Wirtschaft : VW: Einmal vom Pferd gefallen

Alfons Frese

Ferdinand Piëch hat schwere Monate vor sich. "Sobald der Nachfolger feststeht, ist der alte König tot, mausetot", meinte der VW-Chef vor einem halben Jahr und sorgte sich, er könne dann in Wolfsburg nicht mal mehr vom Pförtner gegrüßt werden. Denn Piëch ist der König und der Nachfolger wird heute vom VW-Aufsichtsrat nominiert: Bernd Pischetsrieder. Der Wechsel an der Spitze von Europas größtem Autohersteller soll dann mit der Hauptversammlung am 16. April kommenden Jahres stattfinden. Übrigens ein mit Bedacht gewählter Termin. Am 15. April wird der langjährige Aufsichtsratvorsitzende Klaus Liesen 71., und am Tag nach dem Aktionärstreffen feiert Pieëch den 65. Geburtstag; Piëch löst dann Liesen als Oberaufseher ab und wird Pischetsrieder mit strengem Blick auf die Finger gucken. Den Anspruch an den künftigen VW-Chef hat der besessene Autoingenieur Piëch selbst formuliert: "Er muss besser sein als ich."

Jedenfalls einmal war Pischetsrieder besser als Piëch. Als der "General" aus Wolfsburg für rund anderthalb Milliarden Mark (und damit völlig überteuert) dem damaligen BMW-Chef Pischetsrieder 1998 die Luxusmarken Rolls-Royce und Bentley vor der Nase wegschnappte, hatte Piëch das Kleingedruckte nicht aufmerksam gelesen: VW bekam Rolls-Royce nur für wenige Jahre; die Rechte an der Marke fallen 2003 zurück an BMW, sodass VW sich auf Bentley beschränken muss. Und BMW hat mit Rolls-Royce für vergleichsweise wenig Geld eine Luxusmarke im Sortiment. Im Bieterwettstreit um die britischen Nobelautos habe Piëch den Konkurrenten Pischetsrieder schätzen gelernt, so heißt es. Und dass Pischetsrieder wenig später wegen der nicht geglückten Rover-Sanierung seinen Top-Job bei BMW verlor, nahm Piëch ebenfalls nicht krumm. "Mir ist einer lieber, der eimal woanders vom Pferd gefallen ist. Dann kann das bei uns nicht mehr passieren", sagte Piëch, nachdem er überraschend zum 1. Juli 2000 Pischetsrieder aus dem Vorruhestand in den VW-Vorstand geholt hatte; zuständig für die Qualitätssicherung und die spanische VW-Tochter Seat.

Karriereverlauf und Temperament des bedächtigen Bernd Pischetsrieder ließen eigentlich darauf schließen, dass der 1948 in München geborene Diplomingenieur die Bayrischen Motorenwerke nie verlassen würde. Bei BMW hatte er 1973 nach dem Maschinenbaustudium begonnen, arbeitete in den folgenden Jahren für die Münchener in Südafrika, baute das neue Werk in den USA mit auf, wurde 1991 Vorstand für Fertigung und schließlich 1993 BMW-Vorstandsvorsitzender. Wenn da nicht Rover gewesen wäre, dann säße Pischetsrieder wohl noch immer am Münchener Petuelring im Chefbüro.

Rund zwei Milliarden Mark gab BMW 1994 für die englische Autofirme mit den Marken Rover, Mini, Land Rover und MG aus. Pischetsrieder sprach von einem "idealen Partner". Mit den Briten wollte Pischetsrieder die BMW-Palette nach unten erweitern und insbesondere in der Kompaktklasse VW-Golf und -Polo angreifen. Das ging dramatisch schief, Schätzungen zufolge hat BMW bis zu 15 Milliarden Mark durch das Rover-Engagement verloren. Im Februar 1999 hatten die BMW-Anteilseigner, insbesondere die Familie Quandt mit knapp 50 Prozent, die Geduld verloren. Pischetsrieder musste gehen. Nachfolge Joachim Milberg versuchte noch eine Jahr das Rover-Loch zu stopfen, dann wurde die Tochter mit Ausnahme der Marke Mini verkauft. Heute steht BMW so gut da wie noch nie. Und Pischetsrieder bekommt nun bei VW seine zweite Chance.

"Man darf jeden Fehler machen, aber nicht zweimal", sagt Pischetsrieder. Er räumte einmal ein, Rover eine "zu lange Leine gelassen" zu haben. Vielleicht war er auch nicht konsequent genug und hat den Schuss Brutalität vermissen lassen, der im harten Autogeschäft erforderlich ist. Etwa so, wie Ferdinand Piëch den gesamten VW-Vorstand auswechselte oder Jürgen Schrempp die Fusion von Daimler und Chrysler durchzog. Dagegen wird dem freundlichen und auf Harmonie bedachten Pischetsrieder nachgesagt, er brauche viel Zeit für Entscheidungen. Viel mehr an Kritik ist aber auch nicht zu hören. Pischetsrieder, dessen erstes Wort laut Aussage der Mutter "Auto" gewesen sein soll, ist als Fachmann unumstritten; sonst hätte er auch keine Chance bei Piëch. "Ich bin mit der Qualität nie zufrieden", hat er einmal gesagt, der seine Ziele mit bayerischer Dickschädeligkeit verfolgt.

Pischetsrieder fällt nicht auf. Er gilt als kompetent und zuverlässig. Auf den ersten Blick sticht der König-Ludwig-Bart ins Auge, den er seit dem 16. Lebensjahr trägt. Seitdem Pischetsrieder 19. ist, lebt er mit derselben Frau zusammen. Die Leidenschaft für das Angeln passt zu der Ruhe und Gelassenheit, die der neue VW-Chef ausstrahlt. Hoffentlich ist er nicht zu ruhig für den Weltkonzern mit seinen vielen Marken.

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