Wirtschaft : Wachmänner sind aus der Mode

In New York werden immer mehr Geldinstitute ausgeraubt/Einen besseren Schutz lehnen die Banken aus Kostengründen ab

Mitchell Pacelle

In New York häufen sich die Banküberfälle. Die frustrierten Sicherheitskräfte und Behörden wollen nun den Banken die Hölle heiß machen – und nicht den Tätern, die übrigens häufig unbewaffnet und unerfahren sind. Im allgemeinen Trend zur „Kundenfreundlichkeit“ seien die Banken übers Ziel hinausgeschossen, sagen die Behörden. Und die Ganoven nutzen die Situation aus.

Wenn einige Banken weiterhin die empfohlenen Sicherheitsvorkehrungen vernachlässigten, werde der Staat womöglich Gesetze erlassen, drohten jetzt Raymond W. Kelly, Chef der New Yorker Polizei, und Diana Taylor, Leiterin des Bankenreferates des US-Bundesstaates New York. Kelly und der New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg verlangen von den Banken eine aktivere Rolle in der Verbrechensbekämpfung. Seit Monaten drängen sie die Kreditinstitute zu schärferen Sicherheitsvorkehrungen, etwa auf die Abschaffung offener Schalter. Die machten die Banken zu leichten Opfern.

Während die New Yorker Kriminalitätsrate sinkt, steigt die Zahl der Banküberfälle an: Von Januar bis September wurden fast dreimal mehr Überfälle verübt als im vergleichbaren Vorjahreszeitraum. Banküberfälle „gelten als leicht zu verdienendes Geld“, sagte Kelly. „Das sagt man auf Rikers Island“, sagt er und meint den großen New Yorker Gefängniskomplex auf der gleichnamigen Insel.

Nach Meinung von Polizei und Staat sind die Banker mitschuldig an den vielen Überfällen. Während der vergangenen zehn Jahren sind verglaste Kassenschalter aus Metall, Wachmänner und kurze Öffnungszeiten aus der Mode gekommen. Im April forderten Kelly und Bürgermeister Bloomberg die New Yorker Banken auf, etwas gegen die Überfälle zu unternehmen, indem sie die Sicherheitsvorkehrungen erhöhen. Nun will Taylor vom Bankenreferat des Bundesstaates New York einen gepfefferten Brief an die Top-Banker schicken. Darin will sie den laxen Umgang mit der Sicherheit kritisieren und sie drängen, die Ratschläge der Polizei umzusetzen.

Während Banken wie die Banco Inc. die Empfehlungen der Polizei umgesetzt hätten, lehnten andere wie die Commerce Bancorp einige der Maßnahmen ab. Sie zweifeln an deren Wirksamkeit. „Es ist für jeden unangenehm“, sagte John Kanas, Chef der North Fork Bancorp. Er habe die Sicherheitsvorkehrungen bei den 78 Filialen seines Instituts in der Stadt erhöht. „Aber ich weiß nicht, was ich sonst noch tun kann – es sei denn, ich sperre die Eingangstüren zu“. Die Sicherheitsvorkehrungen „kosten ein Vermögen“.

Als die New Yorker Kriminalitätsrate Ende der 90er Jahre sank, ging auch die Zahl der Banküberfälle zurück. Im Jahr 2000 wurden 136 Banken überfallen, drei Jahre zuvor waren es noch 235. Doch im vergangenen Jahr schnellte die Zahl wieder auf 250 Banküberfälle in die Höhe. Während von Januar bis September die allgemeine Kriminalitätsrate in New York um 6,1 Prozent abnahm, gab es 312 Banküberfälle – davon 56 bewaffnete. Die Polizei verlangt von den Banken, Schranken, so genannte Banditen-Barrieren, und Kassenschalter mit kugelsicherer Verglasung einzuführen sowie eine Art Empfangspersonal einzustellen, das Kunden anspricht und ihnen Hilfe anbietet. Nach Polizeiangaben hätten einige der inhaftierten Bankräuber gesagt, sie blieben solchen Filialen fern.

Die Polizei verlangt zudem von den Banken, für die Kunden gut sichtbare Überwachungskameras anzubringen. Weiterhin fordert die Polizei, dass die Banken den Verbrechern Geldscheine mit Farbbeuteln oder Geldscheinbündel aushändigt, die größer aussehen als sie sind. Kelly appelliert außerdem an das Schamgefühl der Banken. Er listet neuerdings die Banken nach der Zahl der Überfälle pro Filiale in einer Rangskala auf. Kritisch sieht er vor allem die Commerce Bancorp. Die Bank setzt zwar Empfangspersonal und Farbbeutel in ihren 17 New Yorker Filialen ein; will aber keine Banditen-Barrieren installieren und Kameras aufhängen. Dies passe nicht zum Geschäftsmodell, heißt es.

Angst um das Geschäftsmodell

Die hohe Überfallrate bei Commerce sei eher eine Folge der langen Öffnungszeiten als der Sicherheitsvorkehrungen, sagt der Commerce-Berater Lawrence Sherman von der University of Pennsylvania. Er verlangt Beweise für die Wirksamkeit der Polizei-Empfehlungen. „Bevor es nicht solch einen Beweis gibt, wäre es falsch, sie aufzuerlegen“, argumentiert er. Selbst einige der Banker, welche die polizeilichen Empfehlungen umgesetzt haben, zweifeln an deren Wirksamkeit. „Es ist interessant, dass der Polizei-Chef die Schuld auf die Banken schiebt“, sagt Kanas von North Fork. Die Bank hat in ihren New Yorker Filialen Empfangspersonal und Banditen-Barrieren eingeführt, sagte er. Nichtsdestotrotz sei eine der Filialen im New Yorker Vorort Long Island kürzlich überfallen worden. Dagegen räumt die puertoricanische Banco Popular ein, dass die Empfehlungen in ihren 32 New Yorker Niederlassungen viel bewirkt haben. „An einem Tag im Mai wurden wir Opfer von gleich drei Überfällen“, erinnert sich Michele Imbasciani, die Leiterin der New Yorker Filialen. Die Bank habe schnell die polizeilichen Empfehlungen umgesetzt. „Seitdem gab es bei uns keine Überfälle mehr.“

Texte übersetzt und gekürzt von Tina Specht (Siemens), Karen Wientgen (Banken), Svenja Weidenfeld (Europa), Christian Frobenius (Iran) und Matthias Petermann (Japan).

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