Wirtschaft : VW versetzt die Aktionäre in Euphorie

Gewinn erneut verdoppelt / Kapitalerhöhung halbiert / Dividendenerhöhung angekündigt DÜSSELDORF/FRANKFURT (grü/HB/rtr).Zwei Neuigkeiten haben den Volkswagen-Konzern gestern zum Star an den Finanzmärkten gemacht: Der größte Gewinn in der Unternehmensgeschichte sowie der Verzicht auf die Hälfte der ursprünglich geplanten Kapitalerhöhung.Der Kurs der Aktie schloß mit einem Plus von 50,50 DM gegenüber dem Vortag bei 1325 DM.Dort pendelte sie sich auch im nachbörslichen Handel ein.Zuvor hatte der Autokonzern erklärt, daß der Jahresüberschuß 1997 nach Steuern 1,36 Mrd.(Vorjahr 678 Mill.) DM beträgt und sich damit zum dritten Mal in Folge verdoppelt hat.Den Aktionären soll nach den Vorstellungen des Vorstandes mit zwölf DM je 50-DM-Stammaktie und 13 DM je Vorzugsaktie eine um jeweils drei DM erhöhte "Spitzendividende" ausgezahlt werden.VW hat in den vergangenen Jahren mit der Plattformstrategie und einer rigiden Kosten- und Qualitätskontrolle viel Boden gut gemacht.Insgesamt setzte Europas größter Automobilhersteller mit seinen vier Marken VW, Audi, Seat und Skoda 4,25 Mill.Autos und damit 6,4 Prozent mehr als im Vorjahr ab.Der Konzernumsatz kletterte weltweit um 13 Prozent auf 113,25 Mrd.DM.Positiv reagierte die Börse auch auf die zweite Meldung des Autoherstellers: Die im Herbst von heftiger Kritik begleitete und schließlich gestoppte Kapitalerhöhung wird nur noch zur Hälfte fortgesetzt.Statt 6 Mill.neuer 50-DM-Aktien sollen nur noch 3 Mill.Aktien den bisherigen Aktionären angeboten werden.Der Preis dafür steht noch nicht fest.Für die jetzt aufgehobene zweite Tranche war das Bezugsrecht der Aktionäre ausgeschlossen worden.VW-Sprecher Klaus Kocks ließ durchblicken, daß es sich dabei um ein Zugeständnis an die Finanzmärkte handele.Der Konzern habe lernen müssen, daß eine Kapitalerhöhung um 300 Mill.DM mit 6 Mill.neuen Aktien von den Märkten als problematisch angesehen und deshalb nicht gewollt werde.Im September und Oktober war der VW-Kurs von knapp 1400 DM auf bis zu unter 900 DM abgestürzt.Aktionäre und Börsenexperten kritisierten vehement, daß VW keine konkreten Investitionsvorhaben nannte.Analystin Rolla Kautz-Pan von der Frankfurter BHF-Bank sagte, VW sei nach der Kritik an seinen ursprünglichen Kapitalplänen offenbar zur Besinnung gekommen.Im Oktober habe das Unternehmen noch versucht, ohne klare Begründung Milliarden von den Investoren zu kassieren."Die ließen sich jedoch nicht für dumm verkaufen", fügte sie hinzu.Ein anderer Analyst erklärte, der Markt habe VW praktisch gezwungen, auf drei Mrd.DM zu verzichten.Einige Experten erwarten jetzt, daß der Kurs der VW-Aktie über 1500 DM steigen wird.Andere halten es für wahrscheinlicher, daß das Papier sich zwischen 1350 und 1400 DM einpendeln wird.Bis heute ist allerdings immer noch nicht klar, wofür genau Konzernchef Ferdinand Piëch das Geld aus der Kapitalerhöhung braucht.Kein Geheimnis ist aber, daß sich das Unternehmen "in einer Akquisitionsphase" befindet, wie VW-Sprecher Kocks erklärte.Die ins Auge gefaßte Übernahme der britischen Nobelmarke Rolls-Royce spielt in den Augen vieler Branchenbeobachter nur eine untergeordnete Rolle.Sie erwarten einen Ausbau der Nutzfahrzeugsparte, die in diesem Jahr erstmals wieder mit 250 Mill.DM Gewinn schwarze Zahlen geschrieben hat.Neben den Verhandlungen mit dem schwedischen Hersteller Scania über eine Kooperation gibt es Überlegungen, die frühere Lkw-Marke Magirus zu übernehmen und wiederzubeleben.Außerdem will Piëch versuchen, nach den US-Herstellern General Motors und Ford der drittgrößte Autokonzern der Welt zu werden.Diesen Platz hält derzeit Toyota.VW liegt an vierter Stelle.Erst vor wenigen Wochen hatte Piëch den Bau einer neuen Autofabrik in Nordamerika angekündigt. Piëchs Firmen schaden angeblich VW-HandelNach dem Streit mit den EU-Wettbewerbshütern wegen angeblich unzulässiger Verkaufspraktiken in Italien droht dem Volkswagen-Konzern weiterer Ärger.Privatfirmen des VW-Vorstandsvorsitzenden Ferdinand Piëch betreiben dem ARD-Wirtschaftsmagazin "Plusminus" zufolge verbotene Reimportgeschäfte mit Neuwagen des Konzerns.VW-Sprecher Klaus Kocks erklärte am Dienstag, dem Konzern sei nur ein Fall bekannt."Plusminus" berichtete am Dienstag vorab aus seiner Abendsendung, Firmen der Porsche/Piëch Holding verkauften Neuwagen an Grauhändler.Die Fahrzeuge würden zum Schluß in Deutschland teilweise unter den Einkaufspreisen deutscher VAG-Händler angeboten.Der VW-Konzern verbiete seinen Vertragshändlern den Verkauf an Grauhändler - nach den geltenden Wettwerbsgesetzen ist dies erlaubt.Der ARD vorliegende Unterlagen beweisen offenbar, daß Firmen der Porsche/Piech Holding dieses Verbot selbst unterlaufen.Piëch ist Teilhaber der Porsche Holding, die rund 20 Prozent des Vertriebs von VW in Europa kontrolliert.Kocks erklärte, 1995 habe es einmal "50 bis 100 Autos" gegeben, die von Ungarn in die Ukraine deklariert, aber nach Bayern reimportiert worden seien.Dabei solle Porsche/Salzburg "eine Rolle gespielt" haben."Wenn Herr Piëch Anteilseigner ist, kennt er nicht notwendig jedes Detail der Geschäftsführung." Damals habe Konzernvorstand Robert Büchelhofer ein Machtwort gesprochen.Eine VW-Prüfungskommission solle bis Mittwoch mittag Zwischenergebnisse vorlegen. AFP

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