Wirtschaft : Warten auf den Einschlag

Die Versicherungen nehmen die Gefahr von Meteoriten nicht ernst, sagen Fachleute und basteln an neuen Policen

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Von Charles Fleming

Terroranschläge, Kreditausfälle und Aktien im Sturzflug: Schlimmer kann es für Versicherungsunternehmen kaum kommen. Doch Gerhard Berz befürchtet noch größere Katastrophen. Berz leitet bei der Münchener Rück die Forschungsgruppe für Naturkatastrophen. Seine größte Sorge: Dass ein Meteorit auf die Erde stürzt. „Bis jetzt hat sich niemand um die Gefahr von Meteoriteneinschlägen gekümmert“, sagt Berz. „Doch langfristig müssen wir unsere Kunden überzeugen, dass sie mit diesem Risiko rechnen müssen.“ Der 60-jährige Meteorologe drängt seinen Arbeitgeber und andere Versicherer, seine Warnungen ernst zu nehmen. Auf den ersten Blick mag man glauben, Berz ginge es nur um eine neue Einnahmequelle für Versicherer. Doch er stützt seine Warnungen auf Fakten und statistische Wahrscheinlichkeiten: „Wahrscheinlich gibt es alle 300 bis 500 Jahre einen größeren Meteoriteneinschlag, der im Umkreis von mindestens 50 Kilometern Schaden anrichtet“, sagt Berz.

Im vergangenen Juni raste ein Asteroid von der Größe eines Fußballfeldes nur einige hunderttausend Kilometer an der Erde vorbei. Der letzte größere Meteorit schlug 1908 auf der Erde ein. Ein 60 Meter großer Felsbrocken aus dem All vernichtete damals in einer verlassenen Region in Sibirien mehr als 2000 Quadratkilometer Wald. Seitdem gab es viele kleinere Meteoriteneinschläge, wahrscheinlich 100 in den vergangenen 100 Jahren, schätzt Berz. Wenn das nächste Mal ein großer Asteroid in die Erdatmosphäre eintritt, erst dann spricht man übrigens von Meteorit, könnte er großen Schaden anrichten.

Die Versicherungsbranche müsse untersuchen, ob sie für solch ein Szenario gerüstet ist, und dies sei zu bezweifeln, schrieb Berz kürzlich in einem Bericht der Münchener Rück. Die Münchener Rück gehört zu einer kleinen Anzahl von Versicherern, die an der Spitze der „Nahrungskette“ der Branche steht. Rückversicherer versichern Direktversicherer, die wiederum Unternehmen und Einzelpersonen versichern. Damit bestimmen Unternehmen wie die Münchener Rück die Versicherungspolicen. Und daher sind auch die Pläne von Berz für die internationale Versicherungsbranche wichtig. Berz möchte Meteoriten als besonderes Risiko berücksichtigen, wenn die Münchener Rück im kommenden Jahr die Versicherungspolicen erneuert.

Auch der größte Konkurrent der Münchener Rück, die Schweizer Rück, bewertet das Risiko von Meteoriten neu. „Nach dem 11. September gab es einen Impuls in der Versicherungswelt, unterschätzte Risiken neu zu überdenken, und wir haben dazu eine Arbeitsgruppe eingerichtet“, sagt Ivo Menzinger, ein Experte für Naturkatastrophen bei der Schweizer Rück. Er teilt die Meinung von Berz, dass wahrscheinlich alle 300 bis 500 Jahre ein kleiner Asteroid auf die Erde fällt. Doch schätzt er die möglichen Folgen für die Versicherungsbranche längst nicht so hoch ein wie sein Kollege von der Münchener Rück. „Wahrscheinlich gibt es nur alle 100000 Jahre einen Versicherungsschaden nie da gewesenen Ausmaßes“, sagt er. „Und ein 50 Meter großer Meteorit wird sicherlich dort, wo er einschlägt, Schaden hervorrufen – aber nicht auf der halben Erdkugel.“

Auch anderen Vertretern der Versicherungsindustrie kommt Berz wie „Chicken Little“ vor – eine ängstliche Figur aus einer Geschichte für Kinder, die befürchtet, dass der Himmel herunterfällt. „Es gibt so viele dringlichere Themen“, sagt Luc Malatre, Rückversicherer-Experte beim Pariser Versicherungsmakler Gras Savoye. „ Als Rückversicherung würde ich mir mehr Gedanken über meine Anlagen an der Börse machen und mich fragen ob meine Reserven die Risiken decken.“ Doch Berz liegen größere Fragen mehr am Herzen. So hat sich die Zahl großer Naturkatastrophen in den vergangenen 30 Jahren verdreifacht, haben wirtschaftliche Schäden dramatisch zugenommen und sich die Kosten der Versicherer um den Faktor 14 multipliziert. Mit einem Meteoriteneinschlag könnten diese Schäden außer Kontrolle geraten und die Versicherungsbranche auslöschen.

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