Walter Rosenthal im Interview : „Manchmal geht es nicht ohne Tierversuche“

Walter Rosenthal, Chef des Max-Delbrück-Centrums, über Spitzenforschung in Berlin, schwarze Kassen bei der Charité und die Kritik der Tierschützer an Tierversuchen beim MDC.

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Forscher kommen gern nach Berlin, sagt Walter Rosenthal.
Forscher kommen gern nach Berlin, sagt Walter Rosenthal.Foto: Alice Epp

Kürzlich ist in Berlin ein junger Mann gestorben, weil zwei Krankenhäuser, darunter die Charité, nicht erkannt haben, dass er eine Herzmuskelentzündung hatte. Wie schlecht ist es um die medizinische Versorgung in Berliner Kliniken bestellt?

Ich kenne die Befunde nicht, insofern kann und möchte ich das nicht bewerten. Aber generell gilt: Man sollte nicht von einem Einzelfall auf die Qualität einer ganzen Klinik schließen. Und von einer Klinik nicht auf eine ganze Stadt. Wir haben in Berlin sehr gute, große Krankenhäuser, die eine hervorragende medizinische Versorgung bieten – auch im Vergleich zu anderen Städten unseres Landes.

Die Charité genießt Weltruf, bei Pflegern und Pflegerinnen wird aber gespart. Leuchtet die Charité stärker, als sie es verdient?

Die Charité ist eine international bekannte Marke, die jeder, der in diesem Bereich tätig ist, kennt. Und das hat sie auch verdient. Die Charité hat einen exzellenten Forschungsbereich. In der Klinik, also bei der Behandlung der Patienten, herrscht dagegen das Spardiktat der Krankenkassen. Die Kassen zahlen einen festen Betrag pro Patient. Bei der Charité reicht das aber nicht. Als Uniklinik bekommt sie zwar die besonders schweren Fälle, aber nicht – was nötig und angemessen wäre – mehr Geld von den Krankenkassen. Es gibt Überlegungen in der Gesundheitspolitik, Universitätskliniken zusätzliche finanzielle Mittel zur Verfügung zu stellen. Ich unterstütze das sehr.

Braucht Berlin bekannte Marken wie die Charité, um Investoren und Forscher nach Berlin zu holen?

Ja. Aber nicht nur die Charité, auch die Stadt Berlin selbst zieht als Marke. Wir haben es relativ leicht, Forscher und Forscherinnen aus aller Welt nach Berlin zu holen, weil Berlin ein attraktiver Platz zum Leben ist, eine Stadt mit internationalem Flair. Dazu kommt unser gutes wissenschaftliches Standing. Ob Charité oder Max-Delbrück-Centrum (MDC), wir leben von unserer guten wissenschaftlichen Reputation. Zudem gibt es noch zahlreiche weitere Spitzeneinrichtungen. Auch das macht Berlin für Forscher attraktiv.

Attraktiv genug, um auch im internationalen Vergleich mithalten zu können?

Aber ja. Die Charité rekrutiert gerade drei Kardiologen aus dem Ausland; wir vom MDC holen einen Forscher aus London, der ein sehr lukratives Angebot von einem britischen Top-Institut hatte. Das hat er ausgeschlagen und kommt stattdessen ans MDC und ans neue Berliner Institut für Gesundheitsforschung.

Die Gesundheitswirtschaft wächst in Berlin von Jahr zu Jahr. Kommen die neuen Unternehmen aus der Berliner Forschungsszene oder sind es vor allem Investoren von außen?

Beides, je nachdem, um welchen Bereich es geht. Nehmen Sie die Pharmabranche. Alle großen Pharmafirmen sind in Berlin vertreten. Mittlerweile beschäftigt allein die Pharmasparte hier 10 000 Menschen. Außer Bayer kommen diese Unternehmen fast alle von außen, denken Sie an Pfizer oder Sanofi. In der Medizintechnik ist das anders. Wir haben in Berlin rund 240 Firmen, ein Teil von ihnen ist in Berlin entstanden. In der Biotechnologie ist das ähnlich. Viele der 210 Firmen sind aus Berliner Universitäten oder Forschungseinrichtungen ausgegründet worden, auch aus dem MDC.

Tut der Senat genug, um das zu unterstützen?

Der Senat kann helfen, gute Rahmenbedingungen zu schaffen, zum Beispiel Grundstücke zur Verfügung stellen, so dass Firmen schnell bauen können. Oder Inkubatoren vorhalten, also Gebäude, in die junge, neue Firmen einziehen können. Wenn es um solche Hilfe geht, steht Berlin gar nicht so schlecht da. Anders sieht es aus bei den Fördermitteln. Da gibt es zwar Angebote in Berlin, aber den Start-ups fehlt oft das Eigenkapital zur Gegenfinanzierung. Darunter leiden gerade die Firmen, die einen guten Start hatten und dann aber dringend Geld brauchen, um weiterzumachen. Man hat eine Idee, fängt an, sie zu entwickeln, und dann kostet das Ganze plötzlich nicht mehr 100 000 Euro, sondern eine Million Euro – und die Sache stürzt ab. Wir nennen das das „Death Valley“.

Woher soll das Geld kommen, um dieses „Todestal“ zu überleben?

Nach Berlin ist in den letzten Jahren für deutsche Verhältnisse eher viel Beteiligungskapital geflossen. In den letzten zwölf Monaten immerhin mehr als 100 Millionen Euro. Im internationalen Vergleich ist das aber immer noch wenig. Das Problem muss bundesweit gelöst werden, zum Beispiel durch steuerliche Anreize für Investoren. Berlin sollte mehr tun, um internationale Risikokapitalgeber in die Stadt zu locken.

Warum ist es so schwer, Geld aufzutreiben?

Kapitalgeber und Sponsoren sind vorsichtiger geworden. In der Biotechnologie dauern Entwicklungen oft zehn oder 20 Jahre und kosten Millionen. Das ist ein hohes Risiko. Andere Bereiche sind weniger riskant. In der Medizintechnik etwa reichen manchmal schon 150 000 Euro, um eine Firma zu starten und Geld zu verdienen.

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