Wirtschaft : Währungsunion braucht politische Integration

Für die EWU gibt es erfolgreiche historische Vorbilder / Nur die politische Union garantiert DauerhaftigkeitDie Europäische Währungsunion hat für Europa zwar einzigartige Bedeutung, doch sie ist nicht die erste in der Geschichte.Prof.Carl-Ludwig Holtfrerich, Wirtschaftsprofessor am John-F.-Kennedy Institut der FU Berlin, beschäftigt sich mit dem Bereich Wirtschaftgeschichte und Wirtschaftspolitik.Mit ihm sprach Friederike Storz. TAGESSPIEGEL: Herr Holtfrerich, welche Vorläufer gibt es in der Geschichte für die kommende Währungsunion in Europa? Sind beispielsweise die Schaffung des Greenback in den USA, die Skandinavische und Lateinische Münzunion oder die Deutsche Währungsunion im 19.Jahrhundert historische Vorbilder für den Weg zum Euro? HOLTFRERICH: Die USA sind ein schlechtes Beispiel, da die Währungsunion seit der Gründung der USA bestanden hat.Was im Bürgerkrieg dazukam, war lediglich die Vereinheitlichung des Papiergeldes.Bei historischen Vergleichen wird immer wieder der Fehler gemacht, dies als Währungsunion darzustellen.Das Papiergeld war damals nur ein Mittel zur Vereinfachung des Zahlungsverkehrs - so wie heute das Buchgeld oder Kreditkarten.Ein Gläubiger konnte in den USA darauf bestehen, seine Schuld in Münzen getilgt zu bekommen.Also in Gold oder Silber, die von der staatlichen Münze geprägt wurden und somit im ganzen Land einheitlich waren. TAGESSPIEGEL: Warum scheiterte die Lateinische Münzunion? HOLTFRERICH: Die 1865 gegründete Lateinische Münzunion, die aus Frankreich, Italien, Belgien, der Schweiz und später auch Griechenland und Rumänien bestand, war ein anderer Fall.Hier handelte es sich um gesetzliche Zahlungsmittel, deren Metallgehalt standardisiert wurde, so daß im Prinzip feste Wechselkurse zwischen den Teilnehmerländern vereinbart wurden.Die Münzunion war allerdings von vornherein nicht auf politische Einigung gerichtet.Sie löste sich auf, als politische Spannungen in Europa mit Beginn des Ersten Weltkriegs auftraten. TAGESSPIEGEL: Gibt es Parallelen zur Skandinavischen Münzunion? HOLTFRERICH: Die 1872 gegründete Skandinavische Münzunion zwischen Norwegen, Schweden und Dänemark war ein ähnlicher Fall.Das gesetzliche Zahlungsmittel wurde standardisiert und die Münzen jedes Teilnehmerstaates auch in den anderen Staaten als gesetzliches Zahlungsmittel anerkannt.Insofern war es eine vollständige Währungsunion.Aber auch sie zielte nicht auf politische Einigung ab.Sie hat den Ersten Weltkrieg noch einige Zeit überlebt, löste sich aber mit Beginn des Zweiten Weltkrieges auf. TAGESSPIEGEL: Worin unterschied sich die Deutsche Währungsunion im 19.Jahrhundert? HOLTFRERICH: Die deutsche Währungsvereinheitlichung im 19.Jahrhundert wird im allgemeinen auf die Zeit nach der Reichsgründung 1871 datiert.Besonders von englischer Seite wurde dieses Beispiel als Argument gegen die Europäische Währungsunion vor einer politischen Union benutzt.Das ist ein typischer Fall von falscher historischer Analogie.Denn faktisch war die deutsche Währungsunion lange vor der politschen Union vollzogen.In Münzverträgen zwischen den Staaten des Zollvereins wurden schon 1837/38 die Münzverhältnisse standardisiert.Zwar prägten die Münzstätten der Mitgliedsstaaten noch immer selbst die Münzen aus, auch die damals eingeführte einheitliche "Zollvereinsmünze" mit gesetzlicher Zahlkraft in allen Mitgliedsstaaten.Aber Thaler, Gulden und andere Münzen hatten einen festgelegten Metallgehalt und somit feste Wechselkurse untereinander.Das ist genau das, was bei der ersten Stufe der EWU am 1.Januar 1999 in Europa passiert. TAGESSPIEGEL: Welche Bedeutung messen Sie der politischen Union bei einer Währungsunion bei? HOLTFRERICH: Im Zollvereinsvertrag von 1833 war die Vereinheitlichung des Münzverhältnisses bereits vereinbart.Der Zollverein, der praktisch mit der europäischen Wirtschaftsgemeinschaft von 1958 verglichen werden kann, kann als Vorstufe zu einer späteren politischen Einigung Deutschlands verstanden werden, die mit der Gründung des Norddeutschen Bundes (1867) und endgültig mit der Gründung des Deutschen Reiches 1871 vollzogen wurde.Dieses Beispiel ist der relevanteste Fall für die Einschätzung der Erfolgschancen der EWU.Es zeigt auch, daß eine Währungsunion, in der die Mitgliedsstaaten ja schon ihre Souveränität in der Geldpolitik aufgeben, auf Dauer erfolgreich sein kann, wenn die politische Union danach erfolgt und dann auch andere Souveränitätsrechte aufgegeben werden. TAGESSPIEGEL: Welche Bedeutung hatte die Zollunion und welche Parallelen bestehen zur EWU? HOLTFRERICH: Der Zollverein intensivierte durch den Wegfall der inneren Zollschranken den Handelsaustausch zwischen den deutschen Staaten enorm.Dadurch wuchs in Kreisen der Wirtschaft das Interesse an einer einheitlichen Währung.Diese spart Transaktionskosten - was jeder Tourist leicht nachvollziehen kann - und kommt den Verbrauchern in Form eines intensiveren Wettbewerbs zugute.Das alles sind Parallelen zu den Wirkungen, die die EWU entfalten wird.Dazu kommt, daß die Wirtschaft damals wie heute Interesse an einer Währung hat, die dauerhaft nicht von fiskalen Sonderinteressen der Regierung manipuliert wird.Im 19.Jahrhundert war dies durch die Festlegung des Metallgehalts der Münzen gewährleistet - und in der EWU wird es durch die Unabhängigkeit der Europäischen Zentralbank gewährleistet sein. TAGESSPIEGEL: Worin unterscheiden sich die damalige Zollvereinsmünze und der heutige Euro? HOLTFRERICH: Der Unterschied zwischen der Zollvereinsmünze und dem Euro ist der, daß der Euro ein Papiergeld sein wird, das manipuliert werden könnte, um beispielsweise Defizite in Staatshaushalten zu finanzieren.Umso wichtiger sind die Regelungen des Maastrichter Vertrages und seiner Nachfolgeverträge, auszuschließen, daß Regierungen in Finanznöten Zugriff auf die Notenpresse haben.Andererseits könnte die europäische Zentralbank durch eine restriktive Geldpolitik den Euro so knapp halten, daß Wirtschaftswachstum und Vollbeschäftigung behindert werden.Es gibt dann keine rechtliche Möglichkeit für die Regierungen, die Eurobanker von diesem Kurs abzubringen.Ähnlich wie die Bundesbank wird aber auch die Europäische Zentralbank dazu verpflichtet sein, die allgemeine Wirtschaftspolitik in Europa zu unterstützen.Man wird davon ausgehen können, daß die Zentralbanker kein Interesse haben, eine Deflation mit hoher Arbeitslosigkeit und Wachstumseinbrüchen zu erzeugen. TAGESSPIEGEL: Was kann Europa aus den historischen Beispielen lernen? HOLTFRERICH: Nur die Währungsunionen, die auf eine politische Union hinauslaufen, sind von Dauer.Ich kenne nur eine Ausnahme: Die Währungsunion zwischen der USA und Liberia, wo der amerikanische Dollar schon lange gesetzliches Zahlungsmittel ist.Aber hier hat sich ein kleiner, unterentwickelter Staat der Leitwährung der Welt angeschlossen.Bei gleich schwergewichtigen Staaten würde meines Erachtens eine solche Konstruktion auf Dauer nur funktionieren, wenn die politische Vereinheitlichung am Ende steht. TAGESSPIEGEL: Was ist der wichtigste Unterschied zwischen den historischen Beispielen und der EWU? HOLTFRERICH: Damals waren die Regierungen mit ihren Münzstätten - und im deutschen Fall später mit der Reichsbank - nicht zu einer Konjunkturpolitik zur Förderung der wirtschaftpolitischen Ziele wie Vollbeschäftigung, Wirtschaftwachstum und außenwirtschaftlichem Gleichgewicht verpflichtet.Heute muß auch eine Zentralbank zu diesen Zielen beitragen.Ich habe den Eindruck, daß dies der Europäischen Zentralbank in Zukunft besser gelingen könnte, als es der Bundesbank, die ja faktisch schon seit langem die Rolle einer Europäischen Zentralbank spielt, in den letzten 25 Jahren gelungen ist.Ich hoffe, daß die Europäische Zentralbank diese Chance sieht und wahrnimmt.

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