Wirtschaft : VW geht leer aus

Der Volkswagenkonzern war an der Übernahme des schwedischen Lkw-Herstellers interessiert. Volvo aber bot mehr: 14,3 Milliarden Mark

Nach langem Tauziehen hat Volvo am Freitag doch noch die Übernahme des Lkw-Herstellers und einheimischen Konkurrenten Scania geschafft. Dass Schwedens größtes Autounternehmen dabei dem ebenfalls interessierten und weit kapitalstärkeren Volkswagen-Konzern den begehrten Happen wegschnappen konnte, hat seinen Grund nach Meinung der Beobachter in Göteborg vor allem in der Kaufsumme. Mit 60 Mrd. Kronen (14,3 Mrd. DM) erhält die Wallenberg-Gruppe als bisheriger Haupteigner deutlich mehr für seine 50 Prozent als bei den ersten Anläufen zum Jahresauftakt, die als feindlicher Übernahmeversuch barsch abgewiesen wurden. "Nun haben wir uns also auf eine gemeinsame Bewertung von Scania geeinigt", meinte der bisherige Vorstandschef Bengt Östling genüsslich, als die Übernahme bei einer gemeinsamen Pressekonferenz der Volvo-Spitze mit Scania und dem Industriellen Peter Wallenberg sowie Percy Barnevik als dessen "Steuermann" vorgestellt wurde. Die Wallenberg-Seite konnte sich dabei entspannt zurücklehnen, denn das Pokern mit Volvo über sechs Monate hat eine Steigerung des Verkaufspreises um knapp 20 Prozent gebracht.

Für Volvo-Vorstandschef Leif Johansson dagegen ging es bei dem Deal um mehr. Nach dem Verkauf der kompletten Pkw-Sparte an Ford für 50 Mrd. Kronen ebenfalls Anfang des Jahres stand er zunehmend unter Handlungszwang. Zum einen forderten immer mehr einflussreiche Aktionäre, das Kapital aus dem Geschäft mit Ford nun endlich "aggressiv" zur Volvo-Stärkung bei Bussen und Lastwagen einzusetzen. Zum anderen aber setzte VW mit seinen offensichtlichen Scania-Gelüsten den Göteborgern zu. VW hätte durch einen Einstieg bei Scania erstmals internationales Gewicht als Anbieter schwerer Lkw bekommen. Hätte Wallenberg den Zuschlag aber tatsächlich nach Wolfsburg gegeben, wären Volvo nur noch wenig Möglichkeiten geblieben, das nach Meinung von Johansson wichtigste Ziel nach dem Ausstieg aus dem Personenwagen-Geschäft zu erreichen: Wenn man den Abstand zu DaimlerChrysler als weltweitem Branchenführer bei Nutzfahrzeugen zu groß werden lasse, gefährde das auf die Dauer die Existenz als selbstständiges Unternehmen, hatte der Volvo-Chef mehrfach erklärt.

Zusammen mit Scania kann Volvo nun auf die Position Nummer Zwei der Branche mit einer Jahresfertigung von 125 000 Einheiten gegenüber 156 000 von DaimlerChrysler vorrücken. Ob das aber so bleibt, wird in Schweden mancherorts angezweifelt. "Dies ist eine von den Fusionen, bei denen eins plus eins anderthalb wird", meinte Scanias Betriebsratsvorsitzender Kjell Wallin. Er verweist auf die weitgehend gleiche Produktpalette von Volvo und Scania. Daran ändere auch die Ankündigung nichts, dass man den Markennamen und das Vertriebsnetz von Scania beibehalten wolle. "Für die Kunden sind das jetzt alles Volvo-Lastwagen", sagte Wallin.

Für das traditionsreiche Autoland Schweden geht mit der Scania-Übernahme eine Phase turbulenter Veränderungen weiter. Nachdem Ford Anfang des Jahres das Kommando beim Bau der Volvo-Personenwagen übernommen hatte, kündigte vor kurzem General Motors an, man werde nun bei Saab Alleineigner. GM hatte 1990 die Hälfte der Anteile von der Wallenberg-Gruppe übernommen, die nur noch als stille Teilhaber agierten. Nun sollen alle Aktien in die USA gehen. In Stockholm bemühte sich die Regierung von Ministerpräsident Göran Persson danach diskret, aber mit Nachdruck darum, wenigstens bei Lastwagen durch eine Einigung zwischen Volvo und Scania den Fahrzeugstandort Schweden zu bewahren.
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