Wirtschaft : VW-Lohnmodell: "5000 mal 5000" stößt bei Bildungsexperten auf Skepsis

bia/stw

Jahrelang galt bei Volkswagen praktisch ein Einstellungsstopp, jetzt ist jeder Bewerber willkommen. Personalvorstand Peter Hartz stellt an alle, die im Projekt "5000 mal 5000" am neuen VW-Minivan mitbauen wollen, nur zwei Anforderungen: Arbeitslos sollen sie sein und Talent haben. Den Weg "vom Talent zur Fachkraft für Automobilbau" will ihnen dann VW ebnen - abseits des hergebrachten Ausbildungssystems. Das Modell, dessen Details noch nicht feststehen, soll flexibel einsetzbare, teamfähige und autonom entscheidende Mitarbeiter hervorbringen. Diesen Mix findet Hartz im bestehenden Ausbildungssystem nur selten.

Das zunächst auf drei Jahre angelegte Projekt bedeutet in der Tat einen Meilenstein in der beruflichen Qualifizierung. Denn erstmals übernimmt ein deutscher Konzern für seine Mitarbeiter die komplette Ausbildung - ohne Ergänzung von Berufsschulen und somit ohne staatlich anerkannten Abschluss. Im ersten Schritt will VW 3500 Mitarbeiter einstellen. Hartz hat nach eigener Aussage bereits 10 000 Bewerbungen auf dem Tisch, mit 40 000 rechnet er. Die Auswahl der Bewerber soll sich "nicht primär an Formalqualifikationen" orientieren, heißt es in einem VW-Papier. Es zählen "Leistungsindikatoren, persönliche Integrität und manuelle Fähigkeiten". Wer diese Hürde genommen hat, wird drei Monate auf die "grundsätzlichen Aufgaben in der Industrie" vorbereitet. Anschließend wird "prozessnah", also neben der täglichen Arbeit gelernt.

"Training on the Job" ist im Ausland, etwa in den USA, gang und gäbe. Viele Bildungsexperten beurteilen das Modell hingegen kritisch. Damit werde die duale Berufsausbildung ausgespielt, meint etwa Frank Achtenhagen, Professor für Wirtschaftspädagogik an der Universität Göttingen. Das Modell verfolgt seiner Ansicht nach ein bestimmtes Ansinnen: Während ein Ausbildungsberuf jeweils die Basis für einige Hundert Erwachsenentätigkeiten ist, die dann wiederum den Ecklohn des Manteltarifvertrages erhalten müssen, können angelernte Erwachsene außerhalb des Manteltarifvertrages bezahlt werden. So sieht das VW-Modell einen Einheitslohn von 5000 Mark vor.

"Ich glaube allerdings nicht, dass dieses Modell in Deutschland um sich greifen wird", sagt Achtenhagen. Die duale Berufsausbildung sei schließlich ein eindeutiges Erfolgsmodell - zwei Drittel aller ehemaligen Lehrlinge würden später in ihrem Ausbildungsberuf arbeiten. Die Frage, wie man das duale System gegen unlautere Konkurrenz schützen kann, sei nicht neu, meint Edgar Sauter vom Bundesinstitut für Berufsbildung. So seien "aus der Not heraus" in der IT-Branche, als es dort kaum Lehrstellen gab, Mitarbeiter angelernt worden. "Kompetenzerwerb während der Arbeit wird generell immer wichtiger." Sauter fügt hinzu: "So etwas funktioniert nur in BoomZeiten." Wenn die Fertigung irgendwann außer Kraft gesetzt würde, hätten die betroffenen Mitarbeiter ein Problem, meint auch Achtenhagen. Sie würden mit unzureichenden Qualifikationen auf den Arbeitsmarkt entlassen. VW-Vorstand Hartz ist dagegen sicher, dass die künftigen VW-Mitarbeiter auch in anderen Unternehmen beste Chancen haben.

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