Wirtschaft : Wanda Georg

Geb. 1922

Bettina Andrae

Sie auf den Knien des Musikers, daneben Mutter, Schwester und der Gast aus Ösel. Ihre Mutter stammte aus Weißrussland, aus guter Familie. In guten Familien war es üblich, die guten Töchter vor der Ehe als Hauslehrerinnen in andere gute Häuser zu geben. Wandas Mutter unterrichtete auf der Insel Ösel bei Estland kurze Zeit den Sohn der Familie Feteljuschin.

Dann war sie reif für die Ehe, heiratete einen deutschen Musiker und ging mit ihm nach Deutschland. In Berlin-Wilmersdorf lebten sie mit der ersten Tochter während der Inflation in einer Zweizimmerwohnung.

Ihr einstiger Schüler, der junge Feteljuschin, musste von der Insel Ösel fort. Er erinnerte sich seiner Hauslehrerin, ging nach Berlin, suchte sie und fand sie.

Dann wurde Wanda geboren, außerhalb Berlins, in Groß Väter. Das Dorf, in dem sie ihre Kindheit verbrachte. Erst mit Schulbeginn kam Wanda zurück nach Wilmersdorf. Dort verbrachte sie ihre ersten Schuljahre mit Mutter und Schwester in einem Zimmer. Das andere bewohnte der Gast aus Ösel. Er schlug sich als Taxifahrer durchs Berliner Leben.

Da es für Musiker in Berlin kaum Arbeit gab, war das Familienoberhaupt nach Süd-Afrika ausgewandert. Vielleicht war die Lage dort besser, dann wollte er die Familie eines Tages nachholen. Wanda und ihre Schwester schrieben Briefe nach Afrika. Manchmal kam etwas Geld von dort. Es reichte kaum für das Nötigste.

Dafür mühte sich der Gast aus Ösel um Unterstützung der Familie.

Als Wanda 17 wurde, war der Kontakt nach Afrika eingeschlafen. Ihre Mutter starb, und der Gast erzählte Wanda, dass er ihr Vater sei. Der Musiker habe es immer gewusst, es habe keine Probleme gegeben deshalb. Nur echte Freundschaft. Auf einer Fotografie sitzt Wanda auf den Knien des Musikers, ihre Schwester, die Mutter und der Gast – der Vater – sitzen daneben.

Wanda machte eine Ausbildung zur Hauswirtschaftsleiterin und lernte in den letzten Kriegsjahren ihren künftigen Mann kennen. Sie gebahr ein Kind zur selben Zeit wie die neue Frau ihres Vaters. Der verschwand in den letzten Kriegstagen, und niemand hörte je wieder etwas von ihm.

Als Hauswirtschaftlerin leitete Wanda Georg später ein kleines Altenheim in Lichterfelde, wo alle mittun mussten: Ihre Freundinnen arbeiteten dort, ihr Mann hielt Lichtbildvorträge über die Geschichte Berlins. Er war dort bei den alten Menschen sehr beliebt. So erzählt es Wandas Freundin Käte.

Wandas Tochter und Kätes ältester Sohn: Bei einem ersten Vorstellen bat Käte Wandas Tochter: „Wollen Sie nicht bitte meinen Sohn heiraten?“, weil sie ihr auf den ersten Blick so gut gefiel. Wandas Tochter tat das.

Auf Besuch bei den Kindern ging der Hauswirtschaftssinn schon einmal mit Wanda durch. Wild verstreute Schmutzwäsche katapultierte sie über mehrere Etagen durchs Haus die Treppe hinunter: „So geht das nicht!“

Einen Tag vor ihrem Tod wurde Wanda mit Verdacht auf Schlaganfall ins Krankenhaus eingeliefert.

„Sie bleibt uns als ein stets von warmherziger Unruhe erfüllter Mensch in Erinnerung“, steht in der Todesanzeige.

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