Wirtschaft : Warten auf den Golf-Effekt

Volkswagen stockt die Produktion schon auf, bevor das neue Modell bei den Händlern steht

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Berlin (vis). „Er fährt jetzt auch geradeaus.“ Mit diesem Spruch wirbt Volkswagen für den neuen Golf. Von der fünften Generation des Mittelklassewagens aus Wolfsburg wird aber weit mehr erwartet: Sie soll der Autoindustrie in Deutschland wieder einen kräftigen Schub geben. „Wir sind überzeugt, dass der neue Golf ein kleines Konjunkturprogramm für Deutschland wird“, sagt Ferdinand Dudenhöffer, Direktor des Center Automotive Research (CAR) an der Fachhochschule Gelsenkirchen. Die deutsche Autoindustrie steckt im vierten Rezessionsjahr. Auch 2003 werde der Markt mit 3,22 Millionen zugelassenen PKW wieder unter dem Vorjahr liegen, erwartet Dudenhöffer. Doch ist er überzeugt, dass der Markt 2004 wieder in Schwung kommt. Der Golf V ist dabei neben den neuen Massenmodellen, die Opel und Ford bereits angekündigt haben, der wichtigste Hoffnungsträger. Am Freitag steht er erstmals bei den Autohändlern.

Die Nachfrage ist offenbar so groß, dass VW schon jetzt die Produktion ankurbelt. Wie schon zu Jahresbeginn wird vom 17. November an nach dem Schichtmodell „neun plus eins“ gearbeitet. Dabei arbeiten die Beschäftigten innerhalb von zehn Wochen neun Wochen, eine Woche ist arbeitsfrei. Das Modell gilt für 12000 Beschäftigte. Zudem wird eine zweite Montagelinie in Betrieb genommen und zusätzliche Schichten gefahren.

Wie hoch die Nachfrage nach dem neuen Golf tatsächlich ist und wie lang die Wartezeiten sind, will Volkswagen nicht verraten. Ende September hatte VW die Zahl der Vorbestellungen mit rund 40000 angegeben. Bis Ende des Jahres sollen noch 135000 Golf der neuen Generation verkauft werden, 600000 im kommenden Jahr. Mit bisher mehr als 22 Millionen verkauften Exemplaren ist der Golf das erfolgreichste Modell von Volkswagen.

Für den Autoexperten Dudenhöffer ist klar, dass der Markt jetzt wieder anzieht. So hätten die Hersteller stark in neue Produkte investiert. „Es hat noch nie so viele neue Produkte gegeben, die auch einen Markt machen, wie in diesem Jahr“, sagt Dudenhöffer. Marktmacher sind etwa der Astra, der Passat, der 5er BMW oder eben der Golf. „Gute, spannende Produkte haben den Kunden schon immer hungrig gemacht“, sagt Dudenhöffer. Hinzu kämen erste positive Signale von der Konjunktur, so dass „die Kunden wieder wagen, den Geldbeutel aufzumachen“. Und schließlich: Die Autos auf den deutschen Straßen sind alt geworden, im Schnitt 7,8 Jahre. Das sei deutlich mehr als in den vergangenen Jahren. Ein Grund mehr also, über den Kauf eines Neuwagens nachzudenken. Was die Kauflust noch bremsen könne, ist neben der hohen Arbeitslosigkeit auch die Unsicherheit über die vielen Reformen, über die in Berlin gerade diskutiert werde.

Der Golf hat in Deutschland einen Marktanteil von knapp zehn Prozent. Daher könne der neue Golf schon ein „Zündfunke“ sein, der die Wende auf dem lahmenden Automobilmarkt bringt, sagt auch Jürgen Pieper, Analyst bei Metzler Equity Research. Nicht nur die Hersteller wie VW setzen ihre Hoffnung auf neue Modelle. Noch viel wichtiger sei der Erfolg für die Händler, die seit vier Jahren unter der Rezession litten, sagt Dudenhöffer.

Auch die Zulieferer setzen auf das neue Modell: Denn 75 Prozent des Produktionswertes eines Fahrzeuges wird von ihnen erstellt, sagt Dudenhöffer. Vom GolfEffekt profitieren die Zulieferer also stärker als der Hersteller selbst. Von einem „Projekt mit maßgeblicher Bedeutung“ spricht daher zum Beispiel auch Beru, einer von Hunderten Zulieferern für den Golf V. Beru liefert ein neuartiges Dieselschnellstartsystem.

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