VW-Übernahme : Kratzer im Lack

Ein Traum des Porsche/Piëch-Clans soll wahr werden: Porsche übernimmt VW. Doch es ist ein harter Kampf um die Macht.

Alfons Frese
Porsche VW
Partnerschaft oder Vorherrschaft: Porsche will die Mehrheit an VW. -Foto: dpa

BerlinBerlin - Das Verhängnis begann am 24. Juli 2007. An jenem Tag kam der Aufsichtsrat der Porsche Automobil Holding SE zu seiner konstituierenden Sitzung zusammen. Zum Vorsitzenden wählten sich die zwölf Herren Wolfgang Porsche, von Beruf Kaufmann, zu dessen Stellvertreter Uwe Hück, Porsche-Betriebsrat. Mit seiner ersten Entscheidung bestellte das Gremium Wendelin Wiedeking zum Vorsitzenden des Vorstands der Holding. Einer Holding, unter deren Dach der Sportwagenhersteller Porsche und die neue Tochter VW angesiedelt sind.

Porsche neben VW und oben drüber die Holding – in Wolfsburg ist man fassungslos über die neuen Verhältnisse: Wiedeking, Porsche und Hück mischen bei VW mit, und zwar richtig. Eine Stuttgarter Nischenfirma dominiert den größten Autokonzern Europas. Die Wolfsburger Betriebsräte toben, die Belegschaft demonstriert und die Chefs grübeln über ihre nächsten Züge im Machtspiel.

VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh pöbelt seit mehr als einem Jahr gegen seinen Porsche-Kollegen Hück, weil der mit Wiedeking eine Mitbestimmungsvereinbarung abgeschlossen habe, ohne das Gewicht der VW-Belegschaft angemessen zu berücksichtigen. VW-Chef Martin Winterkorn, dem cholerische Attacken nicht fremd sind, hält sich auffällig zurück. Er fällt Osterloh nicht ins Wort, wenn der den neuen VW-Miteigentümer aus Stuttgart beschimpft. Und was macht Ferdinand Piëch, der wichtigste Mann? Er taucht ab. Vor zehn Tagen landete der Vorsitzende des VW-Aufsichtsrats zwar mit seinem Flugzeug in Braunschweig, um die anstehende Präsidiumssitzung des VW-Aufsichtsrats in Wolfsburg zu leiten. Doch dort kam er nie an. Piëchs-Stellvertreter Jürgen Peters, bis vor knapp einem Jahr Chef der IG Metall, leitete die Sitzung.

Das verkrafteten die Aufsichtsratspräsidien ja noch, unter ihnen Wiedeking und Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU). Doch als am nächsten Tag Piëch auch zur eigentlichen Aufsichtsratssitzung nicht auftauchte, stieg der Ärger hoch. Und steigerte sich zur Wut, nachdem Peters ein Schreiben Piëchs zur Kenntnis gegeben hatte: Piëch enthielt sich der Stimme, als es darum ging, ob Kooperationen zwischen der VW-Tochter Audi und Porsche vom VW-Aufsichtsrat gebilligt werden müssen. Das ist kein kriegsentscheidendes Thema, soll Porsche aber eine Grenze zeigen. Und mit Piëchs Hilfe gelang das Peters, Osterloh und der gesamten Arbeitnehmerbank im Aufsichtsrat.

Piëchs Enthaltung war eine Entscheidung gegen die Kapitalvertreter, gegen die Porsche-Leute rund um Wiedeking und Wolfgang Porsche, der sein „Entsetzen“ über Piëchs Verhalten nicht für sich behielt. „Dem reicht es, bis oben hin reicht es dem“, sagte ein Porsche-Aufsichtsrat über Wolfgang und dessen Zuneigung zu Vetter Ferdinand. „Der Piëch ist bekloppt“, ist sich der Aufsichtsrat, der lieber anonym bleiben will, sicher. Das „Perfide“ an dem „sturen Alten, der nur seine Interessen im Kopf hat“, sei dessen atemberaubende Abgezocktheit. Im Porsche-Aufsichtsrat stimme er einer Position zu, einige Wochen später im VW-Aufsichtsrat dagegen. „Es ist schwierig, wenn man das Geld der Eigentümer vor den Eigentümern schützen muss“, sagt der Aufsichtsrat. Die Eigentümer von Porsche und demnächst auch des Großteils von VW sind die Familien Porsche und Piëch.

Wieder einmal sind die Clans über Kreuz. Oder besser: Ferdinand Piëch legt sich mit allen an. Offenkundig auch mit der eigenen Familie, über deren Mitglieder ein langjähriger Beobachter sagt, „die hassen ihn alle“. Gemeint ist Ferdinand. Jetzt wollen sie ihn loswerden. Aber wie? „Piëch kämpft bis er tot ist“, ist zu hören. Und wie kriegt man ihn tot?

Der 71-Jährige hat als Vorsitzender des Aufsichtsrats eine Schlüsselposition bei VW. Ferner sitzt er bei der VW-Tochter Audi im Aufsichtsrat und natürlich bei Porsche, wo er die Mit-Eigentümerfamilie Piëch gemeinsam mit seinem Bruder Hans Michel, einem Wiener Anwalt, vertritt. Auf den ersten Blick bringt Wolfgang Porsche ein höheres Gewicht mit in den Ring als Ferdinand Piëch: Die Porsches halten ein paar Prozent mehr Anteile am Sportwagenhersteller und Wolfgang ist Aufsichtsratschef.

Wolfgang ist umgänglicher als sein Vetter Ferdinand, der seit Jahrzehnten nach der Devise vorgeht, besser gefürchtet, als geliebt zu werden. Piëch hat viele Feinde. Und diesmal wird es gefährlich für ihn, wenn einer zu den gegnerischen Truppen gehört, den er bislang als Provinzler geringschätzte: Ministerpräsident Christian Wulff. Doch die beiden haben inzwischen gemeinsame Interessen. Sie wollen ihren Einfluss in Wolfsburg behalten, und das geht nur, wenn Porsche nicht durchregieren kann.

In der Landesregierung gibt man sich deshalb nach den Turbulenzen im Aufsichtsrat demonstrativ gelassen. Von Plänen des Großaktionärs, Piëch zusammen mit dem Clan zu stürzen, will man in Hannover nichts wissen: „Das kann ich mir nicht vorstellen. Für Aufgeregtheiten gibt es auch gar keinen Anlass“, sagte Finanzminister Hartmut Möllring (CDU) dem Tagesspiegel. „Wir bieten Porsche – und damit auch Piëch – eine gute Partnerschaft an.“ Ob der Patriarch die richtige Integrationsfigur für die Verschmelzung der Konzerne ist, will Möllring nicht bewerten. „Das muss die Familie Porsche/Piëch untereinander ausmachen.“ An eine Auswechslung des Personals werde nicht gedacht – derzeit. „Irgendwann laufen Mandate aus und werden verlängert oder nicht verlängert.“ Die Botschaft soll klar sein: aus den alten Feinden Wulff und Piëch sind Partner geworden.

Partner mit Vergangenheit. Im Oktober 2005 hat der VW-Aufsichtsrat eine delikate Tagesordnung. Ein Gutachten von JP Morgan, von VW-Chef Bernd Pischetsrieder in Auftrag gegeben, steht zur Debatte. Sinn der Vorlage: Da sich Porsche bei VW beteiligt hatte, sollte Piëch wegen seiner Doppelfunktion als VW-Aufsichtsrat und Porsche-Eigentümer ein Interessenkonflikt bescheinigt werden. Das Ziel: Piëch loswerden. Das Ergebnis: Pischetsrieder und Wulff standen allein, und der CDU-Politiker verließ vorzeitig die Sitzung, begleitet von einem höhnischen Gruß Piëchs, eiskalt genuschelt: „Herr Ministerpräsident, ich wünsche gute Reise.“

Wenige Wochen darauf trat Piëch nach, als er gemeinsam mit Peters den Audi-Personalvorstand Horst Neumann als neuen VW-Personalchef durchsetzte – gegen den ausdrücklichen Willen von Wulff und Pischetsrieder, der sogar mit Rücktritt drohte. Als Pischetsrieder aber merkte, dass Piëch/Peters den Rücktritt annehmen würden, weil sie damals schon die Alternative Winterkorn hatten, drehte er rasch bei. Ein halbes Jahr später meinte Wulff, sich seinerseits an Piëch rächen zu können. Gegen dessen Willen, aber mit Unterstützung von Wiedeking, betrieb er die Verlängerung des Vertrags von Pischetsrieder um fünf Jahre. Die waren dann schon nach sechs Monaten rum: Piëch mobbte Pischetsrieder aus dem Amt und holte Winterkorn von Audi an die VW-Spitze.

Winterkorn und Piëch kennen sich aus gemeinsamen Zeiten bei Audi (80er Jahre) und VW (90er). Winterkorn hat Piëchs Vertrauen, was wenigen vergönnt ist. „Vieles ist nur im Alleingang möglich, weil man sich nicht verlassen kann“, hat Piëch einmal gesagt. Inzwischen ist der Kreis deren, die sein Vertrauen verdienen, größer geworden. „Neben meiner Frau gibt es inzwischen schon eine Handvoll Menschen, die mich verstehen“, sagte Piëch kürzlich im Interview mit der Zeitschrift der VW-Autostadt.

Ferdinand Piëch, 1937 in Wien geboren, ist einer von acht Enkeln Ferdinand Porsches. Für das VW-Werk, 1937 von den Nazis in der Kraft-durch-FreudeStadt Wolfsburg gegründet, konstruierte Porsche den Käfer. Nach dem Krieg zog er mit seinem Sohn Ferry nach Stuttgart; in Zuffenhausen richteten die beiden ein Konstruktionsbüro ein, aus dem dann die Sportwagenfirma Porsche entstand. Ferrys Sohn Wolfgang, heute der Gegenspieler von Piëch, organisierte fast 30 Jahre den Vertrieb von Yamaha- Motorrädern in Österreich.

Die Porsche-Tochter Louise, Ferrys Schwester, heiratete in Österreich den Anwalt Anton Piëch. Louise baute später mit dem Vertrieb von Autos die Salzburger Porsche Holding zum größten Privatunternehmen Österreichs aus. Eines von vier Kinder von Louise und Anton ist Ferdinand. Nach dem frühen Tod des Vaters wurde der Junge in einem Internat untergebracht. Später sollte der berühmte Autokonstrukteur und berüchtigte Manager über seine Kindheit sagen, er sei „als Hausschwein aufgezogen worden und muss als Wildschwein leben“. Immer in Gefahr. Und immer bereit zum Angriff.

Ferdis Vetter Wolfgang hatte ein einfacheres Leben. Diesen Schluss lässt jedenfalls seine joviale und verbindliche Art zu. Wolfgang ist freundlich, ein Mann des Ausgleichs. Also genau das, was man braucht in einer Dynastie Porsche/Piëch, die auf gut 60 Mitglieder kommt. Da die Familien nie wirklich harmonierten, beschloss man schon 1972, dass im Unternehmen Porsche keine Familienmitglied Managementaufgaben wahrnehmen darf. Das gilt bis heute und trägt mit zu Wendelin Wiedekings Position bei.

Wolfgang Porsche steht fest zu ihm und schützt ihn vor Piëch. Denn der nimmt Wiedeking manches übel: Zum einen, dass der damals mit Wulff gemeinsame Sache machte bei der Verlängerung des Pischetsrieder-Vertrags. Zum anderen das großkotzige Auftreten Wiedekings gegenüber den VW-Leuten und das Gemäkel am VW-Phaeton, den Piëch zu verantworten hat. Schließlich die ungeheure Menge Geld, die Wiedeking verdient: 2007 waren es wegen Wiedekings üppiger Gewinnbeteiligung gut 70 Millionen Euro.

Piëch setzt auf Winterkorn und Peters, also auf die Arbeitnehmerseite, und auf Wulff. Der darf auf keinen Fall umdrehen und mit den Porsches marschieren. Dann wäre Piëch erledigt, denn die erforderliche Mehrheit des anwesenden Kapitals von 80 Prozent bringen Porsche und Niedersachsen auf einer Hauptversammlung locker zusammen. Wenn Wulff bei Piëch steht, und alles spricht dafür, muss die Familie den Alten selbst erledigen. Vielleicht lassen das die vielen Verträge zu, die das Verhalten, vermutlich auch das Abstimmungsverhalten von Familienmitgliedern regeln. Wolfgang Porsche wird das versuchen, wahrscheinlich sogar mit Hilfe von Piëchs Bruder Hans Michel.

Doch wenn der Alte die nächsten sechs Monate überlebt, könnte ein anderes Szenario gespielt werden. Im nächsten Jahr gibt es keine Impulse mehr für die VW-Aktie, denn Porsche hat seine Anteilsscheine. Gleichzeitig wird die weltweite Nachfrage nach Autos immer schwächer. Ein paar düstere Worte des VW-Aufsichtsratsvorsitzenden oder des Vorstandsvorsitzenden über die Geschäftsaussichten könnten den Kurs der VW-Aktie in den Keller schicken. Und damit den größten Aktionär treffen: Porsche. Wiedeking müsste dann Abschreibungen auf den Wertverlust vornehmen, und Porsche, gerade eben noch der profitabelste Autohersteller der Welt, hätte plötzlich einen Milliardenverlust. Und Piëch freie Schussbahn auf Wiedeking.

Dass er selbst als Porsche-Miteigentümer viel Geld verlieren würde, juckt ihn nicht. „Der spielt mit Milliarden, weil ihn Geld nicht interessiert“, sagt ein Porsche-Aufsichtsrat über Piëch. Aber was will er überhaupt? „Der Kampf um das Gewinnen macht Spaß“, sagte Piëch gerade eben in einem Interview. Aber er könne „nicht etwas Gewonnenes feiern. Das liegt mir nicht“. Also auf zum nächsten Kampf. Mitarbeit: Henrik Mortsiefer

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