WACHSTUM : Zögern und Zaudern

Der Boom ist längst Geschichte. Viele gute Nachrichten gab es nicht in den vergangenen Wochen: Über Monate verlangsamte sich das Tempo der deutschen Wirtschaft immer mehr. Nun, im letzten Quartal des Jahres, wird das Bruttoinlandsprodukt wohl nicht wachsen, sondern schrumpfen. Denn in den meisten Branchen herrscht Flaute. Die Unternehmen investieren nicht, fahren die Produktion zurück, setzen die Belegschaft auf Kurzarbeit, weil die wichtigen Kunden das Geld zusammenhalten. 2012 wird das Bruttoinlandsprodukt vermutlich nur um 0,8 Prozent zunehmen. Bedeutet das auch schlechte Aussichten für 2013?

Tröstlich ist: Eine erneute Rezession, zwei Minus-Quartale direkt hintereinander also, wird es kaum geben. Die meisten Prognostiker gehen von einem leichten Plus aus – zwischen 0,3 und 1,2 Prozent Wachstum liegen die meisten Berechnungen. Dabei ist das Kieler Institut für Weltwirtschaft am unteren Rand, das Ifo-Institut mit 0,7 Prozent oder der Internationale Währungsfonds  mit 0,9 Prozent etwa in der Mitte, und zu den Optimisten zählen die Landesbank Hessen-Thüringen sowie die BHF-Bank mit 1,2 Prozent.

Die Argumentationen über den Konjunkturverlauf lesen sich, als hätten die Damen und Herren voneinander abgeschrieben – dabei beschäftigen sich immerhin gut 50 Forschungsinstitute, Banken oder Verbände mit der zukünftigen Entwicklung des Wohlstands hierzulande. Nach einem schwachen Jahresauftakt wird sich demnach die Lage zum Sommer hin allmählich bessern. Dann ziehen auch endlich die Investitionen der Unternehmen an, und die wieder erstarkte Nachfrage aus den USA und aus China bringt die Industrie allmählich in Schwung. Mit starken Jahren wie 2011, als unter dem Strich eine Wachstumsrate von 3,0 Prozent stand, sind die kommenden zwölf Monate demnach aber keinesfalls zu vergleichen.

Doch so muss es nicht unbedingt kommen. Die wichtigsten Wendepunkte der Konjunktur in jüngster Zeit – den historisch tiefen Einbruch des Bruttoinlandsprodukts um 5,1 Prozent 2009, das sagenhafte Comeback mit 4,2 Prozent 2010 – hatte nahezu kein deutscher Ökonom auf dem Zettel. Das liegt daran, dass die Wirtschaftsforscher zumeist Muster aus der Vergangenheit in die Zukunft zu übertragen versuchen. Schocks wie die Pleite der US-Bank Lehman oder die Schuldenkrise im Euro-Raum passen in kaum ein Berechnungsmodell. Auch die Wechselwirkungen von Finanzmärkten und realer Wirtschaft macht den Experten zu schaffen. Völlig nutzlos sind die Berechnungen zwar nicht – doch gerade Prognosen auf den Punkt genau vertragen ein gehöriges Maß Skepsis. brö

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben