Wirtschaft : Waigel verschreckt Kleinaktionäre

SdK: Verkauf von Telekom-Anteilen wäre ein "Vertrauensbruch" / Sommer müßte zustimmen

BERLIN (hej).Noch gibt sich das Bundesfinanzministerium zurückhaltend: Man denke "verstärkt" über eine weitere Privatisierung der Telekom nach, die Überlegungen seien aber "noch nicht abgeschlossen", betont man in Bonn.Bundesfinanzminister Waigel scheint aber schon einen Schritt weiter zu sein.Wenn der Bund sich von einem Teil seines 74-Prozent-Anteils, den er derzeit noch an der Telekom hält, löst, werde das in "börsenverträglichen Tranchen" geschehen, betonte Waigel am Mittwoch.Auch Telekom-Chef Ron Sommer reagierte umgehend und beruhigte die aufgeschreckten Aktionäre.In einem Interview erklärte Sommer, die Interessen der knapp zwei Millionen Aktionäre würden nicht berührt. Ob und wie sich der Finanzminister von seinen Aktien trennen kann, ist höchst umstritten.Damit die Anleger Vertrauen in die "T-Aktie" entwickeln, ist im Postreform-II-Gesetz festgelegt, daß bis zum 31.Dezember 1999 bei der Telekom Kapitalerhöhungen nur gegen Einlagen vorgenommen werden dürfen.Das heißt: Ein Verkauf der Bundesanteile über die Börse, der den Kurs der Aktie unter Druck setzen könnte, ist ausgeschlossen.Nach Meinung des Postministeriums dürfte sich der Bund aber außerbörslich von seinen Anteilen trennen, um so schon vor dem 1.Januar 2000 Geld in die Kassen zu bekommen.Als Käufer sehen Analysten institutionelle Anleger wie Versicherungen oder Pensionsfonds.Auch die "Lufthansa-Lösung" ­ hier wurde der Bundesanteil von 35,68 Prozent zunächst bei der staatlichen Kreditanstalt für Wiederaufbau "geparkt" ­ ist im Gespräch.Egal, wer als Käufer auftritt, eines ist klar: Ohne die Zustimmung des Telekom-Vorstandes ist ein solcher Deal nicht möglich.Und dort will man ­ schon im eigenen Interesse ­ darauf bestehen, daß das Geschäft den Aktionären keine Nachteile bringt. Justizstaatssekretär Rainer Funke sieht das anders: "Ein Verkauf von Bundesanteilen vor dem 1.Januar 2000 ist nur möglich, wenn das Gesetz geändert wird", sagte Funke am Mittwoch im Gespräch mit dieser Zeitung.Probleme, dafür die nötigen Mehrheiten zu bekommen, sieht der Staatssekretär nicht.Wohl aber müsse jetzt rechtlich geklärt werden, ob man sich nach den Grundsätzen der Prospekthaftung schadensersatzpflichtig mache, wenn der Bund vorzeitig seine Anteile an der Telekom abstoße. Genau das vermutet die Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK).Bei der Emission sei der Eindruck erweckt worden, als ob der Bund seine Beteiligung frühestens im Jahr 2000 verkauft, kritisiert SdK-Sprecherin Reinhild Keitel.Die Anleger hätten sich auf dieses Versprechen verlassen.Wenn Waigel nun Kasse machen wolle, sei das ein "schwerer Vertrauensbruch" und ein "Schlag gegen die Aktienkultur".Gerade die 500 000 Sparer, die mit der "T-Aktie" erstmals einen Anteilsschein gekauft hätten, seien nun "sehr verunsichert".Schlechte Voraussetzungen für die weiteren Privatisierungen dieses Jahres, darunter der Verkauf der Lufthansa- und Postbank-Beteiligungen.Der Kurs der T-Aktie war am Morgen zunächst kräftig gesunken, konnte sich später aber wieder erholen. Wenn der Bund Anteile anbietet, muß das nach Einschätzung von Analysten nicht unbedingt zu Kursverlusten bei den Aktionären führen."Wenn das Geschäft diskret und außerbörslich abgewickelt wird, kriegt man das gar nicht mit", sagt Josh Waiblinger.Kritik übt der Aktienanalyst der BHF-Bank allerdings am Timing: In wenigen Tagen endet die Spekulationsfrist, während der die Aktionäre der ersten Stunde für ihre Kursgewinne Steuern zahlen müssen.Dann seien Gewinnmitnahmen möglich.Verkaufsankündigungen in diesem Umfeld erhöhen den Druck auf die Aktie.

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