Wirtschaft : Wahlen sind für die Branche ein Strohfeuer

KAREN WIETGEN

Kondome und Kugelschreiber, Broschüren und Plakate, Fernsehspots und Wahlveranstaltungen - mit solchen Mitteln wird der Wähler im Zeitalter des Marketing professionell umworben.Der Wähler als Konsument, der wie beim Kauf von Kleidung oder Parfum emotional oder mit Sachargumenten gewonnen werden muß."Mit Plakaten gewinnt man zwar keine Wahl, aber ohne verliert man sie", sagt Hans-Jürgen Beerfeltz, Bundesgeschäftsführer und Wahlkampfleiter der FDP.Vor Wahlen entsteht vorübergehend eine lukrative Branche, an der etwa Vermieter von Plakatflächen und nicht zuletzt Hersteller der Wahlkampfartikel Anteil haben.Wieviel Geld ist im Spiel? Was sind die wichtigsten Posten? Und wer verdient daran?

Rund 110 Mill.DM geben die fünf großen Parteien nach eigenen Angaben für den Wahlkampf aus.Spitzenreiter ist die CDU mit 50 Mill.DM, am bescheidensten ist der Wahlkampfetat von Bündnis 90/Die Grünen mit 4,6 Mill.DM.Doch dürften die tatsächlichen Ausgaben sehr viel höher sein.Denn erstens ist jede Partei darum bemüht, ihre Wahlkampfausgaben möglichst niedrig erscheinen zu lassen und zweitens bezieht sich die Summe nur auf die Bundesebene.FDP-Wahlkampfleiter Beerfeltz schätzt, daß Kreis- und Landesverbände "mindestens die gleiche Summe" wie auf Bundesebene ausgeben, möglicherweise sei das Verhältnis sogar eins zu drei.Die Orts- und Kreisverbände organisieren und finanzieren die Podiumsdiskussionen ihrer Parteigrößen, kaufen zum Selbstkostenpreis Plakate und Kugelschreiber und dergleichen von der Bundespartei.Auf 1,3 Mill.DM beziffert der Pressesprecher des SPD-Landesverbandes in Berlin den Wahletat, und nur zu dem geringeren Teil von 325 000 DM handelt es sich hierbei um einen Bundeszuschuß, der Rest kommt jeweils zur Hälfte von Land- und Kreisverbänden.

Wie verteilen sich die Wahlkampfbudgets auf einzelne Werbemaßnahmen? Die CDU lehnt genauere Angaben ab, die SPD weist vage auf die Anzeigen in Zeitschriften und Zeitungen und auf Plakatwerbung als größte Kostenblöcke hin.Die kleineren Parteien sind eher zu Auskünften breit.Größter Posten bei der FDP ist mit mehr als einem Drittel des Budgets, also mindestens zwei Mill.DM, die Plakatierung von Großflächen; ähnlich viel, knapp zwei Mill.DM, sind es bei der PDS.Ein gutes Geschäft und eine gute Marktlücke, in die vor 30 Jahren Hans Bernd Wesselmann gestoßen ist und - als Monopolist, wie ein Wahlkampfbeteiligter sagt - vor Wahlen die ganze Republik mit "Wesselmännern", den großen Plakatstellflächen, bestückt.Die Wahlkampfwerbung Wesselmann in Bochum, die inzwischen vom Sohn übernommen wurde, derzeit 25 000 Wände in ganz Deutschland stehen hat und zur Saison 600 Mitarbeiter beschäftigt, lebt nur vom Wahlkampf.Angaben zum Umsatz lehnt das Unternehmen ab.Doch auch Anbieter fester kommerzieller Werbeflächen verdienen am politischen Wettbewerb.So verzeichnet der größte Berliner Plakatflächenanbieter, die Richard Koschwitz GmbH, in den letzten Wochen vor dem Wahlkampf "eine spürbare Umsatzsteigerung"; um wieviel Prozent, will das mittelständische Unternehmen nicht sagen.17 DM ist der Tagespreis für eine Fläche 3,70 mal 2,70 Meter.An den kleinen Plakatflächen um Bäume ist weniger zu verdienen; hier steckt zum einen die hauptsächlich ehrenamtliche Arbeit von Parteimitgliedern drin, die sie aufstellen und bekleben.Zum anderen kostet die Parteien die Aufstellung nur "eine Straßenaufsichtserlaubnis" beim zuständigen Bezirksamt.

Entworfen werden die Plakate, ebenso wie Fernsehspots und Anzeigen, von professionellen Agenturen.Sogar die Bündnisgrünen wollen seit dem vergangenen Wahlkampf nicht mehr auf Werbeprofis verzichten, es sei "eine große Arbeitserleichterung", sagt Claudia Kraft, Wahlkampfkoordinatorin der Bündnisgrünen.Während einige Parteien auf Bewährtes setzen - die CDU arbeitet seit 1975 mit der Solinger Agentur von Mannstein, auch die FDP hat eine "Hausagentur" - folgen SPD, Grüne und PDS eher dem Wettbewerbsprinzip und suchten sich ihre Agentur über eine Ausschreibung aus.So kam die SPD zur KNSK in Hamburg; der Entwurf sei am überzeugendsten gewesen, man habe zudem das "frische Denken von außen" geschätzt, denn bisher hatte die Agentur nach SPD-Angaben nichts mit Politik zu tun gehabt.

Während diese paar Werbungsunternehmen kräftig verdienen, verzeichnet die gesamte Branche mit den über 2000 Agenturen keine Umsatzzuwächse, da nach Angaben des Zentralverbandes der deutschen Werbewirtschaft "nur wenig Parteien Agenturen beauftragen." Profitieren tun vom Wahlkampf außerdem Printmedien und Privatfernsehsendern durch mehr Werbung und auch die Kommunen, wenn letztere auch nur in geringem Maße, indem sie bei den Infoständen der Parteien eine geringe Gebühr erheben.Im Bezirk Steglitz sind dies lediglich 44 DM pro Standort, egal wie oft dort geworben wird.

Wenngleich der Bund für Steuerzahler "Kugelschreiber, Wimpel und Kondome" als Verschwendung geißelt und die FDP solches "mit Abscheu ablehnt", schlagen diese Sympathieartikel oder Give aways nur gering zu Buche; es ist eher ein Spielfeld, wo die Parteien ihre Kreativität unter Beweis stellen können.Vor allem auf Bundesebene sind sie nur ein Durchlaufposten, werden sie doch, ebenso wie Plakate, zu Selbstkostenpreisen an die Parteiniederungen verkauft - 70 Pfennig muß ein Ortsverband der Bündnisgrünen für ein Kondom zahlen, zwei DM für ein Jojo.Und sollte es Restposten geben - bald sind die Europawahlen.

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