Wirtschaft : Während du schliefst

Die russische Öffentlichkeit verliert das Interesse am Yukos-Prozess – er ist einfach zu langweilig

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Von Peter Baker Moskau Das Verfahren begann wie an jedem anderen Tag. Zwei Milliardäre werden in den Gerichtssaal zu ihrer Anklagebank eskortiert. Der Staatsanwalt fegt in seiner blauen Uniform in den Saal, drei Sterne auf der Schulter. Die drei Richter, alles junge Frauen in schwarzen Roben, sinken in ihre Ledersessel. Der Staatsanwalt verlangt nach den Bänden 14 bis18 der Anklage, öffnet den ersten Band und fängt an vorzulesen.

Seit einem Monat immer dasselbe. Monoton rezitiert Ankläger Dimitri Shokhin aus Tausenden von Dokumenten, die die Anklage gegen den Ölmagnaten Mikhail Chodorkowsky und seinen Partner Platon Lebedey untermauern sollen. Staatsanwalt Shokhin gibt keine Erklärung, was das geheimnisumwobene Material beweisen soll. Er liest einfach immer weiter. Alle anderen kämpfen mit dem Schlaf. Russlands Jahrhundertprozess – bislang eher ein Schlafverfahren. Verteidiger dösen ein, den Zuschauern sinkt der Kopf auf die Bank. Die Richter starren ins Leere und gähnen. An einem Tag hat der Wachmann so laut geschnarcht, dass alle anderen wach wurden.

Das ist die russische Justiz. Hier geht es nicht um bewegende juristische Rhetorik oder geschickte Kreuzverhöre. Alles konzentriert sich auf Schriftstücke, je mehr, desto besser. In diesem Fall haben die Ankläger 227 Ordner mit Dokumenten zusammengetragen, um Chodorkowsky Betrug und Steuerhinterziehung nachzuweisen und 167 Ordner, um Lebedey ähnlicher Delikte zu überführen. Die meisten Gerichtsreporter haben aufgehört, den Sitzungen beizuwohnen. So verschwindet das Verfahren gegen den reichsten Mann Russlands, das in einem großen politischen Konflikt zwischen Chodorkowsky und Präsident Putin gipfelte, von der Bildfläche.

„Das präsentierte Material beweist nur eins“, erklärt Chodorkowskys Verteidiger Vladimir Krasnov den Reportern vor dem Gerichtssaal, „dass die Staatsanwaltschaft viel, aber vergeblich arbeitet.“

Einer von Chodorkowskys Partnern brachte sich neulich seine eigene Unterhaltung mit: Vasily Shakhnovsky klappte einen Laptop auf, zog sich einen Kopfhörer auf, schob eine DVD hinein und sah sich Michael Moores „Fahrenheit 9/11“ an.

Die Verteidigung hat versucht, der Langeweile ein Ende zu setzen. „Angesichts der Tatsache, dass weder Gericht noch Verteidigung daran interessiert sind, das Verfahren unnötig in die Länge zu ziehen, rege ich an, auf das Vorlesen von Schriftstücken zu verzichten, die wir alle kennen“, beschwor einer von Chodorkowskys Verteidigern das Gericht. Die Vorsitzende erwiderte, dies sei die Sache des Staatsanwalts. Der sagte nur: „Manchmal kritisiert die Verteidigung, ich lasse Informationen aus und jetzt ist es plötzlich zu viel.“ Dann las er weiter.

Trotz aller Liebe zu Details – diese scheinen am Ende doch nicht so wichtig zu sein. Mehr als zwölf Jahre nach dem Ende der Sowjetunion sprechen die russischen Gerichte die Angeklagten in 99,2 Prozent der Fälle schuldig. Niemand im Gerichtssaal glaubt, dass Chodorkovsky unter den restlichen 0,8 Prozent sein wird – am allerwenigsten der Angeklagte selbst. Dieser gibt sich desinteressiert. Meist liest er Krimis oder unterhält sich mit seinem Mitangeklagten. Platon Lebedey löst Kreuzworträtsel.

Der Staatsanwalt versucht den Angeklagten nachzuweisen, dass sie den Staat betrogen haben, indem sie Steuern umgingen und 1994 die Versteigerung eines staatlichen Unternehmens manipulierten.

Erleichterung machte sich vergangene Woche breit, als Herr Shokhin verkündete, die Anklage gegen Chodorkowsky sei nun vollständig verlesen. Doch dann verlangte er die Anklage gegen Lebedey und fing von vorne an.

Der aufgebrachte Platon Lebedey wetterte, einige Schriftstücke seien bereits mindestens zweimal verlesen worden. „Und jetzt sollen wir alles noch einmal hören? Hier muss ein vernünftiger Beschluss her. Einmal ist in Ordnung, ein zweites Mal vielleicht auch. Aber mehr?“, attackierte er den Staatsanwalt.

Der Staatsanwalt lächelte ein wenig, dann stürzte er sich auf die 140 Bände. Dann schloss er abrupt den 23. Band und verkündete, er sei fertig. „Ich denke, die Anklage hat genügend Beweismittel präsentiert und wir können zum nächsten Verfahrensstadium übergehen: Der Zeugenbefragung.“ Im ganzen Gerichtssaal wurden die Menschen plötzlich wach.

Artikel übersetzt und gekürzt von Tina Specht (Schweiz), Svenja Weidenfeld (Russland), Christian Frobenius (Forscher), Karen Wientgen (Truppenabzug) und Matthias Peterman (China).

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