Wirtschaft : Wall Street will Frankfurt ausstechen

New Yorker Börse legt Kaufangebot für Euronext vor / Deutsche Börse will nicht nachziehen

Rolf Obertreis

Frankfurt am Main/ New York – Die Deutsche Börse gerät im Fusionspoker der weltweiten Handelsplätze in die Defensive. Am Montagabend sprach sich der Aufsichtsrat der europäischen Vierländerbörse Euronext für einen Zusammenschluss mit der weltgrößten Aktienbörse New York Stock Exchange (Nyse) aus. Zuvor hatte die Nyse ein Übernahmeangebot von acht Milliarden US-Dollar für die auch von der Deutschen Börse umworbene Euronext vorgelegt - einem Zusammenschluss der Handelsplätze Amsterdam, Brüssel, Paris und Lissabon. Die Nyse bietet pro Euronext-Aktie 0,98 eigene Aktien plus 21,32 Euro in bar. Gemessen am letzten Schlusskurs der Nyse-Aktie vom Freitag wären Euronext-Aktien demnach mit 70,80 Euro bewertet. Gelingt die Übernahme, entstünde ein Unternehmen mit einem Marktwert von umgerechnet 16,3 Milliarden Euro. Sitz der neuen Börse soll New York sein, Euronext-Chef Jean-Francois Theodore soll Vize werden.

Der Deutschen Börse droht damit die nächste Schlappe, nachdem sie bereits zwei Mal erfolglos um die Londoner Börse LSE geworben hatte. Trotzdem will das Unternehmen offenbar nicht nachlegen und dementierte Meldungen über ein eigenes Übernahmeangebot. Die Deutsche Börse verwies auf ihren Vorschlag vom Freitag, der einen Zusammenschluss mit Euronext als gleiche Partner vorsieht. Sitz des neuen Unternehmens soll demnach Amsterdam sein, die Hauptverwaltung soll allerdings in Frankfurt angesiedelt, der Aktienhandel aus Paris gesteuert werden. Gemeinsam soll die neue Börse von Deutsche-Börse-Chef Reto Francioni und Jean-Francois Theodore geführt werden, später soll Francioni alleine den Vorsitz übernehmen. In Frankfurt betrachtet man den Vorschlag als fair. Der Euronext-Aufsichtsrat bezeichnete das Angebot aus New York aber als „attraktiver“. Der französische Wirtschafts- und Finanzminister Thierry Breton betonte, Paris müsse bei einer Fusion „eine sehr starke Aktivität behalten“. Die Bundesregierung hofft allerdings weiter auf ein Zusammengehen von Deutscher Börse und Euronext. Auf ihrer Hauptversammlung wollen sich die Euronext-Aktionäre am Dienstag zu den Offerten aus New York und Frankfurt äußern und vielleicht eine Vorentscheidung treffen. Einen Tag später lädt die Deutsche Börse zu ihrer Hauptversammlung.

Die deutsche Finanzszene stärkte der Deutschen Börse und Reto Francioni am Montag den Rücken. Das Angebot einer Partnerschaft mit Euronext sei überzeugend, Francioni praktiziere „keinen unpfiffigen“ Verhandlungsstil, sagte WestLB- Chef Thomas Fischer. Im Zweifel werde die Deutsche Börse alleine weiterarbeiten müssen, aber auch dafür sei sie gut aufgestellt. „Es ist verrückt, dass wir es nicht schaffen, in Europa ein echtes Gegengewicht zum angelsächsischen Kapitalmarkt zu formen“, sagte Fischer. Auch Robert Minde, Analyst bei der BHF Bank sieht nicht das Ende für die Deutsche Börse, sollte sie nicht mit Paris zusammengehen. Sie sei stark genug und kontrolliere mit der Terminbörse Eurex den weltgrößten Derivate-Markt.

Die von vielen dringend erhoffte Konsoldierung der zurzeit noch 28 europäischen Börsen steht dabei weiter auf der Kippe. Sie gilt als notwendig, um ein Gegengewicht gegen den von Briten und Amerikanern über die Börsen in London und New York dominierten globalen Kapitalmarkt zu bilden. Dies würde europäischen Unternehmen die Aufnahme von Kapital erleichtern und die Abhängigkeit von US-Finanzdienstleistern reduzieren. Für die Anleger würde sich durch eine Fusion der Deutschen Börse dagegen wenig ändern. Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz hält zwar Preissenkungen beim Wertpapierhandel für möglich. „Für Kleinanleger hätte das aber keine großen Auswirkungen“, sagte Kurz. Für sie blieben die Bankgebühren der größte Posten. mit pf/hez/AFP

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