Metall wies Osterloh auf den Tarifvertrag hin, der bis einschließlich 2011betriebsbedingte Kündigungen ausschließt. Grundsätzlich sei die Belegschaft bereit, sich für die Wettbewerbsfähigkeit von Volkswagen einzusetzen.

VW hatte am Freitag nach der Sitzung des Aufsichtsratspräsidiums ein Restrukturierungsprogramm angekündigt, von dem „in den nächsten drei Jahren bis zu 20 000 Mitarbeiter im direkten und indirekten Bereich der Marke Volkswagen Pkw betroffen sein könnten“. Als Ziele des Programms nannte Europas größter Autohersteller das Aufholen von Produktivitätsdefiziten, die „volle Auslastung der Werke auch durch Kapazitätsanpassung, wettbewerbsfähigere Arbeitskosten“ sowie die „Neuordnung der Komponentenfertigung“.

Betriebsratschef Osterloh forderte den VW-Vorstand auf, die Standort- und Beschäftigungssicherung „genauso ernst wie die Rendite“ zu nehmen. In einer Mitteilung des Betriebsrats hieß es weiter, Osterloh begrüße es, dass Maßnahmen zur Zukunftsfähigkeit des Konzerns ergriffen würden. „Die Belegschaft hat nämlich das Gejammer über die schwierige Situation satt und erwartet jetzt ein strategisches Vorgehen und keinen hektischen Aktionismus, damit Managementfehler der Vergangenheit nicht wiederholt werden.“ Die Belegschaft sei nicht mehr bereit, „für strategische Fehlentscheidungen immer wieder den Kopf hinzuhalten“, sagte der Betriebsratschef.

Der Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), Bernd Gottschalk, bewertete das Programm als Schritt „im Interesse der langfristigen Sicherung traditioneller Standorte und Werke in Deutschland“. Gottschalk sagte der Nachrichtenagentur dpa, die Position der deutschen Automobilbranche auf den globalen Märkten „ist beileibe nicht in Stein gemeißelt. Die Angriffe der Wettbewerber aus Niedriglohnländern werden schärfer.“ Die deutschen Hersteller hätten durchaus „einiges in die Waagschale“ zu werfen: „Bei Produkten und Technologien, beim Know-how unserer Mitarbeiter und Ingenieure macht uns so leicht keiner etwas vor. Bei den Kosten, der Arbeitszeit und der Flexibilität ist das aber schon etwas anderes.“ Gottschalk plädierte dafür, die Pläne von VW „als Vorwärtsstrategie für den Standort Deutschland“ zu werten.

Branchenexperte Ferdinand Dudenhöffer nannte die VW-Pläne einen „großen Wurf“ und bezeichnete die angestrebte Neuordnung der Komponentenfertigung als „dringend überfällig“. Mit einem Verkauf seiner Zulieferwerke in Braunschweig, Salzgitter, Kassel und Wolfsburg könne das Unternehmen seine Kostensituation um 500 Millionen Euro im Jahr verbessern, sagte Dudenhöffer dem Tagesspiegel. Bei Arbeitskosten von 38 Euro je Stunde seien die Werke, in denen Achsen, Motorteile und Getriebe gefertigt werden, im Vergleich mit rund fünf Euro in Osteuropa „nichts anderes als eine Subventionsruine“, sagte Dudenhöffer. Deshalb habe sich die Branche in den letzten 20 Jahren „auf breiter Flur“ von der eigenen Komponentenfertigung zurückgezogen. VW habe dies „zu lange vernachlässigt“.

Die Volkswagen-Aktie erlebte nach Bekanntwerden des Restrukturierungsprogrammes einen Kurssprung von zeitweise 10,4 Prozent. Zum Handelsschluss lag das Plus bei 9,4 Prozent auf 55,40 Euro. Der Börsenwert des größten deutschen Automobilkonzerns stieg damit binnen weniger Stunden um fast zwei Milliarden Euro.

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