Wachstum : Berlins Konjunktur holt auf

Berlins Konjunktur schließt nach und nach die Lücke zum Bundesdurchschitt. Zwar dürfte die Wirtschaft 2008 wohl nicht mehr so stark wachsen wie im vergangenen Jahr. Doch der Konsolidierungsprozess geht weiter.

Kevin Hoffmann

Berlin - Das Wachstum in den vergangenen Jahren lag fast immer stark unter dem Bundesdurchschnitt (siehe Grafik). Das geht aus dem Wirtschafts- und Arbeitsmarktbericht 2007/2008 vor, den Berlins Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linke) und seine Parteifreundin, Arbeitssenatorin Heidi Knake-Werner, am Freitag vorstellten.

„Ich gehe davon aus, dass wir im Strukturwandel einen bestimmten Wendepunkt erreicht haben“, sagte Wolf bei der Zusammenfassung der Konjunkturdaten. 2007 ist Berlins Wirtschaft das dritte Jahr in Folge gewachsen. Das reale Bruttoinlandsprodukt stieg um 2,0 Prozent. Das war der größte Zuwachs an Wirtschaftsleistung seit 1993. Auch im laufenden Jahr rechnet der Senator mit einem Wachstum von immerhin noch 1,3 Prozent. Die Berliner Wirtschaft setze ihren Konsolidierungsprozess fort. „Das heißt nicht, dass wir über den Berg sind“, sagte Wolf in gewohnt nüchternem Ton.

Berlins Konjunktur schließt also nach und nach die Lücke zum Bundesdurchschnitt: 2006 war das Wachstum in der Hauptstadt noch 1,7 Prozentpunkte geringer, 2007 nur noch 0,5. Sollte sich Wolfs Prognose bewahrheiten, läge Berlin noch 0,4 Punkte hinter dem Bundesschnitt – gemessen an der Prognose der Bundesregierung, die nun von 1,7 Prozent Wachstum für 2008 ausgeht.

Wolf begründete das vermutlich schwächere Wachstum im laufenden Jahr aber nicht etwa mit strukturellen Problemen der lokal ansässigen Wirtschaft. Als Gründe verwies er ganz global auf den starken Euro im Verhältnis zum Dollar und den hohen Ölpreis. Selbstkritisch sagte er aber, dass der Senat bisher zwar erfolgreich dabei war, neue Unternehmen in Berlin anzusiedeln. „Die Bestandspflege muss aber verbessert werden“, stellte er fest.

In diesem Zusammenhang bekräftigte Wolf das in einem Tagesspiegel-Interview am Donnerstag bereits angekündigte Konzept für ein „Key-Account-Management“, das bei der Standortförderung Berlin Partner angesiedelt werden soll. Drei Gruppen von Unternehmen dürfen künftig mit einer speziellen Betreuung und Beratung rechnen: Unternehmen, die schon allein wegen ihrer Größe eine besondere Rolle in der Stadt spielen, wie etwa die Deutsche Bahn; ferner Unternehmen, die in Berlin produzieren, deren Konzernzentralen aber in anderen Städten liegen. Zudem sollen junge Firmen aus Branchen mit einer besonders großen Wachstumsdynamik, wie etwa aus der Solarbranche, einen eigenen Ansprechpartner erhalten.

Wolf kündigte an, dass auch Fachleute aus den Bezirken vor Ort in dieses Konzept eingebunden werden sollen. Darüber führe er gerade Gespräche. Konkrete Umsetzungen für das Konzept kündigte er „für die zweite Jahreshälfte an“.

Ähnlich wie die Gesamtwirtschaft entwickelt sich der Arbeitsmarkt: Die Arbeitslosenquote lag im Juni 2008 bei 13,6 Prozent. Im Vorjahresmonat waren noch 32 000 Berliner mehr arbeitslos gemeldet. „Die Probleme sind aber noch relativ groß“, sagte Senatorin Knake-Werner. Sie bemängelte auch, dass es mit 83 000 zu viele sogenannte „Aufstocker“ in Berlin gäbe, also Menschen die neben ihrem Vollzeitjob zusätzlich auf Sozialleistungen wie das Arbeitslosengeld II angewiesen sind.

Die Senatorin kritisierte zudem die Berliner Unternehmen, die mehr für die Aus- und Weiterbildung tun müssten. Es könne auch nicht sein, dass die Firmen über einen drohenden Fachkräftemangel klagen, den sie doch selbst beheben könnten. „Mir scheint auch, dass es eher ein gefühlter Fachkräftemangel ist, der er nicht belegbar ist“, sagte sie. Ihre Senatsverwaltung bereite derzeit eine Studie vor, die die Lage untersuchen soll.

Die Berliner Industrie- und Handelskammer (IHK) wies die Vorwürfe der Senatorin am Freitag umgehend zurück: „Vor allem IT-Unternehmen finden nachweislich nicht genug Fachkräfte in Berlin“, sagte IHK-Sprecher Holger Lunau. Auch der Vorwurf, die Unternehmen der Stadt würden nicht genügend junge Leute ausbilden, sei falsch. Die Mitgliedsunternehmen hätten im Juni zwölf Prozent mehr junge Leute ausgebildet als im Vorjahresmonat. „Wir haben kein Massenproblem, sondern ein Klassenproblem“, sagte Lunau vor dem Hintergrund, dass rund zehn Prozent der Jugendliche Berlins Schulen ohne Abschluss verließen.

Die oppositionellen Grünen im Abgeordnetenhaus kritisierten vor allem, dass die Erwerbslosenquote bei den Jugendlichen unter 25 Jahren in Berlin mit 14,2 Prozent doppelt so hoch ist, wie im Bundesdurchschnitt (6,4 Prozent). „Auch das Vorzeigeprojekt des rot-roten Senats, der öffentlich geförderte Beschäftigungssektor dümpelt vor sich hin“, sagte Fraktionsvorsitzende Franziska Eichstädt-Bohlig.

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