Wirtschaft : Wachstum ist nur über die Börse möglich

JOACHIM HOFER

BERLINER SPEZIALITÄT - Bei der Berliner Teles AG dreht sich alles um die ISDN-TechnologieVON JOACHIM HOFER

Der Empfang ist freundlich, aber bestimmt: Der Besucher bei Teles muß am Eingang erst einmal Name und Paß hinterlassen, ehe er mit dem Hausausweis am Revers die langen Gänge der Computerschmiede an der Berliner Dovestraße hinuntergehen darf.Mitten in der Reihe der Büros arbeitet der Chef: Sigram Schindler, 61, Informatikprofessor und Unternehmensgründer.Die offene Tür seines Zimmers gibt den Blick frei auf das rege Treiben auf dem Flur.360 Menschen arbeiten für Schindler - überwiegend junge Leute, viele Studenten, über zwei Drittel in der Forschung. Um vier Buchstaben dreht sich die Welt bei der Teles AG: ISDN.Mit dem Integrated Services Digital Network hat die Berliner Aktiengesellschaft im vergangenen Jahr rund 14 Mill.DM Gewinn verbucht.Nicht mit dem Netz an sich machen die Berliner ihr Geld, sondern mit Gerätschaften und Software rund um den Service, der Bilder, Texte und Daten rasend schnell übermittelt.Rasant kletterten in den vergangenen Jahren auch die Umsätze der Aktiengesellschaft: 1989 flossen noch 500 000 DM aus dem ISDN-Geschäft in die Kassen, im laufenden Jahr werden es bereits mehr als 100 Mill.DM sein.Teles bezeichnet sich selbst als das "im ISDN-Bereich wohl weltweit erfolgreichste Unternehmen ...mit der weltweit umfassendsten Palette von innovativen ISDN-Produkten". Anfangs konzentrierte sich Teles auf ISDN-Endgeräte, später kamen ISDN-Infrastrukturgeräte hinzu.Zukünftig sollen ISDN-Teleservicecenter das Angebot abrunden.Mit seinen Produkten lag Schindler bislang am Markt immer vorne.Im Gegensatz zur Konkurrenz: "Alle meine Vorgänger", erzählt der Informatiker, "haben als Marktführer Pleite gemacht." Der Vorteil von Teles sei die "höhere Professionalität".Bedingungslosen Einsatz für den Arbeitgeber verlangt Schindler von allen seinen Mitarbeitern.98 Prozent der Leute machten Überstunden, sagt er selbstbewußt, und kriegen nichts dafür bezahlt."Das bekommen sie nur hin, wenn die merken, das lohnt sich", ist Schindler überzeugt und fügt hinzu, "wir haben hier Gruppengeist." Dem Magazin "Der Spiegel" gingen die Methoden von Schindler zu weit: "In der Personalpolitik der Firma geht es offenbar drunter und drüber", schrieben die Hamburger vergangenen Sommer.Sie verwiesen auf zahlreiche Spontankündigungen des Firmenchefs."Wir zahlen über Tarif", verteidigt Schindler lange Arbeitszeiten, die auch das Wochenende nicht ausschließen.Einen Mitarbeiter zu entlassen, der absichtlich die Feuerschutztür offenließ, als er im Treppenhaus eine Zigarette geraucht hat, sei doch nichts Unanständiges.Um seine Leute noch mehr zu motivieren, beteilige er sie mit Aktien am Unternehmen."In einigen Jahren werden ein paar dutzend Millionäre übrigbleiben", ist sich Schindler sicher. Schon in den kommenden Monaten sollen die Teles-Aktien aufs Parkett kommen.Den Börsengang hatte Schindler schon für das Frühjahr anvisiert, nun wird es vermutlich 1998 werden, ehe die Papiere öffentlich gehandelt werden.Einen Teil seiner Aktien hat der Unternehmensgründer bereits an zwei amerikanische Fonds verkauft, Apex und 3 i.Über Wandelschuldverschreibungen kamen 36 Mill.Dollar in die Kassen."Von dem Geld ist ein großer Betrag noch vorhanden", so der TU-Professor, weil sich bislang keine geeigneten Übernahmekandidaten gefunden hätten.Da das Kapital noch in der Firmenkasse schlummere, sei der Gang aufs Börsenparkett bislang nicht nötig gewesen.Die Notierung an einer Börse sei freilich unumgänglich, denn nur auf diesem Wege könne das für das Wachstum nötige Kapital beschafft werden. Die besten Chancen, Teles auf ihren Kurszettel zu notieren, dürfte die Frankfurter Börse mit ihrem jüngsten Erfolgssegment, dem Neuen Markt, haben.Begleitet wird die Emission vermutlich von der Deutsche Morgan Grenfell.Die Verhandlungen seien im Gange, betont Schindler, der sich auf keinen Termin für die Aktienausgabe festlegen will.Viel lieber spricht er von den großen Chancen, die er im ISDN-Geschäft noch sieht: "Wir werden völlig neue Aspekte in Angriff nehmen, zum Beispiel Abrechnungssysteme für verschiedene Telekommunikationsdienste.Das sind weltweite Probleme globaler Entwicklungen." Deshalb sinke auch der Umsatz in Deutschland von 85 Prozent im vergangenen Jahr auf rund 60 Prozent 1997. Eines Tages, prophezeit Schindler, werde aber Wachstum aus eigener Kraft nicht mehr möglich sein.Dann "braucht es globale Präsenz", was auf die vollständige Übernahme durch einen Branchenriesen hinauslaufe.Angst vor einer Übernahme habe er jedenfalls nicht.Und oft lohnt sich eine Übernahme auch für die Aktionäre.

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