Wirtschaft : Wall Street: Die Hiobsbotschaften reißen nicht ab

Walter Pfaeffle

Was bis vor Kurzem noch als Hirngespinst belächelt wurde, rückte vergangene Woche in den Bereich des Denkbaren: Um die großen Namen der New Economy schwirren plötzlich Pleitegeier. Zumindest im Hirn der Anleger. Lucent Technologies, das Kronjuwel des einstigen Telekom-Kaisers AT & T, sah sich am Mittwoch gezwungen, Spekulationen über angebliche Liquiditätsprobleme zu dementieren. Und am Freitag wurde der Chip-und Handyhersteller Motorola von ähnlichen Gerüchten umschwirrt. Der Konkursantrag des kalifornischen Energieversorgers Pacific Gas & Electric (PGE) machte das Maß voll.

Trotz der rekordverdächtigen Nasdaq-Gewinne am Donnerstag ging es an der US-Technologiebörse Nasdaq und bei den Standardwerten zum Wochenschluss weiter bergab. Der 30 "blue chips" umfassende Dow-Jones-Index schloss in der Wochenbilanz 0,89 Prozent tiefer und der Nasdaq verlor 6,52 Prozent. Am Freitag hatte der Dow mehr als ein Prozent eingebüßt und der Nasdaq war mit einem Minus von weit über drei Prozent ins Wochenende gegangen.

Lucent, einer der Hauptverlierer der Woche, verloren in den fünf Sitzungen drei auf 6,96 Dollar. Der Preis liegt damit nur noch um ein Haar über dem Emissionskurs von 1996. Der Börsenwert des einstigen Börsenlieblings ist von 250 Milliarden Dollar auf nur noch 24 Milliarden Dollar geschrumpft. Ein ähnliches Schicksal ereilte den Handy-Produzenten Motorola. Trotz des Dementis stürzten die Titel im Wochenvergleich um 3,45 Dollar ab und schlossen mit 11,50 Dollar auf dem niedrigsten Stand seit 1993.

Nachdem die regierungsamtliche Zulassung einer Energiepreiserhöhung in Kalifornien ergebnislos verpuffte, gerieten die Papiere von PGE, einer der führenden US-Energieversorger, am Freitag massiv unter Druck, verloren 4,83 Dollar und schlossen mit 6,55 Dollar. Fachleute befürchteten, dass der vom Unternehmen am Freitag eingereichte Vergleichsantrag Kaliforniens Konjunktur zusätzlich belasten und zu Firmenabwanderungen führen könnte.

Zusammen mit der Entwicklung in Kalifornien setzten die Konkursgerüchte bei Lucent und Motorola die Finanztitel unter Druck. Bank-America, Citigroup und J.P. Morgan Chase brachen um jeweils mehr als einen Punkt ein. Die schlechten Nachrichten schienen kein Ende zu finden. Bei den Unternehmen folgte am Freitag eine Gewinnwarnung der anderen.

Hiobsbotschaften kamen von dem Telekom-Ausrüster Tellabs und Sycamore Networks, die beide deutlich in die Knie gingen. Die Kursschwäche dieser Aktien ist die Folge von Investitionskürzungen der führenden Telekom-Unternehmen. Die kleineren zum Teil unterfinanzierten Carrier müssen um ihr Überleben kämpfen und selbst etablierte Grosskonzerne wie Verizon und die Fernsprechgiganten AT & T investieren weniger. Betroffen waren Level 3 Communications, Global Crossing, Nortel Networks, Cisco Systems, Sun Microsystems und Oracle. Ironischerweise hat der noch vor einem Jahr als Bösewicht gemiedene Tabak-und Lebensmittelgigant Philip Morris heute mit 101 Milliarden Dollar einen höheren Börsenwert als Cisco. Philip Morris fielen 0,70 Dollar auf 46,75 Dollar, doch Anfang 2000 waren die Titel gerade 18 Dollar wert.

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