Wirtschaft : Wachstumsmärkte der Zukunft in der Krise

ALFONS FRESE

BERLIN .Die gute Stimmung ist ein wenig getrübt.Eigentlich wollten sich die Hersteller von Lkw und Omnibussen in allerbester Laune vom kommenden Donnerstag an auf der 57.Internationalen Automobilausstellung Nutzfahrzeuge (IAA) präsentieren.In diesem Segment der Kraftfahrzeugindustrie "erleben wir derzeit einen wahren Boom", berichtete vor kurzem Autoverbandspräsident Bernd Gottschalk.Dann kam der Rubel-Absturz.Die russische Krise, die Rezession in Asien sowie die Sorge um Lateinamerika trüben die Aussichten der Exportbranche.Schließlich werden mehr als 60 Prozent der in Deutschland gefertigten Nutzfahrzeuge ausgeführt; fast drei Viertel davon allerdings in EU-Länder, sodaß die unmittelbaren Auswirkungen der gegenwärtigen Krisen begrenzt bleiben dürften.

Doch ähnlich wie bei Pkw ist auch bei Nutzfahrzeugen der Absatzhöhepunkt bald erreicht.In Westeuropa, USA und Japan dürften die Märkte mittelfristig bestenfalls stagnieren.Als Wachstumsmärkte der Zukunft sind Südamerika, Osteuropa und Südostasien identifiziert.Inbesondere die russische Krise beobachtet der Verband der Autoindustrie (VDA) mit Sorge.Zwar gehen nach Rußland derzeit nur 0,3 Prozent der deutschen Fahrzeugexporte, was in absoluten Zahlen 4300 Einheiten entspricht.Allerdings machen diese Ausfuhren einen Wert von 1,8 Mrd.DM aus - die Russen kaufen vorzugsweise Luxuslimousinen von Mercedes und BMW.Nach Osteuropa insgesamt gehen derzeit gut fünf Prozent der Pkw- und 7,5 Prozent der Nutzfahrzeugexporte.VDA-Präsident Gottschalk: "Wir hoffen, daß die russischen Währungsprobleme keinen Flächenbrand in Osteuropa entfachen".

Im Moment jedoch steuert die Branche Rekorde an.In den ersten sieben Monaten lagen Produktion, Export und Neuzulassungen um jeweils elf Prozent über dem entsprechenden Vorjahresniveau.Insbesondere schwere Lkw über sechs Tonnen verkaufen sich prächtig, die Nachfrage lag hier um 19 Prozent höher.Für Gottschalk Indiz für die "Wiederbelebung der Investitionsbereitschaft hierzulande".Damit hatte der Verband nicht gerechnet.Der Anstieg der Neuzulassungen im Inland um neun Prozent auf 143 000 "gehört zu den positiven Überraschungen des 1.Halbjahres".Die deutschen Hersteller mit ihren 184 000 Beschäftigten gehören weltweit zu den führenden Anbietern.Im vergangenen Jahr produzierten sie 756 000 Fahrzeuge (davon 345 000 in Deutschland).Der Anteil der deutschen Nutzfahrzeuge an der Weltproduktion lag bei fünf Prozent, bei schweren Lkw sogar bei etwa 18 Prozent.

Unter dem Mottto "Nutzfahrzeuge verbinden" zeigen die Lkw-, Transporter- und Bushersteller sowie Zulieferer vom 3.bis zum 10.September ihre Produkte auf der IAA.Für die nach Einschätzung des veranstaltenden VDA "weltweit führende Transportmesse" haben sich 1216 Aussteller aus 39 Ländern gemeldet.Der VDA hat die Ausstellung gestrafft: Die IAA beginnt jetzt zwei Tage früher und wurde um einen Tag verkürzt, so daß das zweite Wochenende entfällt.Unter anderem zeigen Daimler-Benz und Volvo neue mittelschwere Lkw, bei VW stehen Stadtlieferwagen (Caddy) und Transporter im Mittelpunkt.

Anläßlich der Messe weist der VDA auf die Bedeutung von Lkw und Omnibussen hin.Rund zwei Drittel aller Transporte werden demnach in Deutschland von Lastwagen erledigt, der Bus sei im Öffentlichen Personen-Nahverkehr die Nummer eins."Und sie werden auch immer sparsamer, sauberer, sicherer und leiser", schreibt der VDA über die Brummis.Ein moderner Lkw brauche heute 34 Liter auf 100 Kilometer - ein Drittel weniger als vor 25 Jahren.Bei Testfahren mit 40-Tonnen-Lkw reichten sogar 25 Liter.Der Verbrauch hängt indes vom Verkehrsfluß ab: Fährt ein moderner 40 Tonner konstant 50 km/h, dann verbraucht er 28 Liter Diesel.Muß er aber einmal pro Kilometer anhalten, steigt der Kraftstoffverbrauch auf 52 Liter, bei zwei Stopps sind es 84 Liter.Entsprechend mehr Schadstoffe fallen an: Die Stickoxid-Emissionen eines Lkw steigen im Stop-an-Go-Verkehr gegenüber fließendem Verkehr fast um das Dreifache.

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