Wirtschaft : Warten auf die Jahresend-Rallye

Greenspan stoppt die Aufwärtsbewegung– vielleicht ist der Endspurt beendet, bevor er richtig beginnt

Bernd Hops,Walter Pfaeffle

Berlin/New York - „Die JahresendRallye ist immer ein beliebtes Thema“, sagt Christoph Niesel, Fondsmanager bei Union Investment. Aus der langjährigen Erfahrung könne man immerhin sagen, dass November, Dezember und Januar in der Regel die besten Börsenmonate eines Jahres sind. Doch wenn die Investoren bereits im November optimistisch und stark engagiert sind, dann besteht die Gefahr, dass die allseits erwartete Rallye zum Jahresende ausbleibt oder nur verhalten stattfindet. „Der Rally dürfte allmählich die Luft ausgehen“, schreiben denn auch die Experten von Helaba Trust in ihrem Wochenausblick. Immerhin stieg der Dax in der vergangenen Woche erstmals seit Juli 2002 über die Marke von 4200 Zählern. Seit Anfang November gewann der Dax – unterstützt von einem fallenden Ölpreis – rund fünf Prozent. Doch Freitagnachmittag brach er im Sog der Wall Street massiv ein.

Bis dahin hatte es auch in New York in der vergangenen Woche durchaus gut ausgesehen. Alles sei in Butter gewesen, sagten Börsianer, bis Alan Greenspan am Freitag in Frankfurt auftrat. Tatsächlich haben die düsteren Prognosen des amerikanischen Notenbankchefs vor dem Europäischen Bankenkongress Unheil angerichtet. Bis dahin hatten optimistische Investoren den Aktienmarkt belebt. Der Dow-Jones-Index war auf seinen höchsten Stand seit März gestiegen und der technologieorientierte Nasdaq hatte erstmals seit Januar mehr als 2100 Punkte erreicht. Dann verdarb Greenspan mit seiner Kritik am hohen US-Leistungsbilanzdefizit die Anlegerlaune. Wüchse es weiter in diesem Tempo, dann würden ausländische Investoren für weitere Dollar-Anlagen eine Risikoprämie verlangen, sagte der 78 Jahre alte Zentralbanker. Neu war an dieser Äußerung nur, dass Greenspan sie gemacht hat.

Die Märkte zogen schnell ihre Schlüsse: steigende Zinsen könnten in den USA die wirtschaftliche Erholung verhindern. Die Aktienkurse fielen am Freitag um mehr als ein Prozent.

Mit Spannung erwarten die Märkte nun die letzten US-Konjunkturziffern des Jahres 2004. Zum Beispiel die am Dienstag fällige Zahl der Verkäufe neuer Einfamilienhäuser und die Auftragseingänge bei langfristigen Wirtschaftsgütern. Von Interesse ist auch der Verbraucherindex der Universität Michigan. In der zweiten Wochenhälfte ist aus den USA nicht mehr viel zu erwarten, da am Donnerstag wegen „Thanksgiving“ die Aktienmärkte geschlossen sind und am Freitag nur halbtags gehandelt wird. Eine Besonderheit zum Jahresende ist an der Börse das so genannte „window dressing“. Investoren versuchen ihre Jahresbilanz zu optimieren. Werte, die bislang schlecht gelaufen sind, werden dann aus dem Portfolio genommen. „Da gibt es manchmal richtige Schnäppchen“, sagt Union-Fondsmanager Niesel. Gute Aktien würden hingegen zugekauft. Gleichzeitig rechne jeder mit einer Jahresend-Rallye und wolle nicht außen vor bleiben. „Die Rallye wird so zu einer sich selbst erfüllenden Geschichte“, sagt Niesel. Außerdem achteten die Anleger auf die wichtigsten Trends, um schon für den nächsten Aufschwung positioniert zu sein – die Jahresanfangs-Rallye. Denn zur Jahreswende werden häufig die Zinsen von Anleihen fällig und Versicherer kassieren Prämien aus den Policen. Das Geld dränge dann an die Kapitalmärkte.

Doch „niemand sollte darauf spekulieren, dass er im Dezember und Januar immer einen Gewinn einstreichen wird“, mahnt der Fondsexperte. Anleger sollten drei Dinge beachten. Erstens dürften die Aktien nicht zu teuer sein. Zurzeit seien deutsche Aktien „attraktiv und nicht überbewertet“. Zum Zweiten müssten Anleger auf die fundamentalen Daten achten, also Unternehmensgewinn und Wachstum. In diesem Punkt sei die Lage schwierig, weil die hohen Gewinnsteigerungen dieses Jahres im kommenden Jahr nicht zu wiederholen seien. An dritter Stelle komme die Psychologie. Die Anleger seien noch zurückhaltend, institutionelle säßen auf vollen Kassen. Alles in allem seien das gute Aussichten. Niesel: „Die Skepsis stimmt mich optimistisch.“

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